Superwahljahr

 

Ein bis heute ungeklärtes Verbrechen

Bad Homburg, 30. November 1989, 8:34 Uhr: Der tonnenschwere Mercedes des Vorstandssprechers der Deutschen Bank AG, Alfred Herrhausen, wird durch eine ohrenbetäubende Explosion, die „lauter als der Knall eines Flugzeuges, das die Schallmauer durchbricht“ (Frankfurter Rundschau, 1. Dezember 1989) gewesen sein soll, total zerstört. Der damalige hessische Verfassungsschutz-Chef Günter Schleicher spricht später von „absolut professioneller Präzisionsarbeit“; es seien, so BKA-Abteilungsleiter Wolfgang Steinke, „erstklassige Profis am Werk“ gewesen. Diese wußten in der Tat genau, was sie taten: Die Hohlladungsmine, die dem damals 59jährigen Herrhausen zum Verhängnis wurde, war so ausgerichtet, daß sie ihre Hauptwirkung im hinteren rechten Teil des Dienstwagens entfaltet – eben dort, wo der Bankmanager zu sitzen pflegte. Dessen Fahrer, Jacob Nix, überlebt wie durch ein Wunder. Ein Blatt Papier, das sich an der Zündvorrichtung findet, lenkt den Verdacht in Richtung Rote Armee Fraktion (RAF). Auf diesem Papier ist ein roter RAF-Stern und die Aufschrift „Kommando Wolfgang Beer“ zu sehen. Der Generalbundesanwalt übernimmt kurz nach dem Mord die Ermittlungen. Ein sogenanntes Bekennerschreiben der RAF, datiert auf den 2. Dezember und am 4. Dezember mit einem fiktiven Absender in Karlsruhe aufgegeben, konkretisiert den Verdacht. Darin steht zu lesen: „unter herrhausen hat sich die deutsche bank zur europaweit größten bank aufgeschwungen und dominiert die wirtschaftliche und politische entwicklung. sie hat ihr netz über ganz westeuropa geworfen und steht an der spitze der faschistischen kapitalstruktur … seit jahren bereitet sie den einbruch in die länder osteuropas vor, jetzt steht sie und andere lauernd in den startlöchern, um auch die menschen dort wieder dem diktat und der logik kapitalistischer ausbeutung zu unterwerfen.“ Deshalb sei Herrhausen „hingerichtet“ worden. Mit ihm verlor die deutsche Wirtschaft und die Bundesrepublik, wie Jürgen Jeske in der FAZ in einem Kommentar treffend feststellte, „einen ihrer Besten“. Nicht nur für die Deutsche Bank sei sein Tod „ein schwerer Schicksalsschlag“. Wer für diesen Anschlag tatsächlich verantwortlich ist, ist bis heute, 15 Jahre nach diesem folgenreichen Attentat, weiterhin eine offene Frage. „Kronzeuge“ Siegfried Nonne, der die mutmaßlichen RAF-Mitglieder Christoph Seidler und Andrea Klump belastete und behauptete, vier Täter hätten in seiner Wohnung den Anschlag vorbereitet, galt aufgrund seiner psychischen Probleme schnell als nicht glaubwürdig. Darüber hinaus widerrief er seine Darstellung und enthüllte, vom hessischen Verfassungsschutz angeblich zu seinen Aussagen genötigt worden zu sein. Seidler stellte sich selbst und mußte wieder auf freien Fuß gesetzt werden. Auch der Mordverdacht gegen Klump konnte nicht verifiziert werden. Ähnliches gilt für alle acht Morde zwischen 1985 und 1991, die der „3. RAF-Generation“ zugeschrieben werden. (Der letzte dieser Morde ist – nicht minder folgenreich als der an Herrhausen – der an Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder gewesen.) Kein einziger dieser Morde konnte bis heute aufgeklärt werden. Diese Morde seien nicht nur nicht aufgeklärt worden, so behauptet Gerhard Wisnewski, Mitautor des „umstrittenen“, weil „verschwörungstheoretisch“ anlegten Buches „Das RAF-Phantom“ (München 1992), es gebe auch keinerlei Beweise für eine Täterschaft der RAF. Was Wisnewski und seine Mitautoren nahelegen wollen, ist dieses: Die RAF soll gezielt von Geheimdiensten unterwandert worden sein, um unter ihrer Tarnkappe unbequeme Personen beseitigen zu können. Daß der Kohl-Freund Herrhausen vielen einflußreichen Kreisen „unbequem“ geworden war, daran kann heute keinerlei Zweifel mehr bestehen. Dieser „Solitär“ unter den Wirtschaftsführern arbeitete sich mit großer Energie nach oben. 1930 in Essen als Sohn eines Vermessungsingenieurs geboren, besuchte Herrhausen in der Zeit des Nationalsozialismus eine Begabtenschule („Napola“) in Feldafing/Bayern. Weil er keinen Studienplatz für das Fach Philosophie finden konnte, schrieb er sich in Köln für Betriebs- und Volkswirtschaft ein. Zum Dr. rer. pol. promovierte Herrhausen bei Theodor Wessels. Bereits als 29jähriger erhält er bei den Vereinigten Elektrizitätswerken Westfalen (VEW) Prokura. 1967 rückt er in den VEW-Vorstand auf. 1969 holt ihn F. Wilhelm Christians zur Deutschen Bank AG. Bereits 1971 ist der Erfolgsmensch Herrhausen ordentliches Mitglied des Vorstandes. Als Stärken Herrhausens werden dessen scharfer analytischer Verstand, seine brillante Rhetorik, sein Fleiß und seine große Selbstdisziplin gerühmt. Bald galt Herrhausen als einer der fähigsten Wirtschaftsfachleute, über die Deutschland verfügte. Seine Stellung wurde durch eine Reihe von wichtigen Aufsichtsratmandaten unterstrichen. Folgerichtig übernahm Herrhausen im Mai 1985 – zusammen mit Christians – die Funk-tion des Vorstandssprechers der Deutschen Bank, der größten privaten Bank der Bundesrepublik. Nach dem Ausscheiden von Christians wurde Herrhausen im Mai 1988 alleiniger Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Im selben Jahr wurde er zum „Europäischen Manager des Jahres“ gekürt. Seit diesem Zeitpunkt versuchte Herrhausen, der Deutschen Bank einen Platz unter den zwölf größten Bankinstituten der Welt zu sichern. Die Übernahme der britischen Merchant Bank Morgan Grenfell kurz vor seinem Tod unterstrich diese Ambitionen eindrücklich. Diese Ambitionen wurden auch auf anderen Gebieten augenfällig. Herrhausen setzte sich – zumindest teilweise – für eine Schuldenstreichung für die Dritte Welt ein, was den Interessen einer Reihe von US-Großbanken diametral entgegenlief. Der Ausfall eines Schuldners wie Brasilien hätte zum damaligen Zeitpunkt einige US-Großbanken an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. Man kann sich vorstellen, wie „erfreut“ bestimmte Bankvorstände über Herrhausen Vorstoß waren. Die Herausforderung der US-Finanzhegemonie, derer sich Herrhausen bewußt gewesen sein muß, wird auch in einer Rede augenfällig, die Herrhausen nicht mehr halten konnte, weil er vorher ermordet wurde. Am 4. Dezember 1989 wollte er bei der Arthur-Burns-Gedächtnisveranstaltung der „Atlantik-Brücke“ sprechen. In dieser Rede, die die Hamburger Zeit eine Woche später dokumentierte, regte Herrhausen das Modell einer polnischen „Entwicklungsbank“ an, die dem Modell der deutschen Kreditanstalt für Wiederaufbau folgen sollte. Herrhausen schlug weiter eine „Europäische Entwicklungsbank“ vor, deren Mittel in allen Staaten Osteuropas so zweckgerichtet und effizient eingesetzt werden sollten, wie es einst mit den Geldern des Marshall-Planes im zerstörten Westeuropa geschah. So unverfänglich diese Ausführungen auf den ersten Blick auch klingen mögen, sie bergen Sprengstoff in sich, weil Herrhausen hier einen vom US-Finanzdiktat – für die Internationaler Währungsfonds (IWF) und Weltbank stehen mögen – unabhängigen Weg ins Spiel brachte. Er stellt so etwas wie den Gegenentwurf zur berüchtigten amerikanischen „Schocktherapie“ dar, die die Einführung kapitalistischer Bedingungen in Osteuropa und Rußland quasi über Nacht zum Inhalt hatte. Hätte sich Herrhausen mit seinen Vorstellungen durchgesetzt, hätten die sozialen Verwerfungen der „Schocktherapie“ möglicherweise vermieden werden können. Nicht zu Unrecht kommentieren die Autoren des „RAF-Phantoms“: „Selbstverständlich berührten Herrhausens Initiativen zumindest den Geist des Abkommens von Jalta … Die in Jalta vorgenommene Aufteilung des Kontinents in bestimmte Einflußzonen war über Nacht ungültig geworden, und mit dem wiedervereinigten Deutschland, seiner Wirtschaftsmacht und geographischen Lage, betrat plötzlich ein neuer Global oder Continental Player die Szene, bereit, die Lücke nach dem Zusammenbruch des Systems von Jalta auszufüllen. Das wurde im Ausland, insbesondere in den Jalta-Staaten, mit Aufmerksamkeit registriert.“ Nach dem Tode Herrhausens wagte kein Mitglied seiner Zunft mehr, die IWF-Politik so in Frage zu stellen, wie es Herrhausen getan hat. Schon gar nicht dessen Nachfolger in der Deutschen Bank, mögen sie nun Kopper, Breuer oder Ackermann heißen. Von Visionen, wie sie Herrhausen entwickelt hat, kann heute keine Rede mehr sein. Foto: Die zerstörte Herrhausen-Limousine in Bad Homburg, 30. November 1989: „Einer der Besten“

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