Joachim Kuhs

 

Parteiauftrag: Mord

Daß das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Gegner oder Abtrünnige physisch liquidieren ließ, ist keine neue Erkenntnis. In Einzelfällen wie dem Vergiftungsversuch an dem Fluchthelfer Wolfgang Welsch wurde der Täter sogar verurteilt. Die Geschichte des MfS muß nicht umgeschrieben werden, wenn es gelingen sollte, das kürzlich verhaftete angebliche Mitglied einer MfS-Terrorgruppe des mehrfachen Mordes zu überführen. Allerdings haben die neuen Vorwürfe schon von der Qualität her eine andere Dimension. Angeblich, so heißt es, habe der Mann gestanden, zwischen 1976 und 1987 insgesamt 27 Menschen erschossen zu haben. Ob dieses „Geständnis“ vor Gericht Bestand hat, bleibt abzuwarten. Auf MfS-Akten als Beweismittel kann man wohl in diesem Fall kaum hoffen. Wenn sie je existiert haben, sind sie rechtzeitig vernichtet worden. In jedem Falle kann man die laufenden Ermittlungen nur begrüßen. Unabhängig von ihrem Ausgang werden sie unsere Kenntnis der Zeitgeschichte erweitern und manches ungeklärte Schicksal, wie das des 1980 erschossen aufgefundenen DDR-Finanzministers Siegfried Böhm, erneut ins Bewußtsein der Öffentlichkeit rücken. Damit wird jedenfalls verhindert, daß die völlig verunglückte Geschichte des „real existierenden Sozialismus“ noch mehr ins Altbacken-Lächerliche abgleitet. Dabei gilt auch weiterhin: Die SED-Führung herrschte mit Hilfe des MfS – nicht umgekehrt. Auch bei Mordtaten waren die Tschekisten „Schild und Schwert“ der Partei.

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