Joachim Kuhs

 

Diabolisches Bauernopfer

Hawaii am 7. Dezember 1941. Das Inselparadies ist Garnison der sogenannten „Ananas-Armee“ der US-Streitkräfte im Pazifischen Ozean. Die warme Morgendämmerung breitet sich nach einer tropischen Samstagnacht, die erfüllt war vom Klang der Ukulelen und dem süßen Duft der Plumeriablüten, über dem Meer aus. An diesem Sonntagmorgen starteten 350 japanische Flugzeuge von sechs Flugzeugträgern zwei Angriffswellen. Um 7.51 Uhr erreichte die erste Welle die Insel Oahu, die amerikanische Militärs als stärkste Festung der Welt bezeichnet hatten. Sie zerfetzte die Schlachtschiffe der USS-Arizona, USS-Utah, USS Oklahoma, USS Cassin, USS Downes, USS Shaw und USS Oglala und zerstörte die Schofield-Kasernen und Fort Shafter. Die von der Luftwaffe unterhaltenen Hangars und die darin befindlichen Flugzeuge hatten schwere Schäden davongetragen. Das ganze Ausmaß der erlittenen Verluste wurde den amerikanischen Medien jedoch erst am 16. Dezember 1941 von Marineminister Frank Knox eröffnet. Er bestätigte die ersten Angaben der in Honolulu erscheinenden Tageszeitung Star-Bulletin. Nach dieser Zeitung waren insgesamt 2.897 Amerikaner ums Leben gekommen, 879 verwundet worden, und 26 galten als vermißt. Die Verluste der japanischen Angreifer bezifferte er auf 41 abgeschossene Flugzeuge, ein erbeutetes und vier versenkte Mini-U-Boote mit je zwei Mann Besatzung. „Pearl Harbor“ brannte sich in das kollektive Gedächtnis ein als Chiffre für militärische Infamie und für ein Verhängnis, das Nichtsahnenden aus heiterem Himmel droht. Dies war der Hauptgrund, warum die Wahrheit über die Vorgänge und Entscheidungen, die zum Überfall Japans auf die amerikanische Pazifik-Flotte führten, über fünfzig Jahre nach den dramatischen Ereignissen noch immer außer Frage zu stehen schien. Der Journalist Robert B. Stinnett, hochdekorierter Veteran des Pazifik-Krieges und intimer Kenner der Geheimdienstszene, stellt sie indes in Frage. Mehr noch: Er widerlegt in seinem Buch, für das er über 17 Jahre in allen ihm zugänglichen Archiven des Außen- und Kriegsministeriums und der US-Marine akribisch recherchierte, den allergrößten Teil der vermeintlichen Gewißheiten über den wirklichen Ablauf des Geschehens, das dem verheerenden japanischen Angriff auf den Flottenstützpunkt und die benachbarten Kasernen vorausging. Mit amtlichen Dokumenten rekonstruiert und belegt er, daß für Präsident Franklin Delano Roosevelt und viele seiner militärischen und politischen Berater dieser Angriff keineswegs überraschend kam. Der Autor macht dabei kein Hehl aus seiner Empörung, als er nach seinen umfangreichen Archiv-Recherchen und Unterredungen mit Kryptologen der Armee entdeckte, welche Geheimnisse jahrzehntelang vor dem amerikanischen Volk verborgen gehalten wurden. Tatsächlich war die Frage, ob die US-Regierung über das, was am 7. Dezember 1941 im Pazifik geschah, vorab informiert war, bereits mehrmals Gegenstand kontroverser Diskussionen. Obwohl Ausschüsse belogen, Zeugen beeinflußt, Beweise vernichtet und Aussagen revidiert wurden, wußte man seit langem, daß die diplomatischen Depeschen der Japaner, die auf bevorstehende Kriegshandlungen hinwiesen, abgefangen und entschlüsselt worden sind. Aber Stinnett fand heraus, daß die Regierung Roosevelts noch viel mehr wußte, gezielte Provokationen inszenierte und den militärischen Nachrichtenverkehr der Japaner abhörte und entschlüsselte. Sie wußte genauestens über den bevorstehenden Überfall Bescheid. Die USA waren nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges ein desillusioniertes Land. Fast neunzig Prozent der Amerikaner hatten sich zum Isolationismus bekehrt, weil sie ihren Söhnen, Brüdern und Männern das Grauen eines weiteren Krieges ersparen wollten. Man war der festen Überzeugung, Präsident Roosevelt werde sein Wahlkampfversprechen halten, amerikanische Soldaten nicht zum Kämpfen auf fremde Schlachtfelder zu schicken. So ging Roosevelt realistisch davon aus, nur eine offene kriegerische Aggression gegen die Vereinigten Staaten könne seine Landsleute dazu bringen, sich gemeinsam mit ihm hinter der Fahne zu sammeln. Der Entschluß, den er mit seinen Beratern faßte, sah vor, die Japaner durch verschiedene feindselige Aktionen – allem voran der britisch-amerikanische Öl-Boykott von 1940 – zu einer solchen offenen Kriegshandlung zu provozieren. Der Überfall auf die 1939 nach Hawaii verlegte Flotte schien dabei sowohl für die USA wie auch Japan naheliegend. Stinnett fand nicht nur heraus, daß kurz vor dem 7. Dezember alle modernen Schiffe, darunter alle Flugzeugträger, überraschend aus Pearl Harbor abkommandiert wurden, so daß dort nur Relikte aus dem Ersten Weltkrieg lagen, von denen die meisten später wieder flottgemacht wurden, sondern daß auch die Funkstille, unter der die japanischen Angreifer angeblich operierten, eine Lüge war. Sämtliche Funksprüche wurden von US-Stellen mitgehört und sofort entschlüsselt. Auch daß die Japaner nach dem Angriff ins Nichts verschwanden, entlarvt der Autor als Lüge. Man hätte sie verfolgen und vernichten können, aber das paßte nicht ins Drehbuch der Tragödie. Wahr ist offenbar nur, daß die US-Regierung zwar ihre besten Schiffe in Sicherheit brachte, aber ohne Vorwarnung 2.476 (die tatsächliche Zahl) ihrer Bürger opferte, um das amerikanische Volk endlich für den Kriegseintritt umzustimmen. Im April 1945, vier Monate vor der Kapitulation Japans, starb Roosevelt. Stinnett räumt ein, daß es im Interesse der nationalen Sicherheit nötig gewesen sein mochte, die Wahrheit über Pearl Harbor bis zum Kriegsende geheimzuhalten. Sie über fünfzig Jahre lang zu unterdrücken, hieß jedoch in Kauf zu nehmen, daß die Welt sich ein verzerrtes Bild von der Geschichte des Zweiten Weltkriegs machte. Daß vor und nach Roosevelt auch andere Präsidenten ähnlich zu Mitteln der Täuschung griffen, ist für ihn indes kein Trost. Den Toten und Überlebenden von Pearl Harbor schulde man die Wahrheit über die Ereignisse vom Dezember 1941. Foto: US-Kriegsschiff im Hafen von Pearl Harbor auf der hawaiianischen Insel Oahu. Im Vordergrund Grabsteine der beim japanischen Angriff 1941 gefallenen US-Soldaten: Die besten Schiffe in Sicherheit Robert B. Stinnett: Pearl Harbor. Wie die amerikanische Regierung den Angriff provozierte und 2.476 ihrer Bürger sterben ließ. Zweitausendeins, Frankfurt 2003, 565 Seiten, 14,90 Euro

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