Ehrenposten

Johannes Rau hat es fertiggebracht, in seiner jetzt dreieinhalbjährigenPräsidentschaft ein nahezu unbekanntes Wesen zu bleiben. Das hindert ihn nicht daran, Interesse an einer zweiten Amtsperiode zu bekunden. Wozu könnte die gut sein? Er wurde 1999 nicht zum Präsidenten gemacht, weil er der beste denkbare Kandidat war, sondern weil seine Partei ihn als NRW-Ministerpräsidenten entsorgen wollte. Das Amt des Bundespräsidenten ist jedoch zu wichtig, um noch länger als Ehrenposten für einen verdienten Partei-Veteranen mißbraucht zu werden. In einem Land, daß seine verschwiemelte Denkfaulheit aufbrechen muß, ist Raus Lebensmotto „Versöhnen statt spalten“ die falsche Voraussetzung. Der Hypermoralismus als Politikkonzept ist am Ende, die langjährige Schutzmacht USA erweist sich als gefährlicher Freund, der rheinische Kapitalismus ist in die Krise geraten. In dieser Situation geht es darum, Fenster aufzustoßen und die herrschende Atmosphäre aus diskursivem Muff und moralischer Erpressung durch geistige Frischluft zu ersetzen. Dazu ist Rau weder intellektuell noch habituell in der Lage. Die Tatsache, daß der amtierende Kanzler in ihm ein Spiegelbild seiner eigenen Anspruchslosigkeit erblickt und deshalb seine zweite Amtszeit ausdrücklich befürwortet, sollte Rau nicht davon abhalten, das zu tun, was für sein Land das Beste ist und am 30. Juni 2004 fristgerecht abzutreten!

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles