Vor 250 Jahren erschien Adam Smiths Buch „Der Wohlstand der Nationen“, das in kurzer Zeit um die Welt ging und sie grundlegend verbesserte: mehr als alle gut gemeinte Wohlfahrtsstaatlichkeit und Sozialpolitik, deren Ideal nicht das Vermehren, sondern das „sozial gerechte“ Verteilen der Güter ist. Ohne die Freiheitslehre dieses Buches gäbe es nicht die Millionen, die nur auf Basis von Arbeitsteilung, Wettbewerb und Eigentumsfreiheit überleben können und häufig gleichwohl jenen „Kapitalismus“ kritisieren, dem sie ihre Existenz verdanken.
Adam Smith wurde im Jahre 1723 im schottischen Kirkcaldy geboren. Als Junggeselle lebte er – von Mutter und Cousine umsorgt – in gesicherten häuslichen Verhältnissen, studierte in Glasgow und Oxford, erlangte seine Weltläufigkeit durch eine Bildungsreise mit seinem Gönner, dem Herzog von Buccleuch, durch Frankreich, wo er mit Spitzen der europäischen Aufklärung bekannt wurde. Er war nicht nur mit David Hume, sondern auch mit Jacques Turgot, James Watt, Edward Gibbon, Walter Scott, Samuel Johnson und William Pitt bekannt oder befreundet.
Adam Smiths große Entdeckung
1752 – mit 28 Jahren – übernahm er in Glasgow den Lehrstuhl für Moralphilosophie, der damals auch die Ökonomie umfasst – nicht zu deren Nachteil, möchte man sagen. 1759 erschien das erste seiner zwei Hauptwerke: „Die Theorie der ethischen Gefühle“ – eine Grundlegung der Moral, die (für allzu spezialisierte Ökonomen) nur vordergründig im Widerspruch zu dem berühmteren „Wohlstand der Nationen“ steht.
Worin besteht die bahnbrechende Erkenntnis dieses eleganten, anschaulich geschriebenen Buches? Es ist die bis heute oft missverstandene Einsicht: dass das Verfolgen von Eigeninteressen („self interest“) – unter der Voraussetzung geltender Regeln in Moral, Sitte und Gesetz – zum bestmöglichen Wohl aller führt: zu einer spontanen Ordnung, von der alle profitieren.
„Mein Vorteil – dein Gewinn“
Anders gefasst: In einer liberalen arbeitsteiligen Eigentums- und Wettbewerbsordnung kann sich der Einzelne nur durch Dienst am Nächsten (oder Fernsten) vorwärtsbringen: „Mein Vorteil – dein Gewinn“. Die entsprechende Kernstelle im „Wohlstand der Nationen“ lautet: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeiten, sondern von deren Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Menschenliebe, sondern an ihre Eigenliebe und sprechen ihnen nie von unseren eigenen Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen.“
Das von ihm sogenannte „natural system of perfect liberty and justice“ ist das ungeplante Ergebnis individueller Entscheidungen, solange es jedermann freisteht, eigenen Interessen unter den genannten Regeln zu folgen. Es steht für Smith fest, dass die Menschen selbst am besten wissen, was ihnen nützt.
Der Staat ist ein Besserwisser
„Der Einzelne vermag ganz offensichtlich aus seiner Kenntnis der öffentlichen Verhältnisse weit besser zu beurteilen, als es irgendein Staatsmann oder Gesetzgeber für ihn tun kann, welcher Erwerbszweig im Lande für den Einsatz seines Kapitals geeignet ist und welcher einen Ertrag abwirft, der den höchsten Wertzuwachs verspricht.“ Ein Staatsmann aber, der versuche, Privatleuten vorzuschreiben, auf welche Weise sie ihr Kapital investieren sollten, „würde sich damit zunächst eine unnötige Last aufbürden, gleichzeitig aber eine Autorität anmaßen, die nirgends so gefährlich wäre wie in der Hand eines Mannes, der dumm und dünkelhaft genug wäre, sich auch noch für fähig zu halten, sie ausüben zu können“. Das wäre die hayekianische „Anmaßung von Wissen“.
Dies bedeutet: Aufhebung aller staatlichen und privaten Monopole und Zwangsbindungen: eine Kritik an Staatswirtschaft und Zöllen (Merkantilismus), an monopolistischen Zünften und sonstigen Gewerbebindungen, an Leibeigenschaft und Schollenzwang. Ein Programm also gegen die Mächtigen und die Monopolisten und gegen den „aufgeklärten Absolutismus“, die wohlfahrtsstaatlichen Strukturen jener Zeit.
Ein Programm für kleine Leute
Es ist ein Programm nicht für die machtvollen Nutznießer des Status quo, sondern ein Befreiungsprogramm für die kleinen Leute, die nichts haben als ihre Talente, ihren Fleiß und ihren Aufstiegswillen. Hart geht Adam Smith mit der Anmaßung der Politiker ins Gericht. Politiker sieht er als „geschickte, listenreiche und schlaue Geschöpfe“ an, die sich opportunistisch den jeweiligen Umständen anpassen. Ähnlich schlechte moralische Zensuren erhalten auch die Unternehmer, die jede Gelegenheit nutzen, sich durch Kartellabsprachen gegen Verbraucherinteressen zu verbünden.

Die entscheidende innovative Rolle des Unternehmers im Marktgeschehen zu erkennen, ist freilich erst der späteren Österreichischen Schule gelungen (Mises, Hayek, Schumpeter, aktuell: Weiying Zhang), die auch die unhaltbare „objektive“ Arbeitswertlehre von Smith widerlegt hat (Böhm-Bawerk).
Wo Adam Smith sich irrte
Nicht die in ein Gut investierte Arbeit, sondern subjektive Wertschätzung der Konsumenten und der Grad der Knappheit bestimmen den Wert der Güter. Die Verkennung der entscheidenden Rolle der Unternehmer und die Arbeitswertlehre sind zwei Schwachpunkte im Werk von Adam Smith.
In der Smith-Rezeption kehren bis heute immer die gleichen irreführenden Argumente wieder: vor allem das Missverständnis, welches Eigeninteresse mit „Egoismus“, Habgier, Materialismus, Dschungelmoral gleichsetzt. Regelmäßig wird verkannt, dass das Eigeninteresse, das als Gefühl, Affekt oder Motiv jedem Menschen eigen ist, gezügelt wird durch das Gewissen („den unparteiischen inneren Beobachter“ nach Smith), durch die elementaren Regeln der Gerechtigkeit, durch positive Gesetze, also einen Staat, der Ungerechtigkeit (Raub, Mord, Vertragsbruch) sanktioniert, und schließlich besonders durch die Wirkung freier Konkurrenz.
Warum der Markt moralisch ist
Ja, man kann sagen, dass die Basis einer spontanen, namentlich ökonomischen Ordnung eben die Moral ist, deren Regeln so präzise sein können wie die Regeln der Grammatik: Wer mir zehn Euro leiht, dem schulde ich gerade diese zehn Euro. Die Basis einer Marktwirtschaft ist eine Ordnung, die das self interest diszipliniert. Ohne dieses könnte es keinen freien Tausch geben.

Gern wird, wie später Walter Eucken ausführte, Eigeninteresse auch mit dem „wirtschaftlichen Prinzip“ verwechselt, wo doch das persönliche Motiv auch sein kann, die erhofften Gewinne für karitative, soziale oder kulturelle Zwecke zu verwenden. Mein unmittelbares Eigeninteresse kann auch sein, meine Familie über Wasser zu halten – oder auch nur mich selbst, weil ich sonst anderen Menschen zur Last fallen würde.
Egoist, um Altruist zu sein
„Self interest“, ob „Egoismus“ oder „Altruismus“, bestimmt die Zwecke, auf welche die Wirtschaftspläne ausgerichtet werden. Durch Handeln nach dem wirtschaftlichen Prinzip wird die Auswahl der Mittel bestimmt, um diese Zwecke zu erreichen. „Egoismus“ und „wirtschaftliches Prinzip“ befinden sich also auf verschiedenen Ebenen.
Es ist nicht paradox, einen maximalen Gewinn zu erstreben, um dann eine Privatuniversität stiften zu können oder ein Krankenhaus, seinen Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen oder für die Ärmsten der Armen wohltätige Einrichtungen zu unterstützen. Man ist „Egoist“, um Altruist sein zu können.
Der Unternehmer als Freund und Helfer
Und wie entsteht der Gewinn? Indem der Unternehmer nahen oder fernen Kunden eine nützliche Leistung bietet, damit deren Freude (durch Bedürfnisbefriedigung) steigert, deren Leiden (die Empfindung des Mangels) vermindert. Der Unternehmer ist ein Knappheitsüberwinder, sei es durch Innovation, sei es durch Arbitrage …
Später wird Wilhelm Röpke vom Markt als täglichem Plebiszit über die Leistungen der Unternehmer sprechen. Diese „Konsumentensouveränität“ bestimmt darüber, welches Unternehmen erfolgreich ist und welches nicht. Der Unternehmer wird nur groß durch seinen Dienst am nächsten oder fernsten Kunden. Er muss gehorsamer Diener, kann nicht Herr des Marktgeschehens sein, wenn er nicht scheitern will. Das gilt auch für Großkonzerne im nationalen oder internationalen Wettbewerb, zum Beispiel aktuell für die berühmten deutschen Autokonzerne.
Nachtwächter müsste man sein
Der Staat zur Zeit von Adam Smith war kaum weniger interventionistisch als der moderne. Schon insoweit sind seine Lehren aktuell. Wie später F. A. von Hayek kritisiert er die Anmaßung von Wissen durch die Politik, namentlich den „Mann des Systems“, der die Menschen wie Figuren beim Schachspiel nach allgemeinem Plan lenken will, wo doch jeder Mensch sein eigenes Bewegungsgesetz hat.
Was folgt aus alledem für die Staatsaufgaben? Smith ist Vertreter eines Minimalstaates, also kein Anhänger des Staatsnihilismus (der „reinen Privatrechtsordnung“) wie Hans-Hermann Hoppe, der ihn – wie fast alle politischen Denker außer sich selbst – für einen „Sozialdemokraten“ erklärt.
Wohlstand für alle durch Kapitalismus
Im System natürlicher Freiheit, so schreibt Smith, hat der Landesherr nur drei Pflichten zu erfüllen: „Erstens die Pflicht, die Gesellschaft vor Gewalttaten und Angriffen anderer unabhängiger Gesellschaften zu schützen; zweitens die Pflicht, jedes Mitglied der Gesellschaft so weit wie möglich gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung seitens jedes anderen Mitgliedes zu schützen … und drittens die Pflicht, bestimmte öffentliche Bauwerke und bestimmte öffentliche Einrichtungen zu schaffen und instand zu halten.“
Er ist für ein privates Bildungswesen (bei elementarer Schulpflicht). Abschnitte über eine spezielle Sozialpolitik finden sich bei Smith nicht. Das liegt daran, dass für ihn (wie später auch für Ludwig Erhard) Wirtschaftsordnungspolitik zugleich „Wohlstand für alle“ schafft, wirtschaftliche Freiheit das beste Sozialprogramm ist. Für absolut Arme und Hilfsbedürftige sind dann durch freie private Initiativen (Kirchen, Sozialvereine usw., subsidiär auch den Staat) ausreichend Mittel da.
Adam Smith erobert Preußen
Auch in Deutschland trat das große Werk des Schotten einen Siegeszug an. Er begann an den Universitäten Königsberg und Göttingen, Ausbildungsorte für preußische Beamte. Die Hauptfigur dieser ersten Smith-Rezeption war Professor Christian Jakob Kraus. Die erste brauchbare Übersetzung des Wealth of Nations lieferte der liberale Christian Garve.
Im besiegten Preußen nach 1806 sind es Beamte, welche die liberale Botschaft aufnehmen und eine „Revolution von oben“ durchführen (Gewerbefreiheit, Privatisierung der Staatswirtschaft, Bauernfreiheit, Städtefreiheit, Zollfreiheit) und so die Grundlage für den ökonomischen Aufstieg des späteren preußisch-deutschen Reiches legen.
Die Revolution der Entrepreneure
Die großen Denkschriften der leitenden Beamten (Stein, Hardenberg, Altenstein) lesen sich wie Auszüge aus Adam Smith. So zum Beispiel: „Man gestatte einem jeden, sein eigenes Interesse auf seinem eigenen Wege zu verfolgen und sowohl seinen Fleiß als auch sein Kapital in die freie Konkurrenz mit dem Fleiß und Kapital seiner Mitbürger zu bringen …“
Oder: „Dass man die Nation daran gewöhnen müsse, ihre eigenen Geschäfte zu verwalten und aus jenem Zustand der Kindheit herauszutreten, in dem eine immer unruhigere, immer dienstfertigere Regierung die Menschen halten will.“ Die Kritik Kants am interventionistischen königlichen Wohlfahrtsstaat seiner Zeit, der Menschen wie Haustiere behandle, tat ein Übriges.
Der Aufstieg des kleinen Mannes
Entgegen vorherrschender Meinung ist festzuhalten, dass die Umsetzung von Smiths Programm, besonders der bald diffamierte sogenannte Manchesterkapitalismus, zum Aufstieg des kleinen Mannes und seiner Familie geführt hat. Zunächst konnten mehr Menschen als jemals zuvor überleben, und nicht nur das: auch besser als je zuvor, und sie lebten länger, schon im Laufe des 19. Jahrhunderts.
Absolute Armut als Massenerscheinung verschwand bis heute gänzlich – und dies nicht als Ergebnis einer Sozialpolitik, welche die vorhandenen Güter nur teilen, aber nicht vermehren kann.
Freiheit statt Wohlfahrtsstaat
Derzeit steht es im Westen schlecht um die Freiheit. Die Regierungen werden sich auf die zeitlosen Lehren von Adam Smith und der in seiner Nachfolge stehenden Österreichischen Schule (Mises, Hayek) und des Neoliberalismus allgemein (Ordoliberalismus, Eucken, Wilhelm Röpke) zurückbesinnen müssen, wenn der Niedergang der großen europäischen Nationen, so auch Deutschlands, aufgehalten und umgekehrt werden soll.
Die egalitären Ideale des Wohlfahrtsstaates sind nicht wettbewerbsfähig. Man verachtet nicht ohne Folgen die Erfolgsregeln der Ökonomie und der Freiheit. Javier Milei in Argentinien hat das verstanden wie vor ihm schon Ludwig Erhard, Margaret Thatcher oder Ronald Reagan.
Dr. Gerd Habermann, Jahrgang 1945, Philosoph und Publizist. Studium in Frankfurt (Main), Wien und Konstanz – Promotion über Max Weber. Initiator der Friedrich A.-von-Hayek-Gesellschaft. Autor bei eigentümlich frei und dem Schweizer Monat.





