BERLIN. Der Chef der Deradikalisierungs-NGO „Violence Prevention Network“ (VPN), Thomas Mücke, hat die Theorie bejaht, dass die jüngsten islamistischen Attentate wie der CSD-Anschlag mit anstehenden Wahlen zu tun hätten. „Diesen Verdacht haben wir schon seit zwei Jahren“, sagte er dem Onlineportal „Pioneer“ am Freitag. Demnach könne es sein, dass „das von außen gesteuert“ werde, weil es ein Interesse daran gebe, „diese Gesellschaft“ zu destabilisieren. Zwar hätten die Sicherheitsbehörden noch „keine Belege“ dafür. „Aber die Fragen müssen wir jetzt stellen, weil es auffällt und ich glaube nicht, dass das Zufall ist.“
Dafür, dass der CSD-Attentäter Abdul Ballout kein Einzeltäter gewesen sei, spreche eine „sehr durchdachte“ Vorgehensweise. Demnach würden Anschläge von Salafisten „teilweise“ auch am Telefon angeleitet. „Ich kann mir noch nicht vorstellen, dass Abdul Ballout aus ganz eigenem Antrieb heraus genau diesen Plan so entwickeln konnte, wie er entwickelt wurde.“
Möglicherweise habe man laut Mücke aber auch mit einem „neuen Tätertypus“ zu tun, bei dem auch „sehr narzisstische Störungsanteile“ im Spiel seien. „Jemand, der ziemlich durchgeknallt ist und Gott spielen will und der weiß, dass er mit seiner Tat eine ganze Gesellschaft, ein ganzes politisches System in Unruhe versetzt.“ Es gebe ihm viel Macht, wenn er das Gefühl habe, mit seiner Tat eine Wahl beeinflussen zu können.
CSD-Attentäter wirkte „undurchschaubar“
Vor dem Anschlag, bei dem Ballout eine Frau getötet und 31 Menschen verletzt hatte, hatte er zwei Beratungstermine beim VPN besucht. Nach Angaben der dafür zuständigen Sozialarbeiter soll der 21jährige „undurchschaubar“ gewesen sein. Seine Antworten hätten demnach „angepasst“ gewirkt. Eine akute Bedrohungslage habe sich aus den bisherigen Treffen allerdings nicht ableiten lassen.
Am Sonntagabend hatte die Polizei nach einer weitreichenden Fahndung Ballout während des Festnahmeversuchs in Spandau erschossen (JF berichtete). Vergangenen Mai hatte ihn das Amtsgericht Tiergarten zu einem Jahr und zehn Monaten Haft verurteilt, gewährte ihm aber eine Vorbewährung bis November. Den Richtern zufolge habe sich der 21jährige in der Hauptverhandlung „überwiegend geständig“ eingelassen und vom IS distanziert. Da Ballout für das Gericht trotz der Volljährigkeit als „reifeverzögert“ galt, wurde er nach Jugendstrafrecht verurteilt. Die Staatsanwaltschaft Berlin ging in Berufung. Internen Justizunterlagen zufolge hatte Ballout auch nach seiner Freilassung versucht, ehemalige Mithäftlinge für den radikalen Islam zu gewinnen.
Mückes NGO geriet schon einmal in die Kritik
2024 hatte das Budget des VPN bei rund 11,1 Millionen Euro gelegen. Dessen Arbeit wurde überwiegend durch Förderprogramme wie „Demokratie leben!“ sowie projektbezogene Zuschüsse des Bundes und der Länder finanziert. Mücke gründete die NGO zusammen mit Judy Korn im Jahr 2004. Zunächst lag ihr Fokus bei Rechtsextremisten, 2007 kam Islamismus als Schwerpunkt hinzu. „Wir haben von den 490 Fällen, mit denen wir gearbeitet haben im islamistischen Kontext, eine Rückfallquote von einer Person gehabt“, sagte Mücke noch am Montag gegenüber den ARD-„Tagesthemen“.
2020 war die NGO nach einem islamistisch motivierten Mord an zwei Schwulen in Dresden in die Kritik geraten (siehe JF-Hintergrundbericht). Der Täter war vor der Tat vom VPN im Gefängnis betreut worden. „Bei Deradikalisierung muss man davon ausgehen, dass es zu Rückfällen kommen kann. Sie können nicht jedes Feuer löschen, aber verhindern, dass es einen Flächenbrand gibt“, sagte Mücke damals der taz. Zudem flog er im November 2025 aus dem Islamismus-Präventionsbeirat der Bundesregierung raus (JF berichtete). In einem weiteren taz-Interview hatte er angekündigt, im Fall einer Regierungsübernahme der AfD auf Landesebene keine Projekte mehr durchzuführen, die vom betreffenden Bundesland finanziert werden. (kuk)






