Ein Veteran der alten Linken betritt die Bühne: Rolf Stolz, Mitgründer der Grünen und Vorstandsmitglied der ersten Stunde, stellt am Mittwochabend in der Berliner Bibliothek des Konservatismus sein neues Buch „Notwende Deutschland“ vor. Die Runde, gut 30 Zuschauer, hört ihm aufmerksam zu. Der Publizist referiert langsam und ruhig, betont jedes Wort. Dabei geht es hier um nicht weniger als eine Abrechnung mit der aktuellen Politik – einschließlich seiner Partei, der er immer noch angehört.
„Ich darf erst einmal um Nachsicht bitten, dass mir vielleicht manche Durchblicke und Ausblicke fehlen“, sagt er zu Beginn. Vor nicht einmal einer Woche habe er eine OP am linken Auge gehabt. „Ob das nun zu Einsichten führt, wenn man links schlechter sieht als rechts? Man weiß es nicht.“
„Es hilft nur, was sich real in diesem Land ändert“
Woran es nicht mangelt, sind bissige Ausdrücke. Zwei Stunden lang moniert er die aktuellen Zustände in Deutschland, seien es die wirtschaftliche Lage, die Migrationspolitik oder die „demographische Misere“. Er schießt gegen „Propagandisten für das unbedingte Recht auf Grenzverletzung“, bemängelt einen „Gebärstreik der deutschen Mütter“, nennt das Bürgergeld angesichts der hohen Zahl ausländischer Bezieher „Betrug“. Die „Mannschaft“, die das „Staatsschiff“ Deutschland steuere, bestehe aus „drittklassigen Schauspielern“, die zwischen „Selbstaufgabe, Größenwahn und Rebellion“ taumeln würden.
„Die deutschen Steuerzahler sind seltsame Arbeitgeber“, beklagt er. „Sie lassen sich von ihren Angestellten, ihren gewählten Politikern und von ihnen bezahlten Staatsbietern sehenden Auges ausbeuten und ausnehmen – und wählen und beschäftigen die Plünderer trotzdem immer weiter.“ Mit Blick auf die jüngsten Wahldebakel der SPD in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz warnt er, das „Diktat des Wünschbaren“ werde der Partei nicht helfen. „Es hilft nur, was sich real in diesem Land ändert.“

„Das sind Leute, die bei den Grünen an den Rand gedrängt wurden“
Doch die Zuschauer interessieren vor allem die Grünen, nicht zuletzt mit Blick auf seine eigenen Erfahrungen. Auch sie seien ein Beispiel dafür, dass Deutschland einen „harten Realismus“ brauche. Dass deren Ideen gefährlich seien, habe sich laut Stolz bereits 1985 gezeigt. In diesem Jahr trat der spätere Außenminister Joschka Fischer der ersten rot-grünen Koalition in Hessen bei. Bis dahin seien die Grünen eine andere Partei gewesen. „Es gab einen starken Widerstand dagegen – das Fatale dabei war, dass er von unterschiedlichen Gruppen ausging.“ Allen voran den „Fundis“, die Anfang der 1990er Jahre den „Realos“ weichen mussten.
„Ich versuche einfach im Moment diejenigen zu unterstützen, die vielleicht einmal noch zu einer Umkehr in der Lage sind“, betont er zugleich. Auf Nachfrage, um wen es geht, spricht er von „Leuten der zweiten und dritten Reihe“. Etwa einen Hamburger Grünen, der sich gegen den Islamismus engagiert habe. Erst habe er eine Kooperation abgelehnt, nach zwei Jahren sei aber eine „sinnvolle und wichtige Zusammenarbeit“ entstanden. „Aber das sind die Leute, die an den Rand gedrängt sind.“
Er selbst gilt in seiner Partei längst als Außenseiter. In seinem Vortrag schildert er seine Erfahrungen vom letzten Referentenvortrag bei einem Kreisverband der Grünen in München. „Da stand ein Stoßtrupp von ÖkoLinX, also ausgetretene ehemalige Grüne, vor der Tür und wollte die Menschen überzeugen, diesem gefährlichen Referenten nicht zuzuhören.“ Auch in seiner Heimat, Mülheim an der Ruhr, hätten die örtlichen Grünen die Leiterin der Stadtbücherei zur Rede gestellt, weil sie eine Lesung von ihm veranstalten ließ. „Nicht einer von ihnen wagt sich dorthin. Womöglich wegen Ansteckungsgefahr – gefährliche Ideen“, ironisiert er.
„Ich rede auch mit Antifa-Typen“
Sieht er aber keine Alternative zu den Grünen? „Ich sah bislang in der AfD nicht die Alternative, die mich vielleicht zu einem Beitritt bewegen könnte“, räumt er ein. Die Nato etwa werde von ihr „unkritisch“ als potentielles Verteidigungsbündnis gesehen. Dies, obwohl sie Recep Tayyip Erdogans Türkei in ihren Reihen dulde und über ihn in „Kriegshandlungen im Irak und in Syrien“ verwickelt sei. Auch die Zustimmung der Partei zur Nato-Erweiterung um Schweden und Finnland wegen des Ukrainekrieges sei ein Fehler gewesen. „Man hätte da noch mal die Wichtigkeit der neutralen Politik deutlich machen können.“

Ein paar Ratschläge für die Partei von Alice Weidel und Tino Chrupalla hat er dennoch, allen voran mit Blick auf die kommenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. „Da werden noch Einflussagenten und Provokateure auftreten.“ Dies hätten die Grünen ebenfalls in ihrer Anfangszeit erlebt, auch unter Mitwirkung des Verfassungsschutzes. „Und die waren sehr glücklich über die grünen Päderasten, die es damals gab. Die haben aber sehr bewusst abgewartet, bis die Zeit günstig war, um den Skandal dann öffentlich zu machen und die Partei zu stellen.“
Und gleichwohl plädiert er für mehr Offenheit. Die Unvereinbarkeitsliste der AfD nennt er „obskur“, dass Menschen dazulernen würden, sei die Realität. Man müsse den Einzelnen sehen und versuchen, Menschen zu gewinnen. „Ich rede auch mit Antifa-Typen, es hat bisher noch nichts gebracht. Das frustriert mich aber nicht zu sehr.“





