HAMBURG. Die Theaterinszenierung zu einem AfD-Verbot am Thalia Theater Hamburg hat offenbar zahlreiche der dortigen Mitarbeiter in eine emotionale Krise gestürzt. Seit der Inszenierung des Stücks „Prozess gegen Deutschland“ im Februar gab und gibt es im Theater Krisensitzungen, Einzelgespräche, Aktionsgruppen und Betroffenenkreise, berichtet die Zeit. Auch Tränen seien geflossen, „weil Rechtspopulisten auf denselben Stühlen saßen“ und „dieselben Garderoben benutzten“ wie die Mitarbeiter.
Eine Mitarbeiterin, die Theaterpädagogin Nora Patyk, beschreibt gegenüber der Zeit ein „Szenario des Unbehagens und der Angst für Thalia-Angestellte“. Als Grund nennt sie etwa, dass der AfD-Anhänger Feroz Khan im Theater auftreten durfte: „Da kommt man in sein Haus und läuft im Flur Feroz Khan in die Arme.“ Der YouTuber war als fiktiver Zeuge in dem Theaterstück geladen und sprach sich gegen ein AfD-Verbot aus (JF berichtete).
Mitarbeiter fordert „linkes Gegenprogramm“
Patyk schildert weiter, sie sei auf dem Weg zu ihrem Büro auf den Welt-Journalisten Frédéric Schwilden getroffen. Schwilden trat als fiktiver Verteidiger der AfD auf. Patyk berichtet, sie habe sich zwar nicht körperlich angegriffen gefühlt, als sie dem Welt-Journalisten begegnete. Doch sie sei „schon irritiert“ gewesen, weil „hier jemand stand, der auf der Bühne Menschen verteidigt, die rechtsextreme und rechtspopulistische Positionen beziehen“.
Andere Mitarbeiter sprechen von einer „Verletzung“, von „verbrannter Erde“, von „Rassisten auf unserer Bühne“ und von „Eindringlingen“. Einer beklagt einen „Vertrauensverlust, wenn ein Theater Menschen mit AfD-Positionen auf die Bühne lasse, die ohnehin kein Recht hätten, gehört zu werden“, schreibt die Zeit. Man müsse „den rechten Geist“, der sich „in den Tiefen des Thalia eingenistet“ habe, „nun mit einem linken Gegenprogramm wieder austreiben“, fordert ein weiterer Angestellter des Theaters.
Intendantin verteidigt Theaterstück
Dagegen verteidigt die Theaterintendantin Sonja Anders die Entscheidung, das Stück aufzuführen. „Will man sich als eher linke Institution rechten Stimmen aussetzen?“, wird sie zitiert. „Ja, ich finde das richtig. Und falsch, der Politik die Schmutzarbeit zu überlassen.“
Zugleich betont sie, eine Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern zu haben. Viele davon seien unter Neonazis aufgewachsen und hätten traumatische Erfahrungen mit Rechten gemacht. Diese Mitarbeiter hätte sie besser schützen müssen. „Man kann mir zu Recht vorwerfen, das alles nicht gut moderiert zu haben“, führt sie aus.
Auch der Regisseur des Theaterstücks, Milo Rau, verteidigt seine Inszenierung. Er sieht das Problem bei der Kulturszene, die sich viel zu lange eingeredet habe, sie könne den Kopf in den Sand stecken. Man könne aber „die Welt nur bewahren, wenn man sie an sich heranlässt“, meint Rau. (dh)






