Die AfD fordert als einzige Bundestagspartei den schnellstmöglichen Wiedereinstieg in die Kernenergie und den AKW-Neubau, um die hohen deutschen Strompreise zu senken. CDU und CSU versprachen vor der Bundestagswahl immerhin, die zuletzt vom Netz genommenen AKW zu reaktivieren – nach dem 23. Februar war keine Rede mehr davon. Im Koalitionsvertrag stehen nur Sonnen-, Wind- und Bioenergie sowie Geothermie und Wasserkraft. Erdgas scheidet mit der „Klimaneutralität bis 2045“ aus dem Strommix aus.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zeigte sich beim „Nuclear Energy Summit 2026“ der französischen Regierung in Paris hingegen – bis auf ihren Fetisch erneuerbare Energie – voll auf AfD-Kurs: Die Elektrizitätspreise seien „strukturell zu hoch“, kritisierte die frühere CDU-Bundesministerin. Europa sei zudem weder ein Öl- noch ein Gasproduzent und bei fossilen Brennstoffen „komplett abhängig von teuren und volatilen Importen“, warnte von der Leyen.
„Während 1990 ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernkraft erzeugt wurde, ist dieser Anteil heute bei nur noch etwa 15 Prozent“, kritisierte die Kommissionschefin. Der Atomausstieg in einigen EU-Ländern sei in der Rückschau aber „ein strategischer Fehler für Europa“ gewesen. Diesen werde die EU nun korrigieren, und man wolle künftig ein „Teil des Revivals der Kernkraft sein“. Neben der Unterstützung von Neubauten konventioneller AKWs würden auch kleine, modulare Kernreaktoren (SMR) gefördert. Die SMR sollen neben den Großreaktoren eine „Schlüsselrolle bei einer flexiblen, sicheren und effizienten Energieversorgung“ spielen. Um dies voranzutreiben, sollten Vorschriften EU-weit harmonisiert werden: „Wenn der Einsatz einer Technik sicher ist, muss es einfach sein, sie überall in Europa einzusetzen.“
Man wolle ein „globales Zentrum der Kernenergie der nächsten Generation“ werden. Die EU habe alles, was sie dafür benötige, um dabei führend zu sein. Man wolle künftig das „gesamte nukleare Ökosystem stärken“ – von den Kernbrennstoffen über die Technologie bis hin zu den Lieferketten und dem dringend benötigten Fachpersonal: „Das Nuklearrennen ist eröffnet“, kündigte von der Leyen an. Ob Brüssel so den deutschen Atomausstieg „aushebeln“ kann, ist allerdings fraglich.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Die Bundesregierung zeigt hingegen, dass sie die Energiewende von Angela Merkel und der gescheiterten Ampel lediglich in Nuancen verändern will. CDU-Wirtschaftsministerin Katherina Reiche plant nach der Umbenennung des Gebäudeenergiegesetzes (GEG/„Heizhammer“) in Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG/„GEG ohne Wärmepumpenzwang“) immerhin einen zweiten, auf den ersten Blick hart wirkenden Einschnitt im Bereich der Erneuerbaren Energien.
Aus ihrem Ministerium wurde ein erster Entwurf für das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG 2027) durchgestochen. Diese Reform vollzieht zu einem kleineren Teil eine lange gestellte Forderung der EEG-Gegner, ohne in das juristische Minenfeld der Vergütung bestehender Anlagen einzugreifen. Wesentlicher Punkt ist die Abschaffung der Einspeisevergütung für Photovoltaik-Anlagen (PV) bis 25 Kilowatt (kW) Leistung. Dadurch werden neue Solaranlagen nicht verhindert, sondern deren Nutzung auf den tatsächlichen Eigenbedarf ausgerichtet.
Denn die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Nach vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamts stieg die Solarstromerzeugung 2025 um 17,4 Prozent auf 70,1 Milliarden Kilowattstunden (kWh). Der PV-Anteil an der Gesamtstromerzeugung kletterte auf 16 Prozent. Doch dieser Boom hat einen hohen Preis: Er wird maßgeblich durch staatliche Garantievergütungen angetrieben, die bis 2022 über die EEG-Umlage und den Strompreis von den Verbrauchern finanziert wurden. Seit 2023 wird die Einspeisevergütung, die bis zu 30 Jahre lang gezahlt wird, über das Steueraufkommen und die teure „CO₂-Bepreisung“ (Brennstoffemissionshandelsgesetz/BEHG) von Benzin, Diesel, Gas, Heizöl und Kohle finanziert.
Mieter und Geringverdiener zahlen die Rechnung
Besonders hart trifft es Mieter und Geringverdiener. Anders als Eigenheimbesitzer können sie sich weder eine teure PV-Dachanlage leisten noch von den hohen Einspeisevergütungen profitieren – sie zahlen aber indirekt mit. Hausbesitzer und Gewerbeimmobilienbesitzer mit Dachfläche hingegen kassieren jahrelang garantierte Renditen, oft weit über Marktniveau.
Durch den drastischen Preisverfall für PV-Module und Wechselrichter, der de facto alle Fertigungen in Deutschland aus dem Markt geworfen hat, sind 25-kW-Anlagen ohne Subventionen wirtschaftlich attraktiv: Wer seinen Strom selbst nutzt, spart Netzentgelte, Steuern und Umlagen. Der Entwurf sieht daher vor, dass ab 2027 nur noch Anlagen mit Batteriespeicher oder intelligenter Steuerung gefördert werden. Die Förderung für große PV-Freiflächenanlagen und Windkraft bleibt aber weitgehend erhalten – mit höheren Auktionsvolumina bis zu 14 Gigawatt (GW) pro Jahr.
Die PV-Branche mobilisiert gegen Reiche
Hauptkritikpunkt am bisherigen System ist die Gefährdung der Netzstabilität. Der ungebremste Zubau subventionierter PV-Kleinanlagen führt zu massiven Einspeisespitzen mittags, wenn die Sonne scheint – oft genau dann, wenn der Bedarf niedrig ist. Zudem ist die PV-Einspeisemenge schlecht im voraus zu berechnen, was mit jeder neuen PV-Anlage gerade die Netzsteuerungen kleiner Stadtwerke vor immer größere Herausforderungen stellt.
Die Folge dieser Fehlanreize sind negative Strompreise an der Börse, erzwungene Abschaltungen und wachsende Kosten für Netzreserve. Im Winterhalbjahr, wenn Deutschland traditionell den höchsten Stromverbrauch hat, liefern die PV-Anlagen weniger als fünf Prozent des Bedarfs – und nachts ohnehin nichts. 2025 lag der Anteil der „Erneuerbaren“ im Schnitt bei 58,6 Prozent, doch die Stromerzeugung aus konventionellen Quellen stieg um 3,6 Prozent auf 181,3 Terawattstunden (TWh). Windkraft und Kohle blieben trotz leichter Rückgänge die stabilen Säulen des Systems.
Reiches Entwurf zielt auf diese Schwächen. Durch die Streichung der Vergütung sinkt der Anreiz zum unkoordinierten Zubau. Stattdessen werden Modelle wie Mieterstrom mit Speicher, Direktvermarktung ab 25 kW und Contracts for Difference (CfD) für Großanlagen gestärkt. Das schafft Investitionssicherheit, ohne die Allgemeinheit weiter zu belasten – doch die PV-Branche macht dagegen mobil.
Fachmann warnt vor Folgen für das Solarhandwerk
Nicht nur grüne Vorfeldorganisationen wie der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sind entsetzt, sondern auch Firmenlobbyisten: Die EEG-Novelle könnte das Solarhandwerk in die „Reiche-Schlucht“ stürzen, warnt der Ingenieur Michael Sterner, Professor für Energiespeicher an der Ostbayerischen TH Regensburg. Und ob die Bundesregierung im Herbst mit sinkenden Strompreisen argumentieren kann, ist fraglich. Denn das Subventionsmilliardengrab der bestehenden PV-Anlagen wird nicht angegangen, diese werden weiter über ihre gesamte Laufzeit hoch subventioniert.
Zudem war es die CDU-Kanzlerin Merkel, die die Stromkosten mit einem Taschenspielertrick einmalig senken wollte, indem sie die für die PV-Kosten verantwortliche EEG-Umlage aus dem Strompreis in das Steueraufkommen verlagerte. Die Ampel und die Merz-Regierung revidierten die Fehlentscheidung nicht. Entsprechend werden diejenigen, die von der Neuregelung durch nicht weiter steigende Kosten profitieren, dies kaum bemerken, wohingegen die Eigenheimbesitzer, die traditionell eher schwarz oder grün wählen, wenig Begeisterung für die EEG-Neuregelung aufbringen werden.
Die Kritik der Grünen war zu erwarten
Entsprechend kommt die Kritik an Ministerin Reiche aus vorhersehbaren grünen Ecken. Diese Gruppen warnen nun reflexartig vor einem „Marktzusammenbruch“ und einem „Aus für die Energiewende“. Gegen die in der Bevölkerung stark gesunkene Akzeptanz für Ökostromsysteme und die mit Abstand höchsten Strompreise unter den Industrienationen helfen die ewig gleichen grünen Lamenti nicht. Auch die Ankündigungen der fast schon obligatorischen Besitzstandswahrungsklagen durch mit Steuermitteln geförderte Nichtregierungsorganisationen wie dem BUND nutzen bestenfalls der Kasse der Organisationen und deren politischer Besitzstandswahrung.
Man darf mit Spannung nach Berlin blicken, was aus dem früh durchgestochenen, inhaltlich passablen Entwurf in den anstehenden Abstimmungen unter dem grünen Medienfeuer wird. Und die seit Sonntag noch stärker gebeutelte SPD wird in der Bundesregierung noch weniger Kompromissbereitschaft bei Lieblingsthemen ihres linken Flügels wie der Energiewende zeigen. Hinzu kommt nun noch der AKW-Vorstoß von Ursula von der Leyen. Dieser richtet sich zwar nicht gegen das EGG-Konzept – stellt aber die deutsche Energiewende grundsätzlich in Frage.
Transparenzhinweis: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Greenpeace würde mit Steuermitteln gefördert. Dem ist nicht so. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.






