Joachim Kuhs
Deutsches Propagandaplakat zur Volksabstimmung in Oberschlesien 1921 Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
Deutsches Propagandaplakat zur Volksabstimmung in Oberschlesien 1921 Foto: picture alliance / akg-images | akg-images

Volksabstimmung 1921
 

Trotz Sieg an der Wahlurne ging Oberschlesien verloren

„Was ihr nehmt, wird euer sein!“ Mit diesen Worten heizte der weltberühmte Pianist Ignaz Paderewski im Dezember 1918 die Stimmung in Polen an. Aus dem westlichen Exil in die gerade neu ausgerufene polnische Republik zurückgekehrt, war dies seine Antwort auf die Frage, ob die westlichen Siegermächte polnische Eroberungen im Osten Deutschlands anerkennen würden. Sie würden es also tun, so das Versprechen, dem prompt zahlreiche erfolgreiche Übergriffe polnischer bewaffneter Einheiten in den deutschen Provinzen Posen und Westpreußen folgten.

Weniger erfolgreich gestalteten sich die polnischen Eroberungsversuche in Oberschlesien. Die dort seit 1919 mehrfach als sogenannte „Aufstände“ kostümierten Angriffe ortsfremder polnischer Truppen trafen auf energischen und wenigstens teilweise erfolgreichen deutschen Widerstand. Von der angepeilten Eroberung der ganzen Provinz konnte keine Rede sein.

Da nun also polnischerseits noch nichts erobert worden war, konnten die im Pariser Vorort Versailles tagenden Siegermächte in diesem Fall auch keine neuen Grenzziehungen anerkennen. Man entschied sich daher für einen anderen Weg, um Deutschland ein weiteres Stück Land zu nehmen: die Volksabstimmung.

Vorherige Abstimmungsniederlagen interessierten Polen nicht

Natürlich bekämpfte die polnische Politik diesen Plan mit allen Mitteln, denn sie machte sich im Grunde keine Illusionen über die zu erwartenden Ergebnisse. Ebenso wie die Volksabstimmungen im südlichen Ostpreußen, die 92 und 97 Prozent Zustimmung für Deutschland ergeben hatten, würde es auch in Oberschlesien eine Mehrheit für Deutschland geben. Das führte im politischen Polen aber keineswegs zum Zweifel an der Berechtigung der eigenen Ansprüche, sprach man doch den bestehenden ethnischen Verhältnissen das Existenzrecht schlankweg ab.

Abstimmungsberechtigte fahren per Sonderzug von Berlin nach Oberschlesien Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images
Abstimmungsberechtigte fahren per Sonderzug von Berlin nach Oberschlesien Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images

Der deutsche Einfluß und das deutsche Leben in Oberschlesien, im südlichen Ostpreußen und anderswo wurden als Kollateralschaden der polnischen Teilungen seit 1772 betrachtet und galten damit als Unrecht. So hatte man denn auch selbst gegen die 97 Prozent-Niederlage in Ostpreußen noch Widerspruch bei den Alliierten eingelegt, da dort alles im Prinzip polnisch sei, der Wahlzettel jedoch fehlerhaft, die Leute aktuell geistig verwirrt und unter der Fuchtel preußischer Verwaltung stehend.

Wenn die Siegerstaaten und das neu erstandene Polen Interesse daran gehabt hätten, hätten sie aus den Ergebnissen der Wahlen zum deutschen Reichstag in den letzten Jahrzehnten eigentlich gut herauslesen können, was nach demokratischen Prinzipien als polnisches Gebiet betrachtet werden konnte und was nicht. Die liberalen Verhältnisse im Deutschen Reich hatten die Organisation einer rührigen Polenpartei ermöglicht, die stets in etwa 20 der 397 Abgeordneten des deutschen Reichstags stellen konnte. Sie kamen hauptsächlich aus der Provinz Posen, wo auf dem platten Land gelegentlich über neunzig Prozent der Wähler polnisch stimmten und aus Teilen Westpreußens.

Das Ergebnis war auch ein polnischer Überraschungserfolg

In Schlesien konnte sich die Polenpartei dagegen nicht durchsetzen, schon gar nicht in Danzig oder Ostpreußen und auch nur gelegentlich in Oberschlesien – als Folge von Wahlbündnissen. Viele Einwohner, die dort für Polen reklamiert wurden, betrachteten sich selbst als Teil einer eigenen oberschlesischen Regionalidentität, soweit sie nicht zu Deutschland hielten. Man stimmte im Zweifel eher für die katholische Zentrumspartei.

Mit vielfältigen Plakatmotiven wurde die deutsche Bevölkerung zur Wahl aufgefordert Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images
Mit vielfältigen Plakatmotiven wurde die deutsche Bevölkerung zur Wahl aufgefordert Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images

Unter diesem Gesichtspunkt stellte das Gesamtergebnis der Oberschlesischen Volksabstimmung vom 20. März 1921 sogar einen gewissen polnischen Überraschungserfolg dar. Zwar stimmten fast sechzig Prozent der Wähler für Deutschland, aber eben auch etwa vierzig Prozent wollten die Provinz schließlich der polnischen Republik zugeschlagen sehen. Aus diesem Ergebnis hätten sich also eventuell Minderheitenrechte ableiten lassen.

Westmächte teilten die Provinz

An den polnischen Ansprüchen auf das ganze Gebiet änderte das jedoch wie erwartet nichts. In Warschau wartete man auf die nächste Gelegenheit, es sich zu nehmen, der Westen würde das dann schon anerkennen. Wenige Wochen nach der Abstimmung brach im Mai 1921 der sogenannte dritte polnische Aufstand los, wieder mit dem Ziel, die ganze Provinz zu erobern.

Schließlich schritten die Alliierten im Herbst 1921 zur Teilung der Provinz und dies auch nicht nur anhand ethnischer Trennlinien, die sich aus dem Abstimmungsergebnis hätten ableiten lassen. Man teilte nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten und schlug auch Städte mit großen deutschen Mehrheiten zu Polen. Das paßte in ein inzwischen gewohntes Muster. Seit dem Versailler Vertrag wurden mit Blick auf Deutschland sowohl demokratische als auch strategische, wirtschaftliche und historische Kriterien angeführt, um zu einer Entscheidungsfindung zu kommen. Immer gerade die, die sich gegen Deutschland anwenden ließen.

So bekam Polen 1921 schließlich einen Teil Oberschlesiens, sogar trotz der weitgehend erfolglosen Versuche, es sich zu nehmen. Ignaz Paderewski hatte die Mentalität der Westmächte treffend eingeschätzt.

Deutsches Propagandaplakat zur Volksabstimmung in Oberschlesien 1921 Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
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