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Rotarmisten stürmen bei den Kämpfen um Rostow im November 1941 ins Gefecht Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images
Rotarmisten stürmen bei den Kämpfen um Rostow im November 1941 ins Gefecht Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images

Schlacht um Rostow 1941
 

Kriegswende am Don

Die Liste der deutschen Erfolge im Zweiten Weltkrieg während der ersten Kriegsphase liest sich beeindruckend. Seit September 1939 hatten die Wehrmacht und ihre Verbündeten Polen, Norwegen, Dänemark, die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Jugoslawien, Griechenland und Teile Nordafrikas besetzt. Lediglich die Luftschlacht um England ab Sommer 1940 verlief nicht wie gewünscht und der Haltebefehl für die Panzer vor Dünkirchen ließ die britischen Soldaten auf die Insel entkommen.

Als am 22. Juni 1941 mit dem „Unternehmen Barbarossa“ der Krieg gegen die Sowjetunion begann, war die deutsche Führung um Adolf Hitler davon überzeugt, auch diesen Waffengang siegreich zu beenden. Der Plan sah vor, die russischen Heere in Kesselschlachten zu umfassen und zu zerschlagen. Bis Jahresende, so die optimistischen Pläne, sollte das Imperium von Sowjetdiktator Josef Stalin fallen.

Bis zum Beginn der Schlammperiode im Oktober lief es für die deutschen Divisionen weitgehend nach Plan. Zwar bereiteten die immer länger werdenden Wege für die Versorgung Probleme, doch angesichts der siegreichen Schlachten und der enormen russischen Verluste glaubte man im Führerhauptquartier an den Erfolg. Als sich jedoch die ohnehin schlechten russischen Straßen in morastige Pisten verwandelten, stockte der Vormarsch und kam schließlich im Herbst 1941 kurz vor Moskau zum Erliegen.

Das Schlachtenglück wechselte

Die Heeresgruppe Süd unter ihrem Befehlshaber Gerd von Rundstedt stand nordöstlich des Asowschen Meeres kurz vor Rostow am Don. Die Stadt galt als Einfallstor zum Kaukasus, der wegen seiner Ölfelder von immenser wirtschaftlicher Bedeutung war.

Deutsche LKW blieben während der Schlammperiode in Rußland stecken Foto: picture alliance / akg-images | akg-images / Kurt Schrader
Deutsche LKW blieben während der Schlammperiode in Rußland stecken Foto: picture alliance / akg-images | akg-images / Kurt Schrader

Daher hatte der russische Marschall Semjon Konstantinowitsch Timoschenko die Anweisung, die Stadt in jedem Fall zu halten. Dazu standen ihm zunächst 26 Schützen-, sieben Kavallerie-Divisionen und sechs Panzerbrigaden zur Verfügung. Sein Widersacher von Rundstedt hatte 18 Infanterie-, vier motorisierte und drei Panzerdivisionen sowie weitere Unterstützungseinheiten unter seinem Kommando.

Einsetzender Bodenfrost vereinfachte die Fortbewegung für die Truppen wieder und so begann am 17. November die Schlacht um Rostow. Der Kampf tobte mit wechselndem Schlachtenglück mehrere Tage, bis das III. deutsche Armeekorps die Stadt am 21. November erobert hatten. Die 56. Sowjetische Armee war über den Don zurückgedrängt worden.

Von Rundstedt widersetzte sich Hitler

Doch der russischen 37. Armee war es gelungen, 35 Kilometer in den Rücken der Wehrmachtsverbände vorzurücken. Die in Rostow stehenden deutschen Truppen drohten so, von ihren rückwärtigen Verbindungen abgeschnitten zu werden. Um das zu verhindern, eilten die 13. Panzer- und die SS-Division „Wiking“ zu Hilfe.

Zwischen dem 25. und 27. November ging die Schlacht in die entscheidende Phase. Der Plan der Sowjets sah die Vereinigung der 9. und 37. Armee mit der 56. auf dem zugefrorenen Don vor. Dadurch drohte der 1. Deutschen Panzerarmee die Einkesselung. Gegen den ausdrücklichen Willen Hitlers zog von Rundstedt sie aus Rostow zurück. Für dieses Manöver, das seinen Männern womöglich eine Kesselschlacht ersparte, verlor er seinen Posten und wurde durch Walter von Reichenau ersetzt.

Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt zog seine Einheiten gegen den Willen Hitlers aus Rostow zurück Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images
Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt zog seine Einheiten gegen den Willen Hitlers aus Rostow zurück Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images

Durch diesen Rückzug hatte die deutsche Armee ihren Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren. Bislang war es nur vorwärts gegangen. Psychologisch war das für die Feinde von großer Bedeutung.

Die sowjetischen Truppen nahmen die Verfolgung der Deutschen auf. Diese errichteten am Fluß Mius eine Verteidigungsstellung und konnten die Russen am 2. Dezember abwehren.

1941 fiel die Entscheidung im Weltkrieg

Die Schlacht um Rostow war der erste Sieg der Sowjets, bei dem es ihnen gelang, eine zuvor verlorene Stadt von der Wehrmacht zurück zu erobern. Zudem waren sie auf einer 140 bis 180 Kilometern breiten Front 60 bis 80 Kilometern vorgedrungen und hatten den Durchbruch der Deutschen in den Kaukasus verhindert. In den Kämpfen am Don verlor die Rote Armee 33.111 Mann, davon 15.264 als Tote und Vermißte. Nach unterschiedlichen Quellen mußte die deutsche Seite 20.000 bis 30.000 Mann als Verluste melden.

Populärwissenschaftlich wird noch immer die Schlacht um Stalingrad, die im Januar 1943 mit dem Sieg der Roten Armee endete, als Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg verkauft. Doch war das Scheitern der deutschen Offensive zum Jahresende 1941 der Kipppunkt des Krieges. Die Sowjetunion hatte sich als widerstandsfähiger erwiesen, als von der Wehrmachtsführung angenommen. Trotz immenser Verluste an Menschen und Material hielt sie stand und konnte neue Kräfte in die Schlachten werfen, die im Fall Rostow einen psychologisch wichtigen Erfolg erringen konnten.

Damit war die militärische Niederlage Deutschlands absehbar geworden. Zwar gelangen den deutschen Armeen in den folgenden Kriegsjahren immer wieder beachtliche Erfolge, doch die Würfel waren im Dezember 1941 gefallen. Durch den Kriegseintritt der USA unterstützen diese die Sowjetunion zunächst mit umfangreichen Waffen- und Ausrüstungslieferungen. Auch spielte der Faktor Zeit den Alliierten in die Hände. Je länger der Krieg auf den unterschiedlichen Schauplätzen dauerte, desto mehr mußte die Wehrmacht ihre Kräfte aufteilen. Die Partisanentätigkeit insbesondere im besetzten Osteuropa stellte sie bald vor weitere Probleme.

Für Hitler stellte die Suche nach einer politischen Lösung keine Option dar. Er suchte die Entscheidung in Sieg oder Untergang. Dreieinhalb Jahre und Millionen Tote später endete der Zweite Weltkrieg mit der totalen Niederlage und bedingungslosen Kapitulation.

Rotarmisten stürmen bei den Kämpfen um Rostow im November 1941 ins Gefecht Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images
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