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Taufe des Frankenkönigs Clodwig: Die innerliche Annahme des Christentums erfolgte schleppend (französische Darstellung aus dem 19. Jahrhundert) Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
Taufe des Frankenkönigs Clodwig: Die innerliche Annahme des Christentums erfolgte schleppend (französische Darstellung aus dem 19. Jahrhundert) Foto: picture alliance / akg-images | akg-images

Frühmittelalter
 

Der Weg der Franken zum Christentum

Im Grunde ist schon der Titel der Ausstellung des Knauf-Museums Iphofen heikel: „Als Franken fränkisch wurde“ (noch bis zum 7. November). Denn es wird dreierlei vorausgesetzt: daß es die Region Franken gab und gibt und mithin die Franken und also das Fränkische. Womit man sich des „Essentialismus“ schuldig macht und in jedem Fall gegen die Denkgebote der Konstruktivisten verstößt.

Plakat der Ausstellung des Museums in Iphofen Foto: Privat
Plakat der Ausstellung des Museums in Iphofen Foto: Privat

Auch sonst zeigen die Verantwortlichen wenig Respekt vor den Üblichkeiten bei ihrer Darstellung eines Details der frühmittelalterlichen Geschichte: der Ausdehnung des Merowingerreichs in ein Gebiet südlich von Würzburg. Politisch- und historisch-korrekt wäre es gewesen, eine „Migrationsgemeinschaft“ (Mischa Meier) anzunehmen, sie als möglichst bunte Truppe oder „Kriegerbande“ zu entwerfen, den Begriff des Volkes in jedem Fall zu meiden und den großen Zivilisationsbruch, der das Ende des römischen Reichs und der antiken Zivilisation bedeutete, als „Transformationsprozeß“ zu beschreiben. Stattdessen geht man hier von einem relativ klar identifizierbaren germanischen Stammesverband – den Franken – aus, der einen anderen relativ klar identifizierbaren germanischen Stammesverband – die Alamannen – verdrängt hat.

Für diese Einschätzung sprechen nicht zuletzt die Funde aus „Reihengräbern“, die in der Nähe von Iphofen geborgen wurden. Aufschlußreich sind für die Archäologen in erster Linie die Beigaben, im Grunde ein Beweis für die Beharrungskraft heidnischer Vorstellungen, denen zufolge das irdische Leben im Jenseits mit Hilfe von Handwerkszeug, Schmuck, Waffen und Nahrung fast ungebrochen fortgesetzt werden konnte. Gleichzeitig spricht aber die Menge der Kreuzsymbole dafür, daß die Verstorbenen ihrem Selbstverständnis nach Christen waren. In einem Beitrag für den Katalog der Ausstellung (Markus Mergenthaler und Margarete Klein-Pfeuffer [Hrsg.:] Als Franken fränkisch wurde. Archäologische Funde der Merowingerzeit, Iphofen: Nünnerich-Asmus 2021) wird erläutert, daß diese Unentschiedenheit in der Völkerwanderungszeit eher die Regel als die Ausnahme war und auch mit dem Fehlen kirchlicher Kontrollinstanzen in den gerade missionierten Gebieten zu tun hatte.

Die innerliche Annahme des Christentums verlief langsam

Das und eine gewisse Rücksichtnahme auf die Mentalität der Heiden erklärt das Nebeneinander von älteren und neuen religiösen Elementen. Was man in Iphofen auch am Abguß eines fränkischen Grabsteins deutlich macht, der bei Niederdollendorf im Rheinland gefunden wurde. Er zeigt auf einer Seite einen mit Schwert bewaffneten Krieger, der sich das Haar auskämmt und von Schlangen umgeben ist; auf der anderen Seite sieht man einen Mann, der Kopf von einem Nimbus umgeben, der in einer Art Strahlenfeld steht.

In der Ausstellung wird diese Figur als Christus bezeichnet, aber die Tatsache, daß sie einen Speer in der Hand hält, wirkt doch irritierend. Sollte die Zuweisung richtig sein, wäre die Ikonographie im Grunde nur zu erklären, wenn man auf eine der stärksten Bildtraditionen des germanischen Raums zurückgreift: die Verehrung eines „Speergottes“, der schon auf den bronzezeitlichen Felsbildern des 2. vorchristlichen Jahrtausends dargestellt war, eine spätere Inkarnation in Odin / Wodan fand und sich zuletzt auch mit der des „weißen Christus“ verbunden haben könnte.

Felsritzung, den "Speergott" darstellend, bei Litsleby (Schweden), wahrscheinlich Ende des 2. Jahrtausends v. Chrs.; Grabstein von Niederdollendorf, 7. Jahrhundert, Grabstein, heute in der Kirche von Liiva (Insel Muhu, Estland) vermauert mit Weltenbaum, Horn und Mann mit Speer, 9. Jahrhundert Foto: Wikimedia / Heiko Fischer / CC BY-SA 4.0
Felsritzung, den „Speergott“ darstellend, bei Litsleby (Schweden), wahrscheinlich Ende des 2. Jahrtausends v. Chrs.; Grabstein von Niederdollendorf, 7. Jahrhundert, Grabstein, heute in der Kirche von Liiva (Insel Muhu, Estland) vermauert mit Weltenbaum, Horn und Mann mit Speer, 9. Jahrhundert Foto: Wikimedia / Heiko Fischer / CC BY-SA 4.0

Womit ein weiterer Hinweis darauf gegeben wäre, daß der äußeren Annahme der christlichen Lehre die Verinnerlichung nur langsam folgte. Der Ausgangspunkt der Christianisierung der Franken, der „Tag von Tours“ und die Taufe ihres Königs Chlodwig im Jahr 508, markierte jedenfalls nur einen Anfangspunkt. Ein Sachverhalt, auf den eine Anekdote ein bezeichnendes Licht wirft, die Gregor von Tours überliefert hat. Es geht darin um einen Konflikt, den die Verteilung von Beute nach siegreichem Feldzug auslöste. Als ein Franke Anspruch auf eine wertvolle Schale erhob, widersprach dem der Bischof Remigius, der zu den Beratern Chlodwigs gehörte, mit der Begründung, daß sie aus kirchlichem Besitz geraubt worden sei. Der König unterstützte den Geistlichen, woraufhin der Krieger voller Wut seine Axt in das Stück hieb. Chlodwig mußte die Heeresversammlung des folgenden Jahres abwarten, um sich rächen und seine Autorität wiederherstellen zu können, indem er den Mann selbst erschlug.

Chlodwig handelte aus Kalkül

An dem Vorgang wird deutlich, wie labil die Stellung des fränkischen Königs zu diesem Zeitpunkt war, aber auch, daß sein Übertritt zum Christentum weniger mit Glaubensüberzeugung – in dem Fall: daß Christus mächtiger sei als die heidnischen Götter – zu tun hatte, und viel mit Kalkül. Chlodwig sah in der Kirche vornehmlich eine Stütze seiner Macht und fühlte sich trotz Taufe keineswegs gehindert, dieselbe Brutalität an den Tag zu legen, die für die Konflikte der Völkerwanderungszeit typisch war. Soweit wir wissen, hat Chlodwig rücksichtslos jeden Konkurrenten – unter Einschluß seiner Brüder – aus dem Weg geräumt, und dann eine Ansprache gehalten, von der man schwer sagen kann, ob sie eher weinerlich oder zynisch war: „Weh nur, daß ich nun wie ein Fremdling unter Fremden stehe, und keine Verwandten mehr habe, die mir, wenn das Unglück über mich kommen sollte, Hilfe gewähren könnten.“ Der Chronist fügte hinzu: „Aber er sprach dies nicht aus Schmerz um den Tod derselben, sondern aus List, ob sich vielleicht noch einer fände, den er töten könnte.“

Auf solchen Zusammenhang hinzuweisen, bedeutet keineswegs, die religiöse Bedeutung der Frankenmission selbst zu bestreiten. Chlodwigs Dynastie hat in der Folge eine ganze Reihe von Männern und Frauen hervorgebracht, deren christliche Frömmigkeit als beispielhaft galt. Ein Prozeß, der sich ähnlich drei Jahrhunderte später auch bei den Sachsen vollzog, die unter den germanischen Völkern des Kontinents besonders zähen Widerstand gegen die Christianisierung (und die Eingliederung in das Frankenreich) geleistet haben, deren Oberschicht aber bald nach der Taufe so zahlreich ins Kloster drängte, daß man das Aussterben des Adels fürchtete.

Letztlich entstand eine Synthese, die die Geschichte des Abendlandes für eineinhalb Jahrtausende geprägt hat und erst heute vollständig zerfällt. Der katholische Essayist Patrick Buisson charakterisierte deren paradoxe Struktur unlängst dahingehend, daß „das Christentum den heidnischen Menschen brauchte, um ihn zu retten“, ohne doch „Christen im Reinzustand“ hervorzubringen, stattdessen „Heiden verschiedenen Grades der Konversion“. Die Krise des europäischen Christentums habe ihre tiefste Ursache darin, meint Buisson, daß diese Verknüpfung getilgt wurde.

Taufe des Frankenkönigs Clodwig: Die innerliche Annahme des Christentums erfolgte schleppend (französische Darstellung aus dem 19. Jahrhundert) Foto: picture alliance / akg-images | akg-images
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