Superwahljahr
Volkspolizisten der DDR bewachen die innerdeutsche Grenze in Berlin Foto: picture alliance / dpa | dpa
Volkspolizisten der DDR bewachen die innerdeutsche Grenze in Berlin Foto: picture alliance / dpa | dpa

Erster Mauertoter
 

Kopfschuß für „Republikflucht“

Seit dem 13. August 1961 trennte die Mauer Berlin. Für die Einwohner der seit 1945 in vier Sektoren geteilten Stadt kam die durch Stacheldraht und Beton manifestierte Grenzziehung überraschend. Sie riß von einem Tag auf den anderen Familien, Paare und Freundeskreise auseinander.

Doch einige Bewohner des Ostteils wollten die neue Situation nicht akzeptieren und manche Flucht gelang in den ersten Tagen, als die Mauer noch im Bau begriffen war. Menschen rannten durch die Sperranlagen und entkamen so der SED-Diktatur oder retteten sich mit dem Sprung aus dem Fenster in die Freiheit. Zur Ikone wurde der DDR-Grenzsoldaten Conrad Schumann, der in Uniform mit einem beherzten Satz den Stacheldraht überwand. Trotz des Aufgebots von Soldaten und Polizei fiel in diesen Augusttagen noch kein Schuß an der Berliner Mauer. Doch das sollte sich ändern.

Am 24. August näherte sich der Schneider Günter Litfin im Ostteil der geteilten Stadt den Grenzanlagen. Er stammte aus einem katholischen Elternhaus und war Mitglied der illegalen Ost-CDU. Der Mauerbauer hatte den 24jährigen, der im Ost-Stadtteil Weißensee lebte, aber zur Arbeit über die Sektorengrenze ins westliche Charlottenburg fahren mußte, unvorbereitet getroffen.

DDR-Grenzer eröffneten das Feuer

Litfin hatte bereits seinen Umzug in den Westteil geplant und sich eine Wohnung genommen, bevor die DDR die Grenze schloß. Nun suchte er nach einer Möglichkeit, diese zu überwinden.

Foto von Günter Liftin während einer Ausstellung zum 50. Jahrestag des Mauerbaus (Archivbild) Foto: picture alliance / Eventpress Mueller-Stauffenberg | Eventpress Mueller-Stauffenberg
Foto von Günter Liftin während einer Ausstellung zum 50. Jahrestag des Mauerbaus (Archivbild) Foto: picture alliance / Eventpress Mueller-Stauffenberg | Eventpress Mueller-Stauffenberg

Am Gelände der Charité im Humboldthafen schien die Gelegenheit günstig, die Spree zu durchschwimmen. Litfin überwand die Außenmauer der Klinik gegen 16.00 Uhr. Kurz darauf entdeckten ihn zwei Grenzsoldaten und forderten ihn auch mit Warnschüssen zum Halt auf.

Er ließ sich jedoch nicht von seinem Fluchtplan abbringen, sprang ins Hafenbecken und schwamm auf das rettende Westufer zu. Die Grenzer eröffneten daher das Feuer auf ihn. Kurz bevor er sein Ziel erreichte, traf Litfin eine Kugel tödlich in den Hinterkopf. Vom Westufer sahen rund 300 Menschen, wie der erste Mauertote starb. Nach drei Stunden bargen DDR-Grenzer den leblosen Körper.

„Berlin bleibt frei, wird niemals rot“

Die Schüsse lösten in Westdeutschland heftige Empörung aus. Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) verurteilte sie scharf. Die Westberliner B.Z. klagte an: „Ulbrichts Menschenjäger wurden zu Mördern!“

Die DDR-Propaganda schlug unterhalb der Gürtellinie zurück und verspottete den Mauertoten als homosexuellen Prostituierten und „kriminelle Gestalt“.

Als Zeichen des Widerstands gegen die SED-Diktatur und ihre tödliche Grenze tauchte drei Tage nach Litfins Tod ein Transparent am Westufer der Spree auf. „Und wenn der Ulbricht noch so tobt, Berlin bleibt frei, wird niemals rot“, verkündete es trotzig.

Todesschützen bekamen Prämie – und später Bewährungsstrafe

Laut offizieller Zahlen sollten in den kommenden Jahrzehnten 101 Menschen bei dem Versuch den Tod finden, aus der DDR zu fliehen. Insgesamt beläuft sich die Zahl der Mauertoten auf rund 140. Darunter fallen auch getötete Grenzpolizisten und bei Unfällen verstorbene oder ohne Fluchtabsicht Erschossene.

Ein Gedenkstein erinnert an den ersten Mauertoten Günter Liftin Foto: picture alliance / imageBROKER | Siegfried Grassegger
Ein Gedenkstein erinnert an den ersten Mauertoten Günter Liftin Foto: picture alliance / imageBROKER | Siegfried Grassegger

Nachdem der sozialistische Unrechtsstaat Geschichte war, wurden auch die Todesschützen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze vor Gericht gestellt. Die beiden Soldaten, die auf Litfin geschossen hatten – von der DDR-Führung noch mit dem „Ehrenzeichen der Volkspolizei“, einer Uhr und 200 Mark ausgezeichnet – mußten sich wegen gemeinschaftlich begangenen Todschlags verantworten. Sie wurden zu einem beziehungsweise eineinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt.

An Litfin erinnert nahe des Fluchtortes ein Gedenkstein. In Weißensee wurde 2003 eine Straße nach ihm benannt. Sein Schicksal dokumentiert den mörderischen Willen der DDR, seine Bürger gefangen zu halten.

Volkspolizisten der DDR bewachen die innerdeutsche Grenze in Berlin Foto: picture alliance / dpa | dpa
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
aktuelles