Bogislaw von Bonin (Mitte in Uniform)
Bogislaw von Bonin (Mitte in Uniform) mit dem Ortsbürgermeister und einem britischen Sonderhäftling (r., schwarze Jacke) Foto: wikimedia.org/US military press/gemeinfrei
Zweiter Weltkrieg

Als Wehrmachtssoldaten prominente Geiseln der SS befreiten

Es sind Worte des fast schon verloren geglaubten tiefen Glücksgefühls: „In diesen ersten Tagen der Freiheit schien uns Prags wie das Paradies auf Erden. Ich konnte den Blick nicht von meinem Fenster lösen, von den schneebedeckten Bergen, die sich steil über dem stillen, geheimnisvoll-traurigen See erhoben.“ Diese Sätze stammen von Fey von Hassell, Tochter des Widerstandskämpfers Ulrich von Hassell. Sie schrieb sie in ihren Erinnerungen an ihre Zeit als Sippengefangene der SS und des SD, aus der sie am 30. April 1945 in einer spektakulären Aktion befreit wurde.

Hassell und 138 andere Gefangene aus 17 europäischen Staaten waren im Frühjahr vor 75 Jahren aus mehreren Konzentrationslagern (KZ), darunter Buchenwald, Mauthausen und Flossenbürg, im KZ Dachau zusammengelegt worden. Neben Angehörigen der Familien von Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg befanden sich unter anderem auch der Generalstabsoffizier Oberst Bogislaw von Bonin, der Großindustrielle Fritz Thyssen, der evangelische Theologe Franz Niemöller, Angehörige der Familie von Widerstandskämpfer Carl Goerdeler, der frühere österreichische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg, der frühere französische Ministerpräsident Léon Blum und sein ungarischer Amtskollege Miklós Kállay sowie zwei Mitglieder des Secret Intelligence Service unter den Häftlingen.

Alte Ansichtskarte vom Hotel Pragser Wildsee Foto: wikimedia.org / Snapshots Of The PastPragser Wilsee (i.e. Wildsee) toward Sulden Tyrol Austro-Hungary / CC

Köder für Friedensverhandlungen mit Westalliierten

Es ist bis heute nicht restlos geklärt, warum die SS die prominenten Gefangenen im Frühjahr 1945 in ein Luxushotel in Prags, einem wenige hundert Seelen großen Bergdorf im Südtiroler Hochpustertal, verschleppen ließ. Die Mehrzahl der Historiker geht davon aus, daß der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, Ernst Kaltenbrunner, sie unter der Ägide Himmlers in die geplante „Alpenfestung“ bringen lassen wollte, um sie als Köder für Friedensverhandlungen mit den Westalliierten oder im Tausch für Devisen einsetzen zu können. Der Plan scheiterte nicht nur am schwindenden Glauben an das vermeintlich letzte und uneinnehmbare Rückzugsgebiet in den Alpen. Er wurde durchkreuzt – und zwar von Wehrmachtssoldaten.

Vor allem für Fey von Hassel war der Weg in die SS-Gefangenschaft eine regelrechte Tragödie. Am 8. September 1944 wurde ihr Vater wegen seiner Beteiligung am Attentat vom 20. Juli hingerichtet. Einen Tag darauf ließ die SS von Hassel in Norditalien festnehmen und in ein Gefängnis in Udine bringen, wo sie zehn Tage einsaß. Nach ihrer Entlassung mußte sie in den Hausarrest, wo sie am 27. September erneut verhaftet und mit ihren beiden kleinen Söhnen nach Innsbruck verlegt wurde. Dort wurden ihr die Kinder weggenommen und in ein ihr unbekanntes von der SS geleitetes Kinderheim gebracht. Wenige Wochen später, Ende Oktober, transportierte sie die SS in ein für Sippenhäftlinge reserviertes ehemaliges Hotel in Niederschlesien. Von dort aus ging es dann über mehrere Stationen nach Dachau.

Gefangener Offizier bittet Wehrmachtsgeneral um Hilfe

Als die Sippen- und Sonderhäftlinge von Innsbruck aus über die gefährliche Brennenrroute mit fünf Omnibussen am frühen Morgen des 28. April im Dolomitendorf Prags ankamen, war das Hotel „Pragser Wildsee“ von drei Wehrmachtsgenerälen und ihren Stäben belegt. Deshalb mußte SS-Obersturmführer Edgar Stiller, der für den Transport der Gefangenen verantwortlich war, sie in den benachbarten Ort Niederdorf bringen, wo sie in Pfarr- und Gemeindegebäuden aber auch in privaten Zimmern untergebracht und von den Einheimischen versorgt wurden. Das Leben der Männer, Kinder und Frauen stand auf Messers Schneide, weil SS-Untersturmführer Ernst Bader, der ein SD-Kommando führte, das die Häftlinge begleitete, laut späterer Aussagen von SS- und Wehrmachtsangehörigen den Befehl hatte, die Gefangenen zu töten, falls der Transport mißlingen sollte.

Haupt­mann Wi­chard von Alvens­leben (um 1960) Foto: Reimar von Alvensleben, Familie von Alvensleben e.V., gemeinfrei

Am Vormittag des 29. April, an dem Tag, als der Oberbefehlshaber der Wehrmacht in Italien, Generaloberst Heinrich von Vietinghoff, zusammen mit einem SS-Bevollmächtigten im alliierten Hauptquartier in Caserta bei Neapel die bedingungslose Kapitulation unterzeichnete, die am 2. Mai in Kraft treten sollte, telefonierte Bogislaw von Bonin in Niederdorf heimlich mit General Hans Röttiger, dem Stabschef von Vietinghoff in Bozen, und bat ihn um Hilfe.

Röttiger gab am Abend desselben Tages Hauptmann Wichard von Alvensleben, der im 16 Kilometer entfernten Moos in Sexten stationiert war, den Auftrag, den Häftlingen zu helfen. Kurz vor Mitternacht traf von Alvensleben mit seinem Fahrer in Niederdorf ein. Stiller, der von einer rein zufälligen Begegnung ausging, informierte den Hauptmann, daß er die Kontrolle über die 139 Prominenten an ein Häftlingskommitee abgeben wolle, er allerdings fürchte, daß der rangniedere Bader die Gefangene dann in seine Gewalt und womöglich sogar erschießen könnte.

Eine Wehrmachtskompanie umstellt das SS-Quartier

Wenige Stunden später, am 30. April, kam von Alvensleben zum zweiten Mal nach Niederdorf. Diesmal folgte ihm allerdings ein Stoßtrupp von 15 mit Maschinenpistolen bewaffneten Unteroffizieren. Von Alvensleben erklärte Bader von seiner Funktion enthoben und forderte Verstärkung an. Drei Stunden später traf eine 150 Mann starke Wehrmachtskompanie aus dem Nachbardorf Toblach ein und umstellte das Gemeindeamt, wo die SS Quartier bezogen hatte. Schließlich kam es beinahe zum Schußwechsel zwischen SS und Wehrmacht, als Bader aus dem Gemeindeamt stürmte und mit einem Fahrzeug durchbrechen wollte.

Daß letztlich doch kein Schuß fiel, war laut von Alvensleben einem andere SS-Mann zu verdanken: Waffen-SS-General Karl Wolff. Als von Alvensleben Röttiger über die Befreiung der Geiseln informierte, stand auch Wolff, der höchste SS-Führer in Italien, neben diesem in Bozen. Von Alvensleben bat Wolff, den SS-Trupp nach Bozen schicken zu dürfen, dem Wolff zustimmte.

Freiheit – aber nicht für alle

Gedenktafel an die Befreiung an einer Kapelle am Pragser Wildsee Foto: wikimedia.org/OTFW, Berlin/cc

Noch am Nachmittag des 30. April bezogen die Häftlinge Zimmer im inzwischen geräumten Hotel Pragser Wildsee. Am 5. Mai, drei Tage nach dem Kriegsende in Italien, stürzten sich zahlreiche Journalisten, die mit der amerikanischen Armee nach Südtirol kamen, auf die aufsehenerregende Geschichte und verbreiteten sie in alle Welt. Allerdings mit der über Jahrzehnte falsch kolportierten Deutung, amerikanische und nicht deutsche Soldaten hätten die prominenten Häftlinge der SS-Gefangenenschaft entrissen.

Doch nicht für alle bedeutete der Abzug der SS und die Ankunft der Amerikaner den Weg in die Freiheit. Die deutschen Offiziere unter den ehemaligen Häftlingen kamen in Kriegsgefangenschaft. Auch von Bonin, der trotz seiner Verdienste bei der Befreiung der Sippen- und Sonderhäftlinge erst zwei Jahre später daraus entlassen wurde. Für den Großteil der Gruppe ging es allerdings per Auto und Flugzeug nach Capri. „Von nun an waren wir frei“, erinnerte sich von Hassel, die zusammen mit ihrem Ehemann auf der Insel Ende Mai 1945 ein kleines Abschiedsfest gab, zu dem auch die Stauffenbergs eingeladen waren.

Bogislaw von Bonin (Mitte in Uniform) mit dem Ortsbürgermeister und einem britischen Sonderhäftling (r., schwarze Jacke) Foto: wikimedia.org/US military press/gemeinfrei

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