Baltikum nach dem Ersten Weltkrieg

Mai 1919: Landeswehr und Freikorps erobern Riga

Am 22. Mai 2019 jährt sich zum 100. Mal der Tag der Erstürmung Rigas durch die von den Deutschen unterstützte Baltische Landeswehr, ein Erfolg, der erst 1991 nach der neuen Souveränität Lettlands nach dessen Ausscheiden aus der Sowjetunion dort wieder lebendig geworden ist, aber kaum noch im heutigen Deutschland. Die Kämpfer um Riga sind längst gestorben und für die nachfolgenden Generationen sind die damaligen Ergebnisse deshalb nur noch Geschichte. Es erscheint deshalb umso sinnvoller, die Geschehnisse vor 100 Jahren kurz zu skizzieren, weil das Freiheitsbewußtsein, aber auch der erfolgreiche deutsche Einsatz vorbildlich bleiben.

Nach der bolschewistischen Revolution in Rußland im November 1917 ergab sich für die nichtrussischen Völker des Zarenimperiums die Möglichkeit, ihre nationale Unabhängigkeit zu erringen, also sich von Rußland zu lösen. Gefördert wurde diese Bestrebung durch den Umstand, daß die Territorien dieser Völker im Zuge des Vormarsches der Armeen des deutschen Kaiserreiches nicht mehr von russischen Truppen besetzt waren.

Das traf auch auf Finnland, die baltischen Provinzen – also die Esten, Letten und Litauer – und Polen zu. Diese Völker konnten sich außerdem bei ihrem Streben nach nationaler Unabhängigkeit auf die pro-grammatische Erklärung der Bolschewiken berufen, wonach das Selbstbestimmungsrecht der Nationen uneingeschränkt gelten sollte, also bis zum Recht auf Trennung vom russischen Imperium.

Die genannten Völker waren politisch gespalten; die nationalen Kräfte stellten sich unter einem selbständigen Estland etwas anderes vor als der Revaler (Tallinner) Arbeiter- und Soldatenrat, der das Selbstbestimmungsrecht der Nationen im Sinne Lenins nur als eine revolutionäre Deklaration mit beabsichtigter Sprengwirkung für den Vielvölkerstaat des alten Rußland ansah und danach handelte.

Der Bolschewismus bedrohte die Deutschbalten

Die Deutschbalten kamen im Zuge dieser Entwicklung in eine äußerst prekäre Lage. Der Bolschewismus hatte der Bourgeoisie den „Kampf auf Leben und Tod“ erklärt; seine Taten ließen keinen Zweifel an dem Ernst dieser Drohung zu. Die Deutschbalten, soziologisch betrachtet überwiegend der Oberschicht oder dem selbständigen Mittelstand angehörend, hatten demnach von diesem Feind keine Gnade zu erwarten. Besonders gefährdet war der baltische Adel, dessen Vertreter als treue Diener des Zaren und als Verkörperung des verhassten Feudalsystems den Bolschewiken ein anachronistischen Ärgernis sein mußten. Bestätigung fand eine solche Befürchtung durch die „Vogelfreierklärung“ des Adels am 9. Februar 1918 durch das Exekutivkomitee des Arbeiten- und Soldatenrats in Reval.

Riga um 1900 Foto: Library of Congress, Prints & Photographs Division, Photochrom Collection Gemeinfrei https://bit.ly/30CHYII

Man kann sich heute die Massenmorde und die bedenkenlosen Liquidierung von politischen Gegnern kaum mehr vorstellen, die eine solche Vogelfreierklärung für die betroffene Sozialgruppe bedeutete. Bezeichnend für die Ungeheuerlichkeit dieses Vorgangs war die Empörung des damaligen Volkskommissars (Minister) für Justiz, Isaac Steinberg, eines linken Sozialrevolutionärs, der Lenins Regierung angehörte. Steinberg war entsetzt über die Möglichkeit, daß jetzt Menschen ermordet werden konnten, deren Schuld nur darin bestand, daß sie Barone waren. Steinberg fiel bald bei den Bolschewiken in Ungnade und schied aus der Regierung aus: die Bolschewiken setzten ihren Terror gegen ihre politischen Gegner fort. „Schuld“ war und ist für sie keine Kategorie der politischen Auseinandersetzung.

Andererseits schien aber auch das Wetterleuchten der ersten Revolution von 1905/1906, die im Baltikum die Form eines sozialen und nationalen Aufstandes der Esten und Letten gegen das wirtschaftlich und politisch dominierende deutsche Element angenommen hatte, für die Zukunft der Deutschen in selbständigen Nationalstatten Estland und Lettland nichts Gutes verheißen zu haben. Wie die Entwicklung in der Zukunft zeigen sollte, waren solche Befürchtungen keineswegs unbegründet. Die Staaten Estland und Lettland verfolgten bekanntlich in der Zeit ihrer Selbständigkeit vielleicht vorgeblich sanft, aber letztlich resolut, eine rigorose Politik der Verdrängung der Deutschbalten aus allen Positionen im Lande.

Deutsche Truppen verließen nach der Revolution das Baltikum

Das Gefühl der Bedrohung und die sich aufdrängende Gewissheit des Umbruchs des Altgewohnten kennzeichneten die Lage, in der jede Entschlussfassung von mehreren Variablen abhing. Deutlich verschärft wurde diese Realität durch die Novemberrevolution 1918 im Deutschen Kaiserreich und deren Folgen. Die deutschen Truppen mußten auf Weisung der Entente, also der westlichen Siegermächte, das Baltikum räumen und, was entscheidend war, die Mehrzahl der deutschen Soldaten wollte begreiflicherweise so schnell wie möglich nach Hause.

Die Rote Armee folgte den abziehenden deutschen Truppen auf dem Fuß. Sie kam zur Unterstützung der am 29. November 1918 in Moskau für Lettland geschaffenen Räteregierung. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wurde bolschewistisch-proletarisch interpretiert. Die mit dem Abzug der deutschen Okkupationstruppen wieder in Aktion tretenden nationalen Regierungen Estlands und Lettlands konnten den einmarschierenden Truppen der Roten Armee zunächst nur zahlenmäßig sehr schwache eigene Verbände entgegenstellen. Die Aufrufe, die um Freiwillige warben, konnten in der Kürze der Zeit keinen durchschlagenden Erfolg erzielen. Unter den ersten Freiwilligen waren auch zahlreiche Deutschbalten, die in eigenen Verbänden zusammengefasst wurden.

Die Entwicklung nahm in Estland und Lettland einen unterschiedlichen Verlauf. Die estländische Freiwilligentruppe „Baltenregiment“ wurde am 27. November 1918 gegründet; sie gehörte von Anfang an in den Verband des estnischen Heeres. In Kurland und Riga hatten sich bereits am 11. November 1918, dem Tag des Waffenstillstands zwischen den besiegten Deutschen und den Alliierten, die ersten Freiwilligenabteilungen gebildet.

Deutschbaltische Freiwillige unterstützten Landeswehr 

In der Anfangsphase des Bestehens der Landeswehr, die auch die Eroberung Rigas ein-schloß, stand dieser Verband in enger Verbindung zu militärischen Verbänden des deutsches Heeres, vornehmlich aber zu den Freikorps. Die natürliche Verbindung bildeten diejenigen Balten, die seit 1916 in die deutsche Armee eingetreten waren. Die Unterstützung der Landeswehr durch die reichsdeutschen Verbände umfasste Versorgung und personellen Einsatz. Zahlreiche reichsdeutsche Offiziere, sogar ganze Einheiten kämpften im Verband der Landeswehr, trugen zur baltischen Kampfkraft bei. Die Stärke der Landeswehr bei dem Kampf um Riga betrug etwa 7.000 Mann, darunter etwa 3.600 deutschbaltische Freiwillige. Ohne sie wäre Riga nicht befreit worden.

Ein Nachteil dieser Verbindung, der allerdings nicht vermieden werden konnte, war die politische ungeklärte Stellung der reichsdeutschen Einheiten, speziell der Freikorps, deren Einsatz von der Entente, aber auch zum Teil von den neuen Machthabern der deutschen Republik mit Argwohn betrachtet wurde. Gelegentlich kam dabei auch der militante Marxismus mancher Kritiker zum Ausdruck.

Als der Sozialdemokrat August Winnig, damals Oberpräsident der Provinz Ostpreußen, in Berlin dafür plädierte, die Freikorps doch in Kurland zu belassen, „da es dort gelte deutsches Blut zu schützen“ , wurde er von Rosa Luxemburg in ihrer Rede zum Programm der KPD am 30. November 1918 angegriffen. Höhnisch meinte sie, sie wundere sich, daß ein „deutscher Gewerkschaftsführer“ so etwas sagen könne. Es handelte sich doch nur um die „baltischen Barone“.

Landeswehr erhielt Verstärkung

Ende Dezember 1918 kam es zur ersten Feindberührung zwischen Teilen der Baltischen Landeswehr und der sowjetischen Roten Armee, die durch lettische Schützenregimenter und örtliche Kommunisten verstärkt worden war. Die ungeübte Truppe der Landeswehr erlitt östlich von Riga eine entscheidende Niederlage. Riga mußte daher am 3. Januar 1919 geräumt werden. Fast ganz Kurland ging verloren. Doch damit war der Kampf noch nicht beendet, denn die Landeswehr gewann Zeit zur Konsolidierung. Freiwillige strömten ihr zu; ausbildungsmäßig trug die erwähnte Zusammenarbeit mit den reichsdeutschen Verbänden nun Früchte.

Die Berichte aus den von den Bolschewisten besetzten Gebieten über Gräueltaten, Massenmorde – allein in Riga fielen über 300 Menschen dem Terror zum Opfer – festigten bei den deutschbaltischen Offizieren und Mannschaften den Willen, die geräumten Landesteile zurückzuerobern. Schutz der Bedrohten und Rache für die Gemordeten wurden zur beherrschenden Motivation; das Gefühl, in Notwehr zu handeln, verstärkte sich.

Baron Hans von Manteuffel fiel bei der Befreiung Rigas als Offizier der Landeswehr Foto: The German Freikorps, 1918-23 Gemeinfrei https://bit.ly/2HGhIVa

So kam es zur Wende. Während der Monate März und April 1919 rückten die Landeswehr und die anderen gegen die Bolschewiken kämpfenden Verbände wieder nach Osten vor. Ende Mai befand man sich in der Ausgangsstellung für den Angriff auf Riga. Von flankierenden Vorstößen im Nordosten und Südosten unterstützt, trat die Landeswehr, an der Spitze, unter dem Kommando von Baron Hans von Manteuffel, die 1. Schwadron der Stoßtruppe und beigegebene Einheiten, in den frühen Morgenstunden des 22. Mai 1919 zum Angriff auf Riga an.

Riga wurde in einem Tag freigekämpft

In schnellem Vorstoß wurden die 30 Kilometer von der Ausgangsstation bis Riga, feindlichen Widerstand niederkämpfend, überwunden. Um die Mittagszeit gelang es, die Lübeck-Brücke über die Düna zu nehmen und gegen die nach der anfänglichen Überrumpelung sich wieder sammelnden Bolschwiken zu halten. Ein waghalsiges Unternehmen befreite viele Hunderte von Gefangenen in der Zitadelle. Dabei fiel Baron Hans von Manteuffel. Das Zentralgefängnis wurde erst am Nachmittag erreicht; die Bolschewiken ermordeten dort noch 23 Geiseln. Am Abend war ganz Riga befreit. Der Überraschungsangriff gegen den zahlenmäßig überlegenen bolschewistischen Feind war gelungen.

Der 22. Mai 1919 ist jahrelang von den Deutschbalten als Gedenktag begangen worden und wurde zu einem Ritual. Heute ergibt sich die Frage: Woran soll und kann man anläßlich dieses Datums denken und wen betrifft dieser Gedenktag? Die jüngere Geschichtsschreibung hat sich auch der Geschehnisse um die Eroberung Rigas angenommen, denn an dem Erfolg der militärischen Aktion gibt es nichts zu deuteln.

Grundlage für die Souveränität des Baltikums

Doch bei der Erforschung des politischen Umfelds zeigen sich auch hier zwei Tendenzen der modernen Geschichtsschreibung. Es wird darüber spekuliert, was geschehen wäre, wenn sich die Akteure anders verhalten hätten. Und da man jetzt alle Details und die spätere Entwicklung kennt, kann man im Nachhinein feststellen, wie verantwortungsvoll, wie positiv und mit welchem Optimismus die damaligen Kämpfer trotz ihrer militärischen Schwäche sich für die Freiheit Rigas und damit Lettlands eingesetzt haben.

Auch wenn die Souveränität der baltischen Staaten 1940 durch die Ausdehnung der Sowjetunion unter Stalin wieder erlosch und 1944 nach dem Rückzug der deutschen Wehrmacht ganz verloren ging, so hat die 1919 erkämpfte Souveränität des Baltikums doch die historische Grundlage und die politische Hoffnung auf das neu zu gewinnende Selbstbestimmungsrecht der Letten, Esten und Litauer nach dem Untergang der Sowjetunion geschaffen. Deshalb sind die Balten heute auf den 22. Mai 1919 stolz und wir Deutsche können ebenfalls stolz und ehrfürchtig auf unsere damaligen Soldaten schauen.

Januar 1919: Die Rote Armee marschiert in Riga ein. Die bolschewistische Schreckensherrschaft wurde am 22. Mai durch die Baltische Landeswehr und Freikorps beendet Foto: picture-alliance / RIA Nowosti

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