Mord an Gerhard Kaindl

Der Angriff dauerte nur eine Minute

Es ist Freitag, der 3. April 1992. Der Abend beginnt unspektakulär in einer Gaststätte im Berliner Stadtbezirk Neukölln, in der eine Veranstaltung des Hoffmann-von-Fallersleben-Bildungswerks stattfindet. Thema ist ein Vortrag des Österreichers Konrad Windisch über den Dichter Ludwig Uhland.

Nach dem Ende der Veranstaltung verabreden wir uns, noch etwas essen zu gehen. „Wir“, das sind an diesem Abend neben mir der heutige JF-Redakteur Thorsten Thaler, 1989/1990 Geschäftsführer und Pressesprecher der Abgeordnetenhaus-Fraktion der Republikaner, Gerhard Kaindl, früher im Landesvorstand der Berliner Republikaner, dann aktiv bei der Deutschen Liga (eine Abspaltung der Republikaner) und Gabriele H., Vorstandsmitglied der Deutschen Liga. Hinzu kommen der Kieler Verleger Dietmar Munier sowie ein Mitarbeiter seines Verlages. Kurze Zeit später sitzen wir an einem Tisch im hinteren Bereich des China-Restaurants „Jin-Shan“ am Kottbusser Damm in Kreuzberg.

Angriff ohne Vorwarnung

Im Verlaufe des Abends bietet uns ein Rosenverkäufer seine Ware an, wir haben jedoch keinen Bedarf. Diese Situation bemerkt ein ausländischer Gast, der dem Rosenverkäufer sagt: „Die kaufen sowieso nichts, das sind Republikaner.“ Die Atmosphäre war aber völlig entspannt, niemand von uns hat dieser Bemerkung Bedeutung beigemessen.

Das wäre sicherlich anders gewesen, wenn wir auch nur geahnt hätten, was sich nun vor der Tür zusammenbraute. Der ausländische Gast verließ das Lokal und informierte eine Gruppe namens „Antifasist Gençlik“ (Antifaschistische Jugend) darüber, daß sich „im Kiez Nazis“ aufhalten würden. Diese hätten einen ausländischen Blumenverkäufer beleidigt. In kürzester Zeit werden etwa zehn bis zwölf Personen mobilisiert, überwiegend Türken und Kurden, aber auch einzelne Deutsche.

Sie treffen sich in der Nähe des China-Restaurants, sind bewaffnet mit Messer, Baseballschläger und einem selbst angefertigten Degen mit einer 52 Zentimeter langen Klinge. Die Gruppe wartet nun darauf, daß wir das Lokal verlassen. Gegen 0.30 Uhr am 4. April 1992 verlieren die „Antifasist Gençlik“ die Geduld. Etwa acht bis zehn Personen ziehen sich Masken über die Köpfe und stürmen das Lokal. Ein weiterer Täter sichert die Tür.

Tödlicher Stich in den Rücken

So titelte der „Berliner Kurier“ nach der Tat Foto: JF

Keiner von uns hat auch nur im entferntesten mit einem solchen Angriff gerechnet. Es dauert nur wenige Sekunden, bis die Angreifer unseren Tisch erreichen. Ohne zu zögern, sticht einer der Täter sofort zu. Er trifft den mit dem Rücken zur Tür sitzenden Gerhard Kaindl mit mehreren Messerstichen.

Vermutlich ein anderer Täter sticht auf den daneben sitzenden Thorsten Thaler ein. Ich lasse mich instinktiv unter den Tisch fallen, andere aus unserer Gruppe bringen den Tisch zwischen sich und die Angreifer. Der Angriff, der nur etwa eine Minute gedauert hat, wird vom chinesischen Wirt des Lokals beendet, der eine Gaspistole zieht. Die Täter flüchten.

In dem zerstörten Lokal lassen sie Gerhard Kaindl (47) zurück, der noch am Tatort verstirbt. Thorsten Thaler (damals 28) kann durch eine sofortige Operation gerettet werden. Gerhard Kaindl, diplomierter Elektroingenieur, Inhaber einer eigenen kleinen Firma, hinterläßt seine Frau und einen Sohn.

Mildes Urteil

Am 20. September 1994 beginnt vor der 7. Strafkammer des Berliner Landgerichts ein Prozeß gegen sieben Anhänger der „Antifasist Gençlik“. Zwei Monate später verkündet die Vorsitzende Richterin Gabriele Eschenhagen das Urteil. Es fällt sehr milde aus: Drei Angeklagte werden wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu je drei Jahren Haft verurteilt. Gegen zwei andere werden Jugendstrafen zur Bewährung ausgesetzt, und zwei weitere Angeklagte werden freigesprochen.

Als Begründung führt die Richterin an, die „Antifaschisten“ würden unter liberalen Bürgern viel Sympathie genießen und der Angriff habe vor dem Hintergrund ausländerfeindlicher Gewalt stattgefunden. Die Tötung Kaindls sei auf den Exzeß eines weiteren – nicht angeklagten – Täters zurückzuführen. Bei den Angeklagten könne man von einem minderschweren Fall der Körperverletzung mit Todesfolge ausgehen.

Zu den während der Urteilsverkündung anwesenden Sympathisanten der Tatbeteiligten sagt die Richterin: „Eine Welle der Entrüstung würde über uns hereinbrechen, wenn wir im umgekehrten Fall dieses Urteil gegen Rechte gefällt hätten.“

„Ich fühle es, das Messer in der Hand, das Messer im Fleisch“

1997 erscheint unter dem Titel „Friß und stirb trotzdem“ ein Roman, mit dem die Ereignisse um die Ermordung von Gerhard Kaindl „literarisch“ aufgearbeitet werden. Der Autor, Raul Zelik, lebt seit 1989 in Berlin und verkehrt selbst in der linksradikalen Szene. Zelik schildert die Tat aus der Sicht der Täter. Das Buch ist voller schwer zu ertragender Gewaltdarstellungen. Leseprobe: „Ich fühle es, das Messer in der Hand, das Messer im Fleisch, das Fleisch tief, warm und zuckend.“

Zelik qualifiziert sich mit diesem „Werk“ offenbar für den Literatur- und Kunstbetrieb. Sein Buch wird im Jahr 2000 als Theaterstück in Halle inszeniert. Zwei Jahre später nimmt Zelik eine Hörspielbearbeitung für den WDR vor. Im Mai 2007 – anläßlich der fünfzehnten Wiederkehr des Mordes – wird das Hörspiel trotz zahlreicher Proteste – auch von Lesern dieser Zeitung – im NDR ausgestrahlt.

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Carsten Pagel, Jahrgang 1962, trat als Schüler in die Junge Union und die CDU ein, wechselte 1982 zur Partei Die Republikaner, für die er 1989/90 im Berliner Abgeordnetenhaus saß. Seit 1991 ist er als Rechtsanwalt in Berlin tätig.

> Eine ausführliche Dokumentation der Tat und ihrer Folgen erscheint am Freitag in der kommenden Ausgabe der JUNGEN FREIHEIT (Nr. 15/17).

Grab von Gerhard Kaindl Foto: JF

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