Bonhoeffer
Dietrich Bonhoeffer mit Schülern (1932) Foto: wikimedia/Bundesarchiv mit CC-Lizenz 3.0 http://goo.gl/UGmwtz
NS-Widerstand

Gegen die vollendete Gottlosigkeit

Im Gedenkjahr 2015 ist an Dietrich Bonhoeffer, den weltweit verehrten Theologen, zu erinnern. Am Morgen des 9. April 1945 wurde Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg zusammen mit Admiral Wilhelm Canaris, dessen Stabschef Hans Oster, den Mitverschwörern im Amt Abwehr/OKW Ludwig Gehre und Thedor Strünck sowie dem Heeresrichter Karl Sack gehenkt.

Im Rückblick scheint der Märtyrertod Bonhoeffers, des illusionslosen Feindes des Nationalsozialismus und radikalen Vorkämpfers der Bekennenden Kirche, vorgezeichnet. Derlei Wahrnehmung entspringt verkürzter historischer Perspektive. Bonhoeffer war als Widerstandskämpfer voll patriotischer Hoffnung, und selbst nach dem Scheitern des 20. Juli waren noch nicht alle Überlebenshoffnungen zunichte.

Mit den „Brüdern“ gegen das NS-Regime

Im Juli 1939 hatte Bonhoeffer seinen zweiten Aufenthalt in den USA nach wenigen Wochen abgebrochen. Getrieben von innerer Unruhe, war er zur Einsicht gelangt, seine christliche Verantwortung läge in Deutschland, im Kampf mit den „Brüdern“ gegen das NS-Regime. Über die politisch-militärischen Widerstandsbestrebungen war er über seinen Schwager Hans von Dohnanyi seit der „Fritsch-Krise“ im Frühjahr 1938 im Bilde.

Nach Schließung seines Vikariatsseminars bei Schlawe in Hinterpommern sowie Verhängung eines reichsweiten Redeverbots trat er, vermittelt durch Dohnanyi, im Oktober 1940 als V-Mann der Abwehr mit formellem Standort in München ein.

In dieser Funktion, die ihn in Kontakt mit dem späteren CSU-Gründer Josef Müller und dessen Verbindungen zum Vatikan brachte, unternahm Bonhoeffer mehrere Reisen in die Schweiz, nach Norwegen sowie Pfingsten 1942 nach Schweden. Im Auftrag von Generaloberst Beck sollte er über den befreundeten englischen Bischof von Chichester, George Bell, Informationen über den Widerstand an die englische Regierung übermitteln, um Zusagen im Falle des Sturzes Hitlers zu gewinnen.

Deutsch-protestantisches Bekenntnis

Die Gespräche mit Bell in Sigutna bei Stockholm fungierten lange – in der Deutung von Eberhard Bethge – als eine Art deutsch-protestantisches Bekenntnis zur Buße seitens des Ökumenikers Bonhoeffer.

Die Biographin Sabine Dramm, die ihrerseits bei Bonhoeffer von national-konservativen Motiven nichts erkennen will, sondern nur „ausgeprägt (wert-)konservative Züge“, hat diese Interpretation in den historischen Kontext gerückt: Bonhoeffer hatte den Umsturz im Sinn, den er als einen „Akt der Buße interpretierte und einforderte“. Die Aufforderung seines Freundes Bell, mit ihm nach England zu fliehen, lehnte er ab.

Am 5. April 1943 wurden Dohnanyi, Müller und Bonhoeffer wegen „hoch- und landesverräterischer Umtriebe“ verhaftet. Nach dem ersten Haftschock im Militärgefängnis Tegel faßte Bonhoeffer – gewiß auch dank Briefaustausch mit seiner Verlobten Maria von Wedemeyer – neue Kräfte, konnte sich, in Erwartung des ersehnten Attentats, der Lektüre und den als „Gefängnis-Theologie“ bekanntgewordenen theologisch-literarischen Arbeiten widmen.

Beweislage war dürftig

Die Beweislage für den Anfang Januar 1944 abgelösten Kriegsgerichtsrat Roeder sowie für den Gestapo-Kommissar Sonderegger war zunächst dürftig, das Informationsnetz der Verschwörer blieb intakt. Unter den sympathisierenden Bewachern bereitete ein Unteroffizier in den Wochen nach dem 20. Juli die Flucht vor, die Bonhoeffer aus Rücksicht auf seine inzwischen verhafteten Verwandten ausschlug.

Nach Entdeckung von Dokumenten, die Dohnanyi in einem Aktenschrank des OKW zu Zossen deponiert hatte, wurden die Gefangenen im Oktober 1944 in das Kellergefängnis des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) in der Prinz-Albrecht-Straße überführt. Während sich die Schlinge um den schwer erkrankten Dohnanyni zuzog, fehlte es noch immer an Material gegen Bonhoeffer.

Nach dem Bombenangriff, bei dem das RSHA teilweise zerstört und Roland Freisler von einem Splitter getötet wurde, wurde Bonhoeffer am 7. Februar 1945 zusammen mit anderen Gefangenen der Gruppe Canaris nach Buchenwald gebracht.

Hitler ordnete Liquidierung an

Das Ende liest sich wie eine Illustration des NS-spezifischen mörderischen Irrwitzes. Am 3. April, während Geschützdonner von der Werra herüberdröhnte, wurden die Gefangenen in einen Holzgaser verfrachtet und Richtung Süden abtransportiert. Am 5. April, nach einem weiteren Aktenfund in Zossen, ordnete Hitler wutentbrannt die Liquidierung der „Canarienvögel“ an.

Das Ganze mußte seine Ordnung haben. Von Berlin begab sich der SS-Untersuchungsführer Huppenkothen nach Flossenbürg, um als Ankläger zu fungieren. Im zerbombten Nürnberg setzte sich der SS-Richter Thorbeck in einen Güterzug nach Weiden in der Oberpfalz. Von dort fuhr er mit einem geliehenenen Fahrrad ins KZ Flossenbürg, wo die „Prozesse“ stattfinden sollten.

Anders als seine Mitverschwörer befand sich Bonhoeffer an jenem 8. April durch Zufall noch in dem etwa 150 Kilometer südlich gelegenen Ort Schönberg im Bayerischen Wald. Dort wurde er aus einem Kreis von „Sondergefangenen“, darunter der britische Geheimdienstler Payne Best und der Neffe Molotows – Bonhoeffer hatte dem Atheisten noch Elemente des Christentums nahegebracht – herausgerufen. „Dies ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens“, sagte er zu Best und trug ihm Grüße an Bischof Bell auf.

Keine einfache Deutung

Biographie und und Werk Bonhoeffers sperren sich gegen einfache Deutung. Der amerikanische Biograph Eric Metaxas will Bonhoeffer aufgrund seiner Sympathien für die lebendige Religiösität einer schwarzen Bapisten-Gemeinde in Harlem zu einem Protagonisten eines „evangelikalen“ Christentums machen. Diese Interpretation geht fraglos fehl. Umgekehrt ist die Betonung einer plötzlichen Zäsur 1943 in Bonhoeffers theologischem Denken – hin zu einem „religionslosen“ Christentum in der säkularisierten Gegenwart – seitens seines Freundes Bethge einer differenzierteren Betrachtung gewichen.

Die Gefängnisschriften sollten, wie Bonhoeffer selbst schrieb, „in gewissem Sinne als Prolog zu dem größeren Werk“, der unvollendeten „Ethik“, dienen. Bei unvoreingenommener Lektüre tritt in Bonhoeffers „Ethik“ ein illusionslos konservativer Denker hervor: die Absage an die „vollendete Gottlosigkeit“ der Moderne, deren Beginn er in der Französischen Revolution erkannte und deren Vollendung er im NS-Verbrechensregime erlebte.

Nur auf die Wiederherstellung einer auf die göttlichen „Mandate“ („die Arbeit, die Ehe, die Obrigkeit, die Kirche“) gegründeten Ordnung könne eine künftige menschenwürdige Ordnung gründen. Die von Spengler inspirierte Kulturkritik, insbesondere die Ausführungen zur Sexualmoral, müssen „progressiven“ Adepten, die seit Jahrzehnten Bonhoeffer für politisch beliebige Zwecke instrumentalisieren, in den Ohren klingen.

Ungeheure Kluft der Welt Bonhoeffers zur Gegenwart

Was die patriotischen Empfindungen des im besten Sinne ökumenisch gesinnten Bonhoeffer betrifft, so sei aus dem Geburtstagsbrief zitiert, den er im Zug am 18. Juni 1942 an seinen Patensohn Christoph Bethge schrieb: „Gerade diese lange Fahrt durch unser schönes Land, die Blicke auf die Dome von Naumburg, Bamberg, Nürnberg, auf die bestellten und teils so kärglichen Felder, der Gedanke, daß dies alles Arbeitsfeld und Freude für viele, viele Generationen gewesen ist, geben mir die Zuversicht, daß hier doch eine gemeinsame Aufgabe, eine gemeinsame Hoffnung da ist. (…) Was soll ich da heute andere Wünsche für Dich haben, als daß Du lernst, (…) Dich an Deiner Stelle und in den Dir gegebenen Möglichkeiten als ein Glied in der langen Folge dieser Geschlechter zu sehen, die für ein schönes, echtes und – frommes Deutschland gelebt haben und es noch tun?“

In derlei Worten wird die ungeheure Kluft greifbar, die – Spätfolge der deutschen Geschichtskatastrophe – die „multikulturelle“ Gegenwart von der Welt Bonhoeffers, von Geschichte und Kultur Deutschlands und Europas trennt.

JF 16/15

Dietrich Bonhoeffer mit Schülern (1932) Foto: wikimedia/Bundesarchiv mit CC-Lizenz 3.0 http://goo.gl/UGmwtz

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