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Neue Technologien: Kant und die Gehirnforschung

Die Pankraz-Folge vom 2. Januar mit dem Thema "Kant und die moderne Gehirnforschung" darf an dieser Stelle nicht unwidersprochen bleiben. Pankraz behauptet, daß im letzten Jahr die Gehirnforscher versucht hätten, uns "uralte philosophische Ladenhüter" zu verkaufen, indem sie die Willensfreiheit in Frage stellten. Als Beweis führt er den heiligen Augustinus an.

Es stimmt zwar, daß die Willensfreiheit ein uraltes Thema ist. Doch neue Argumente haben dazu geführt, daß sich die Rechtsprechung, die immer noch zum Teil auf dem Prinzip der "Schuld" beruht, von der Hirnforschung bedroht fühlt. Von Augustinus fühlt sich heute niemand bedroht. Die Vorstellungen vom Menschen wandeln sich durch neue Techniken der Beobachtung. Das reicht weit über Fachkreise hinaus. Man spricht zum Beispiel davon, wie jemand "tickt", oder von einer "Chemie", die stimmen muß.

Nehmen wir einen Geisteskranken, der heute vor Gericht als "unzurechnungsfähig" betrachtet wird. Eigentlich ist jeder Mensch "unzurechnungsfähig". Denn wie der Kranke sich seine Krankheit nicht ausgesucht hat, so ist ein Gesunder gar nicht imstande, auf Kommando krank zu werden. Die Stoffwechselprozesse, die zu Fieber, Schmerzen, aber auch zu Wahnvorstellungen führen, bleiben unbewußt. Das Gehirn – und mehr sagen die Forscher gar nicht – ist ein Organ wie jedes andere auch. Es gehorcht nicht einer einzigen gewaltigen Stimme, sondern funktioniert im ständigen Austausch mit seiner äußeren Umgebung wie eine geniale Apparatur. Wenn Pankraz also sagt, daß wir "gegen unser Gehirn andenken" können, so ist das zumindest "unwissenschaftlich".

Nur wenige Zeilen später allerdings gesteht er ein, daß die Konstruktion einer Moral nur sozusagen in Klammern möglich ist. Wenn es ein moralisches, also freies Handeln gibt, sagt Kant, dann müßte es von der praktischen Vernunft bestimmt sein. In der Empirie allerdings gibt es den Nachweis einer moralischen Handlungsweise nicht, weil immer auch persönlicher Vorteil in die Motivation eingegangen sein könnte. Der "empirische Mensch" mit seinem natürlichen Egoismus bedeutet in heutiger Redeweise das Gehirn mitsamt seinem evolutionären Erbe. Die Moral ist also eine theoretische Konstruktion, ein Produkt der reinen praktischen Vernunft und keine empirisch, also naturwissenschaftlich nachweisbare Wahrheit. Da sind sich Kant und die modernen Gehirnforscher ganz einig. Die Ethik von Kant hat gerade deswegen Bestand gegen die wissenschaftliche Entwicklung, weil sie bescheiden ist bis zur Selbstaufhebung. Daß Kant persönlich ein ehrenhafter Mensch gewesen ist und sich in vielem vernünftig verhielt, spricht nicht dagegen. Es entsprach eben seinem Charakter, um fünf Uhr morgens an die Arbeit zu gehen, einem durch Vererbung und Erziehung geprägten Wesen also – und keineswegs dem berühmten kategorischen Imperativ.

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