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Die vereinte Entfesselung

Robert H. Jackson stand vor einem Problem. Der frühere amerikanische Justizminister hatte seinem Präsidenten Franklin D. Roosevelt stets routinierte Dienste bei der juristischen Absicherung der amerikanischen Kriegspolitik geleistet und war nun nach Europa geschickt worden, als der Krieg sich dem Ende zuneigte. Es galt, dort den amtlichen Schlußstein des Konflikts zu setzen und die deutsche Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg ein für allemal festzuschreiben. Während die britische Regierung dafür plädiert hatte, die wichtigsten Mitglieder der deutschen Führung ohne weitere Umstände vom Leben zum Tode zu befördern, mußte dafür aus amerikanischer Sicht ein formales Gerichtsverfahren geführt werden. Jackson erklärte seinen alliierten Juristenkollegen in mehreren Anläufen den Grund dafür. Schließlich wußte er und betonte es auch, daß die deutsche Kriegserklärung an die Vereinigten Staaten vollkommen legal gewesen war. Daher, so Jackson, müsse der Krieg in Europa vor Gericht als eine von Anfang an völkerrechtswidrige deutsche Aggression dargestellt werden. Das erwies sich als leicht gesagt, jedoch als schwer zu beweisen. Längeres Aktenstudium ließ Jackson zunehmend an der Möglichkeit zweifeln, daß ein fairer Prozeß die Behauptung von der deutschen Alleinschuld irgendwie untermauern könnte. Ganz im Gegenteil: „Die Deutschen werden mit Sicherheit unsere drei europäischen Alliierten anklagen, eine Politik verfolgt zu haben, die den Krieg erzwungen hat. Das sage ich, weil die sichergestellten Dokumente des Auswärtigen Amts, die ich eingesehen habe, alle zum selben Schluß kommen: ‚Wir haben keinen Ausweg; wir müssen kämpfen; wir sind eingekreist; wir werden erdrosselt‘. Wie würde ein Richter reagieren, wenn dies im Prozeß herauskommt? Ich denke, er würde sagen: Bevor ich jemanden als Aggressor verurteile, soll er hier seine Motive schildern.“ Und das wäre katastrophal, so Jackson weiter, denn „wenn dieser Prozeß in eine Diskussion über die politischen und wirtschaftlichen Ursachen des Krieges hineingerät, kann daraus sowohl in Europa, das ich nicht gut kenne, als auch in Amerika, das ich ziemlich gut kenne, unendlicher Schaden entstehen.“ Der Nürnberger Prozeß vermied die Kriegsschuldfrage Solche Aussichten spornten den eifrigen US-Juristen letzten Endes aber nur an. Er plante seinen perfekten Prozeß als Gesetzgeber und führte ihn als Ankläger erfolgreich durch, indem eine Diskussion über die Kriegsursachen vor den Nürnberger Tribunalen schlicht verboten wurde. Es kam nichts von der Kriegspolitik der Westmächte, Polens oder der UdSSR „heraus“, da fast sämtliche Dokumente und Aussagen in dieser Richtung vom Gericht als irrelevant zurückgewiesen wurden. Das Haifischbecken der europäischen Politik der Zwischenkriegszeit mutierte in Nürnberg zum Karpfenteich, in dem sich böswilligerweise ein einziger Hecht herumgetrieben hatte. Man darf sagen, daß selten auf dem Umweg der Justiz eine Entscheidung getroffen worden ist, die langfristig so sehr als Vorbild für die Arbeit der Geschichtswissenschaft gewirkt hat. Die professorale deutsche Geschichtswissenschaft begann jedoch zunächst ganz unbefangen über die tieferen Ursachen der deutschen und europäischen Katastrophe nachzudenken. Ludwig Dehio legte 1948 mit „Gleichgewicht oder Hegemonie“ gleich eine vollständige Theorie des europäischen Staatensystems der Neuzeit vor, in dem der Zweite Weltkrieg als letzter Abschnitt einer langen Abfolge von traditionellen Hegemonialkämpfen erschien. Deutschland wurde zwar als Auslöser des Krieges verstanden, stand aber in einer Reihe mit dem Spanien der expansiven Ära des 16. Jahrhunderts und dem Frankreich Ludwigs XIV. und Napoleon Bonapartes. Der Nationalsozialismus war hier bereits historisiert, mehrere Jahrzehnte bevor in der Bundesrepublik jene lebhafte Diskussion darüber losbrach, ob dies aus moralischen Gründen nicht verboten sein müsse. Selbst jüdischer Herkunft, hatte Dehio die NS-Zeit zurückgezogen in Berlin überlebt. Nun sah er keinen Grund, die nationalsozialistischen Verbrechen zu marginalisieren, aber auch keinen Anlaß, sie als etwas anderes zu sehen denn als modernes Mittel zur totalen Machterweiterung. Er schrieb die Radikalisierung des NS-Regimes außerdem, in gewisser Weise Ernst Nolte vorwegnehmend, einer mit den Jahren stärker hervortretenden „russischen Beimengung“ zu, die den „verstärkten Einfluß Asiens“ auf Europa widerspiegele. Hitlers Versuche seien gescheitert, das Weltsystem mittels lokaler Aktionen quasi zu unterwandern. Der Club der Weltmächte reichte sich die Hand und kämpfte den kommenden Konkurrenten nieder, „war es doch elementarer Grundsatz ihrer Politik, zusammenzustehen gegen jede Macht, die Miene machte, ihnen den Rang abzulaufen“. So klar beobachten läßt sich nur von einer gewissen Höhe. Dehio schrieb europäische Geschichte und wurde dabei von einem Bewußtsein getragen, das einmal europäisches Gemeingut gewesen war und in dem die Allgegenwart moralischer Selbstzweifel an staatlicher Machtausübung noch nicht gegeben war. Daher blieb aus seiner Perspektive die Frage im Grunde zweitrangig, wie sich dies auf der Ebene konkreter Diplomatie dargestellt habe. Das vereinte Deutschland stellte durch seine bloße Existenz potentiell eine neue Größe in der Weltpolitik dar. Seine Vernichtung oder mindestens Auflösung war spätestens seit 1914 ein Element in den Wunschvorstellungen von Teilen der politischen Eliten innerhalb der anderen Großmächte gewesen. Dieses Ziel und seine Bedeutung für den erneuten Ausbruch des Weltkriegs von 1939 und besonders für dessen Verlauf zu bestreiten, wäre Dehio und vielen seiner historisch denkenden Zeitgenossen als völlig absurd erschienen. Er verurteilte das nicht, er stellte es fest. Zu den Zeitgenossen mit ähnlicher Auffassung gehörte beispielsweise Winston Churchill, der in seiner ebenfalls 1948 erschienenen Darstellung des Weltkriegs sogar vom „zweiten dreißigjährigen Krieg“ zwischen 1914 und 1945 sprach. Churchill hielt es für sein ebenso selbstverständliches Recht, kompromißlos auf die Vernichtung der deutschen Einheit hingearbeitet zu haben, wie er es für vollkommen normal hielt, daß die Deutschen hinter ihrer Regierung standen und bis zum bitteren Ende dagegen ankämpften: „Wenn ich ein Hunne wäre, würde ich rennen was das Zeug hält, um Hitler zu Hilfe zu kommen“, meinte er noch 1944. Churchill berichtete nicht ohne Stolz darüber, jedes Gesprächs- oder Friedensangebot der deutschen Seite jederzeit zurückgewiesen zu haben, ohne auch nur dessen Inhalt zu prüfen. Seine Interessen galten aber nicht der moralischen Verurteilung zu politischen Zwecken. Daher hinderte ihn nichts daran, zeitgleich für den Verteidigungsfonds deutscher Militärs in den Nürnberger Nachfolgeprozessen zu spenden, weil er ihnen bei aller entschlossenen Feindschaft den menschlichen Respekt nicht schuldig bleiben wollte. Politisch blieb die Frage brisant, wer denn nun 1939 eigentlich den erneuten heißen Konflikt angefangen habe. Der Kalte Krieg hielt sie aktuell, als sich West und Ost plötzlich gegenseitig beschuldigten, die deutsche Regierung 1939 als Auslöser benutzt zu haben. Je nach Perspektive konnte der Krieg von 1939 so plötzlich als kapitalistisch-faschistische oder kommunistische Intrige erscheinen. Die Analyse von Detailfragen wurde jedoch zunehmend auch das Opfer einer Moralisierung der Geschichtswissenschaft, die sich den großen historischen Versuch nicht mehr zutraute, wie Dehio ihn unternommen hatte. Auf der Basis manchmal reichlich dünner Quellenüberlieferung wurden statt dessen mit anklagendem Gestus einzelne Ereignisse herausgestellt. Ob nun bewußt oder unbewußt: Wie bereits in Nürnberg wurde die Rolle anderer Staaten als Deutschland dabei immer weniger berücksichtigt. Eine historische Einordnung des Weltkriegs in ein umfassendes Erklärungsschema schien nicht mehr adäquat zu sein. Die an sich naheliegende Beobachtung, mit Deutschland habe nicht zum erstenmal eine große europäische Nation für einige Zeit die kulturell aktivste, wirtschaftlich erfolgreichste und bevölkerungspolitisch dynamischste Macht des Kontinents verkörpert, sei aber den letztlich stärkeren Bataillonen einer Koalition machtpolitisch unterlegen und habe dabei auch ihr Überlegenheitsgefühl und ihre Leistungsfähigkeit verbraucht, trat in den Hintergrund. Es wurde viel vom „deutschen Sonderweg“ gesprochen, ohne immer zu bedenken, daß noch jede bedeutende europäische Nation zu ihrer besten Zeit einen Sonderweg gegangen war und ihre Bedeutung jeweils ziemlich genau darin bestanden hatte, zu einem solchen Weg fähig zu sein. Deutschland hatte diese Fähigkeit niemals voll entwickeln können, dazu fehlten in einer bereits damals erschlossenen Welt einem reinen Nationalstaat die materiellen Ressourcen. Im Vergleich mit wirklichen Weltmächten blieben sie sowohl zu wilhelminischen wie zu nationalsozialistischen Zeiten jederzeit bescheiden und konnten weder durch „Weltpolitik“ noch durch „Großraumpolitik“ entscheidend verbessert werden. So war das Vertrauen auf die eigene Stärke in Deutschland 1939 auch schon am Schwinden. Vielmehr regierte die Angst, eingekreist und erdrosselt zu werden, was Jackson aus den Dokumenten des Auswärtigen Amts korrekt herausgelesen hatte. Hellsichtige Beobachter konnten das schon vorher problemlos erkennen. Für den Krieg nur nicht den richtigen Zeitpunkt gewählt Jean-Paul Sartre hatte gleich bei Kriegsausbruch notiert, wie wenig es den deutschen Intentionen entsprach, daß überhaupt Krieg geführt wurde: „Deutschland wollte den Krieg nicht. Es hat in Polen eine heikle Partie gespielt und nicht verstanden, den ‚kritischen Punkt‘ zu bestimmen. Es lehnt den totalen Krieg ab, weil es ihn nicht führen kann,“ trug er in sein Tagebuch ein. Dazu paßte, daß Hitler im Frühjahr 1939 intern ausgeführt hatte, man werde wegen Danzig etwas Druck auf Polen ausüben, aber wohl in den sauren Apfel beißen müssen und Polens Grenzen anerkennen. Er würde „nicht der Idiot sein, wegen Polen in einen Krieg zu schlittern“. Noch während der militärisch scheinbar günstigen Lage des Sommers 1942 lobte er sich nicht etwa dafür, den richtigen Zeitpunkt für den Krieg gewählt zu haben, sondern stellte im kleinen Kreis Betrachtungen der Art an, die Briten seien für ihre bisher erlebte Niederlagenkette selbst verantwortlich, denn sie hätten „nicht warten können“ und den Krieg zu früh angefangen, statt „noch drei oder vier Jahre“ zu rüsten. Groß war in jedem Fall die Aufregung, als Fritz Hesse in seinen Memoiren, dem „Spiel um Deutschland“, 1953 öffentlich in Frage stellte, daß Hitler den Krieg gegen Polen gewollt habe. Er selbst, so Hesse, sei als Mitarbeiter der Deutschen Botschaft am Abend des 2. September 1939 in Hitlers Auftrag zum britischen Premier Neville Chamberlain geschickt worden, um den sofortigen Rückzug der in Polen eingerückten deutschen Truppen anzubieten. Auch von Schadenersatz für die beim Angriff entstandenen Verwüstungen sei die Rede gewesen, wenn im Gegenzug bloß Danzig zu Deutschland käme. Polnisches Staatsgebiet wolle man nicht. Die Londoner Regierung habe das abgelehnt, da die Kriegserklärung beschlossene Sache sei und sich politisch nicht mehr aufhalten lasse. Hesse wurde für seine Darstellung aus Fachkreisen angefeindet. Er gehörte zu jenen potentiellen Zeugen, die den Nürnberger Prozeß in irgendwelchen alliierten Internierungslagern verbracht hatten und für den Prozeß „unauffindbar“ waren. Es fand sich in den veröffentlichten britischen Akten zunächst auch keine Bestätigung für seine späte Aussage. Erst Jahre später wurden von der britischen Regierung Belege dafür nachgeschoben, daß es diesen Besuch am Vorabend des Ultimatums an Deutschland tatsächlich gegeben hat. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg jedoch endgültig die Sphäre der Moral erreicht und nahm solche Details kaum noch wahr. Vom abgeklärten Ansatz eines Ludwig Dehio oder dem späteren intellektuellen Witz eines A. J. P. Taylor war der Schweizer Historiker Walther Hofer denkbar weit entfernt, der sich ein Jahr nach Hesse dem Thema Kriegsausbruch annahm. Seine vielfach neu aufgelegte Studie über die „Entfesselung des Zweiten Weltkriegs“ stellte ein Extrem in die andere Richtung dar und zielte mit möglichst wenig Umwegen auf das moralische Urteil. Es ging ihm um die „Verteilung von Schuld und Verantwortung“, und er verteilte eindeutig: Schuld war Deutschland. Hitler habe den Weltkrieg „entfesselt“, wie die brillante Titelwahl lautete, die neben aller einseitigen Schuldzuweisung doch auch noch das kriegerische Potential der Machtpolitik anderer Staaten implizit zugab, denn was nicht schon vorher bereits dagewesen wäre, hätte natürlich niemand „entfesseln“ können. Hofer räumte daher ein, die Westmächte hätten politisch versagt und die große Krise selbst verursacht, als sie die Prinzipien des Völkerbunds verrieten. Erst Japans erfolgreiche Aggressionen hätten bei Hitler dazu geführt, den Westen nicht mehr ganz ernst zu nehmen, dafür Japan um so mehr. Italien sei es gewesen, das mit dem Angriff auf Äthiopien die internationale Lage weiter verschärft habe, dann später wieder Japan mit dem Angriff auf China. Aber das alles, hieß es dann bei Hofer, seien koloniale Vorgänge gewesen, wegen derer niemand einen großen Krieg habe führen wollen. Am Ende sei es dann doch erst Deutschland gewesen, das die Sicherheit der anderen Großmächte bedroht und Gegenmaßnahmen erzwungen habe. Es blieb bei Hofer allerdings ungeklärt, inwieweit er die Sicherheit Deutschlands von den bilateralen französisch-sowjetischen Pakt von 1935 zweifellos beeinträchtigt sieht, da er ihn selbst er als „antideutsches Bündnis“ schilderte. „Aufbau einer Abwehrfront“ sei das gewesen, aber es blieb offen, wogegen es sich in der konkreten Situation gerichtet haben mochte. Bevor der französische Premier nach Moskau reiste, war es doch gerade seine und die Regierung seiner Vorgänger gewesen, die jeden Vorschlag der Begrenzung einer deutschen Wiederaufrüstung zurückgewiesen hatte. Hofer arbeitete entschieden auf sein Ziel zu, wobei gelegentlich die Seriosität auf der Strecke blieb. So hatte Hitler in seinem unveröffentlichten „Zweiten Buch“ geschrieben, die Vereinigung Europas könnte, wenn überhaupt, nur durch Gewalt erfolgen, das führe seiner Meinung nach aber zu „Rassenmischung“ und sei deshalb abzulehnen. Wünschenswert sei ein Europa freier und unabhängiger Nationalstaaten. Diesen Schluß ließ Hofer schlicht weg und behauptete, Hitler hätte hier die Eroberung Europas gefordert. Hesses Aussagen über das deutsche Rückzugsangebot aus Polen berücksichtigte Hofer überhaupt nicht. Nirgends zu finden war bei ihm auch die wohlbekannte Äußerung des polnischen Botschafters in Berlin, Jozef Lipski, am letzten Friedenstag, er müsse sich nicht um deutsche Verhandlungsangebote kümmern, gleich welcher Art sie seien. Polnische Truppen würden bald siegreich auf Berlin marschieren. Hofers Darstellung unterschlug sogar den gesamten Besuch des britischen Diplomaten George Ogilvie-Forbes und des schwedischen Vermittlers Birger Dahlerus in der polnischen Botschaft, in dessen Verlauf diese Äußerung fiel. Bei dieser Gelegenheit wurden auch noch einmal die schriftlich ausformulierten deutschen Verhandlungsvorschläge übergeben, von denen es später von polnischer Seite und auch bei Hofer noch hieß, sie seien der polnischen Regierung nicht bekannt gewesen. Lipski legte das Papier nur zur Seite und sagte, er könne nicht lesen, was dort stehe. Revisionisten proklamieren die Unschuld Deutschlands Dennoch ist die Studie des Schweizer Historikers ein klassisches Vehikel der bundesdeutschen Vergangenheitsbewältigung geworden und geblieben. Die Schuldigen waren schnell aufgezählt. Im Zentrum stand ein Deutschland, dessen Sicherheitsbedürfnisse und machtpolitische Ziele von vornherein illegitim waren, und eine Sowjetunion, die sich zwar opportunistisch an der Entfesselung des Krieges beteiligte, dabei aber vorwiegend auf die eigene Sicherheit bedacht war. Die Politik Polens blieb für Hofer nur eine Funktion der Westmächte. Auf der anderen Seite stand in seiner Darstellung daher nur ein Bild von harmlosen und gutwilligen Westmächten, von denen man bei Hofer an keiner Stelle glauben mochte, sie hätten etwa schlicht traditionelle Machtpolitik betrieben. Ihren Rücken stärkten dann die bei ihm scheinbar politisch fast gar nicht aktiven und interesselosen Vereinigten Staaten. Diese abgestufte Zuweisung von Verantwortung konnte in den fünfziger Jahren schnell zum geschichtspolitischen Standard avancieren, legitimierte sie doch auf historischer Ebene den vielzitierten Satz des ersten Generalsekretärs der Nato über den Bündniszweck, man müsse zur Sicherung des Status quo in Europa die Amerikaner drin behalten, die Russen draußen und die Deutschen unten. Jacksons Problem von 1945 war allemal erfolgreich gelöst worden, solange dieser Eindruck von den Historikern gepflegt wurde. Es konnte allerdings nicht überraschen, als diese Form der Geschichtsschreibung zunehmend das Ziel der Attacken von Revisionisten wurde, von denen manche seriös arbeiteten, andere aber statt der Alleinschuld nun mit nicht weniger Eifer die vollkommene Unschuld nationalsozialistischer Außenpolitik beweisen wollten. Der geschichtlichen Wahrheit hat das – wie der Nürnberger Prozeß selbst – oft nur sehr am Rand gedient. Sie konnte immer nur jenseits der politischen Auseinandersetzung und der moralischen Fehlschlüsse gefunden werden. Zu viele Staaten wollten in den 1930er Jahren ihre Interessen fördern, indem sie am Untergang des Nachbarn arbeiteten. Die „Entfesselung“ des europäischen Krieges, der später zum Zweiten Weltkriegs wurde, ist eine „vereinte Entfesselung“ gewesen. Dr. Stefan Scheil ist Historiker und veröffentlichte 2003 seine Studie über die europäische Außenpolitik vor 1939, „Fünf plus zwei“, bei Duncker & Humblot.

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