Vergangenheitspolitische „Krisenregulierung“

Am 11. Dezember 1999 erhielt der Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung (HAIT) in Dresden, der Zeithistoriker Klaus-Dieter Henke, einen Anruf vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Dessen Vizepräsident, Peter Frisch, bat in höflicher, aber bestimmter Weise, doch nicht weiter am Stuhl seines Stellvertreters, des Politologen Uwe Backes zu sägen. Frisch wollte sich für Backes, seinen Freund, verbürgen. Denn der erhalte zusammen mit Eckhard Jesse (TU Chemnitz) nicht nur VS-Zuschüsse für die gemeinsam herausgegebene Zeitschrift Extremismus+ Demokratie – Backes gelte ihm auch persönlich als „Garant der freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Was mag den VS-Vize getrieben haben, sich plötzlich als Wissenschaftspolitiker aufzuspielen und sich in Dresdner Personalquerelen einzumischen? Vorausgegangen war ein Streit zwischen Experten in Sachen „Vergangenheitsbewältigung“. Backes hatte es nämlich, gegen den Willen Henkes, ausgerechnet zum 60. Jahrestag des Bürgerbräukeller-Attentats auf Adolf Hitler gewagt, die moralische Integrität des Attentäters Johann Georg Elser in Frage zu stellen. Folge war ein publizistischer Empörungssturm, den Henke nutzte, um seinen ungeliebten Stellvertreter im HAIT loszuwerden und seine Entlassung zu betreiben. Damit bewegten sich aber zunächst nur die Bauern auf einem Schachbrett. Es begann ein großes Spiel, das bald Konturen einer „deutschen Affäre“ ausbildete. Anfang 2000 war bereits der Sächsische Landtag mit der Sache befaßt, sukzessive glaubten dann der unvermeidliche Bundestagspräsident Thierse, die jeweiligen Hilfstruppen von Backes und Henke sowie natürlich der Historikerverband und der besagte VS-Vize Frisch, der Backes gern auf vorgeschobenen Posten behalten wollte, sich ins Schlachtengetümmel stürzen zu müssen. Inzwischen hat dieser völlig aus dem Ruder gelaufene sächsische Historikerstreit Henke verschlungen. Sein Vertrag als Direktor wurde nicht verlängert. In diesen Tagen hat sein Nachfolger, der Heidelberger Kirchenhistoriker Gerhard Besier, seine Arbeit aufgenommen (JF 8/03). Henke fand daher in den letzten Monaten Zeit genug, Rückschau zu halten. Daraus ist ein „Lehrstück konzertierter Krisenregulierung in den Geisteswissenschaften“ geworden (Zeitschrift für Geschichtswissenschaften, 3/03). Es gibt viele Kollegen, die angesichts des Henke-Sturzes mehr als nur klammheimliche Freude empfinden. Galt er doch als hochfahrend und wurde jenem Typ Zeithistoriker zugezählt, den man stets im Verdacht hat, mit der NS-Geschichte die eigene Vater-Beziehung bewältigen zu wollen. Trotzdem ist seine persönliche Aufarbeitung der Dresdner Entlassung weit mehr als nur ein Blick zurück im Zorn. Es gibt aus jüngerer Zeit keinen Text, der die tiefe und nahezu allumfassende Politisierung des bundesdeutschen Wissenschaftsbetriebs präziser dokumentierte. Daß die Verhältnisse so sind, hat man zwar immer schon geahnt. Daß sie aber so haarklein ans Tageslicht gezogen werden wie bei Henke, das ist neu und aufregend. Die Schilderung des drei Jahre währenden personalpolitischen Dresdner Grabenkampfes macht mit Seilschaften und Netzwerken bekannt, aus denen sich gewöhnlich parteipolitische Kungelrunden bilden. Zu den Delikatessen, die Henke serviert, gehört dabei die bis ins biographische Detail verfolgte Darstellung Horst Möllers als Weichensteller in Sachen Zeitgeschichte. Die „Möller-Seilschaft“ macht Henke letztlich für sein eigenes vergangenheitspolitisches Desaster verantwortlich. Dabei war seine Karriere eigentlich via Zeit und Frankfurter Rundschau so gut eingefädelt, der Sieg über den schon als „Revisionisten“ gebrandmarkten Backes schien fahrplangemäß und ungefährdet. Statt dessen schaltete das CDU-geführte Dresdner Wissenschaftsministerium zwecks Begutachtung des HAIT Horst Möller ein, den Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ). Mit Möller war der einstige IfZ-Mitarbeiter schon während des „Historikerstreits“ 1986 zusammengestoßen und ihn hatte er auch 2000 wegen einer Ehrung Ernst Noltes kritisiert. Möller war als Gutachter also offenbar befangen, zog aber noch seinen Schüler Andreas Wirsching in die Bewertungsgruppe für das HAIT. Zudem gab es personelle Verquickungen in Richtung Jesse und Backes. Am Ende sieht sich Henke als Opfer von Machtgruppen, die er für tendenzielle „Normalisierer“ des Nationalsozialismus hält.

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