Über die Macht der Scheinwahrheit

Am 26. Januar verschied der Grazer Philosoph und Soziologe Univ. Prof. Dr. Ernst Topitsch kurz vor Vollendung seines 84. Lebensjahres. Er zählte eher zu den wenig spektakulären Wissenschaftlern, er eignete sich wenig zu großartigen Auftritten, gehörte nicht zu den hochgejubelten Verkündern neuer Weisheiten, und ihm war jedes pompöse Gehabe fremd. Er wirkte am liebsten in der Stille, seine Stärken bestanden im ruhigen Vortrag und in ruhiger Auseinandersetzung. Er bevorzugte das Denken mit Tiefgang und wußte vor allem um die Gefahr der „einfachen Lösungen“. Indem er vieles, was als offenkundig und richtungweisend gepriesen wurde, als Scheinwahrheit entlarvte, insbesondere auf dem Felde der Ideologie, machte er sich nicht nur Freunde, sondern viele Spötter und Kritiker. Daß die Welt der Scheinwahrheiten auf die Menschen eine faszinierende Wirkung ausübte, der sich auch der Gebildete nur schwer entziehen konnte, gehörte zu den zentralen Erkenntnissen des Verstorbenen. Geboren am 20. März 1919 in Wien, begann er im Herbst 1937 sein Studium der klassischen Philologie und Philosophie. Nach seinem Dienst in der Wehrmacht und der Heimkehr aus der Kriegsgefangenschaft, setzt er sein Studium fort. Er promovierte 1951 über ein Spezialthema zu Thukydides, wobei bereits die Auseinandersetzung zwischen dem Sein des Menschen und dem Sollen, wie es von der Moral oder vom Recht gefordert wird, erörtert wurde. In der Folge erhielt er 1962 einen Ruf nach Heidelberg auf den Max-Weber-Lehrstuhl und wurde 1969 Ordinarius für Philosophie in Graz. Zu seinen geistigen Leitsternen zählten Max Weber, Heinrich Gompertz und Hans Kelsen. Im diesem Sinne trat er mit Nachdruck für diejenige Pflicht des Wissenschaftlers ein, die ihm als wichtigste galt, nämlich zuerst die empirische Wirklichkeit zu ordnen und die gedanklichen Zusammenhänge der Probleme darzulegen. Erst dann, wenn dies hinlänglich geschehen sei, könne man zur Interpretation und schließlich zu Werturteilen übergehen. Tatsachen gehörten jedoch fein säuberlich von Werturteilen getrennt. Das Aufzeigen der Maßstäbe, an denen man die Wirklichkeit messen könne, war ihm wichtiger als ein vollmundiges Werturteil. Dieser Ansatz Max Webers lag auch seiner Schrift „Die Freiheit der Wissenschaft und der politische Auftrag der Universität“ zugrunde, die er im Jahre 1968 angesichts der schweren politischen Unruhen an den Universitäten in West- und Mitteleuropa verfaßt hatte. Worum es ihm grundsätzlich im philosophischen Denken ging, kann man seinem Werk „Vom Ursprung und Ende der Metaphysik“ (1958) entnehmen. In diesem Buch wie auch in „Gottwerdung und Revolution“ (1973) geht der Autor der Frage nach, welches Gottesbild, welche Offenbarung und welche Heilslehren der jeweiligen Metaphysik zugrunde lagen. Bereits in diesem Ansatz könne man das Vorverständnis der jeweiligen Autoren erkennen, die sehr rasch mit moralischen Kategorien und Werturteilen bei der Hand waren. Daraus entstünde mehr oder minder folgerichtig eine Doktrin, das heißt eine Handlungsanleitung für den Alltagsgebrauch. Topitsch ging es aber nicht allein um das Lehrgebäude christlicher Kirchen, sondern genauso um innerweltliche Heilslehren, wie sie seit der Französischen Revolution im Schwange waren, um Sozialismus, Faschismus, Nationalsozialismus und Kommunismus. Der Hauptmotor all dieser Ideologien läge demnach in der Sehnsucht des Menschen nach Orientierung, nach Gerechtigkeit, Erlösung und Wahrheit. Ideologie sei die Sehnsucht des Menschen nach Wahrheit Indem nun der Philosoph dem Politiker das Rüstzeug für seine Ideologie liefert, liefert er sich auch der jeweiligen Politik aus und wird nicht selten deren Opfer. Nicht mehr die Sehnsucht nach Wahrheit und das Wagnis, sich auf die dornenreiche Suche nach ihr zu begeben, stehen im Mittelpunkt, sondern die Verkündung von Parolen, von Verheißungen und Endzielen, denen die Menschen um so lieber folgen, je einfacher die Parolen und je schwieriger die Zeiten sind. Man kann dies auch als Dogmatisierung der Politik bezeichnen. Jeder Politiker, der diese Bezeichnung verdient, weiß, daß die meisten Menschen Orientierung, Sicherheit und Gewißheit wollen, und er weiß auch, daß sie bereit sind, dafür ein hohes Maß an Freiheit zu opfern. Vor die Entscheidung „Freiheit oder Sicherheit“ gestellt, würden die meisten Menschen das letztere wählen. Dies mag zynisch klingen, es bleibt eine Erfahrungstatsache. Besitzt ein Politiker obendrein charismatisches Talent, so werden ihm seine Anhänger noch eher Glauben schenken und die Treue halten. Nebenbei gesagt, liegt in dieser Entscheidung auch eine Herausforderung für wahre Liberalität. Nur ein kurzer Sprung führte Topitsch zur Auseinandersetzung mit dem Naturrecht, wie er zuletzt in seinem Aufsatz „Naturrecht im Wandel des Jahrhunderts“ (1994) ausgeführt hat. Obwohl der Autor von einem humanistisch-christlichen Menschenbild ausging und in der Tradition der christlichen Soziallehre stand, machte er sich mit seiner Naturrechtskritik von Anfang an unbeliebt, ja er wurde sogar als Marxist und Nihilist beargwohnt. Worin lag nun das Kritikwürdige am Naturrecht aus der Sicht von Ernst Topitsch? Er führte den Nachweis, daß das christliche Naturrecht seit dem Zeitalter der Scholastik von den jeweiligen Autoren und Interpreten dahingehend benutzt worden ist, daß man zahlreiche Lehrsätze, die im Grunde genommen keinen festen Kern besaßen, mit beliebigen Moralismen angereichert hat, so daß das geistige Endprodukt genau den Vorstellungen des Autors entsprochen hat. Der Appell an das Gefühl hatte Vorrang vor der Erklärung. Topitsch berief sich unter anderem auf David Hume, der mit seiner Unterscheidung zwischen dem Sein und dem Sollen starke Kritik an einer sogenannten gerechten göttlichen Weltordnung und somit an den damals gängigen Naturrechtslehren geübt hatte, die sich übrigens untereinander schwer bekämpften. So konnte man beispielsweise mittels des Naturrechts auch die Kastration von Sängern, die in Kirchen auftraten, rechtfertigen. Erst spät kam der Philosoph zur Militärgeschichte Im Grunde ging es um eine oft unterschwellige, aber äußerst gefährliche Anmaßung, nämlich von vornherein mittels Dogma oder dialektischen Materialismus zu befinden, welche Gesellschaftsordnung die beste und welche moralische Haltung einer solchen angemessen sei. Topitsch hat sich auf einen distanzierten, eher positivistisch gefärbten Beobachterposten zurückgezogen, um die treibenden Interessen und Ansprüche, die hinter den Moralismen steckten und ihren Protagonisten am Herzen lägen, zu erkennen. Was verbarg sich hinter den Lehrsätzen? War es nicht handfeste Politik hinter einer schönen Maske? Der Philosoph als Desillusionist: indem Topitsch mit Sprachanalytik zu Werke ging, konnte er die Belanglosigkeit vieler rhetorischer „Leerformeln“ offenlegen, die die Politik scheinbar zum Leben erweckt hatte. Was Topitsch zunächst als merkwürdig empfand, aber später hervorragend herausstellte, war das Fortleben von Ideologien, obwohl sie ihre Geschichtsmächtigkeit verloren hatten und ihre Verfechter längst gestorben waren. Die wissenschaftliche Widerlegung eines Gedankengebildes bedeutet noch lange nicht dessen Vergehen. Wenn Gedanken wirkende, bildende und steuernde Kräfte sind, so steuern sie auch das Denken derjenigen, die daran Gefallen finden, und die von deren Widerlegung einfach nichts wissen wollen. Nicht umsonst gilt bei gefinkelten Praktikern die Dialektik als die Kunst, immer recht zu haben. Das heißt also, daß Weltanschauungen von jeder Generation aufs neue geprüft, in Frage gestellt, akzeptiert oder widerlegt werden müssen. Ständig findet die Wiedergeburt von Scheinwahrheiten statt, und ihre Macht wächst in dem Sinne, als die Menschen nach Orientierung und Hilfen suchen. In diesem Wissen liegt auch viel Leid begründet, das auch vor dem Verblichenen nicht Halt gemacht hat. In seinen späten Jahren ließ sich Topitsch mit der Zeit- und Militärgeschichte ein, indem er 1985 erstmals das Buch „Stalins Krieg“ (inzwischen vier Auflagen) veröffentlichte. Dieses Buch, das unverzüglich die Fachhistoriker und anderer Kritiker auf den Plan rief, arbeitete die politischen und militärischen Kriegsvorbereitungen Stalins bis zum Juni 1941 heraus, indem der Autor mit Akribie auf die Zusammenhänge zwischen ideologischem Anspruch, politischer Zielsetzung und militärischem Handeln einging. Auch wenn er noch nicht auf die erst jüngst veröffentlichten Aufmarsch- und Angriffspläne des sowjetischen Generalstabes 1941 zurückgreifen konnte, so stellte sich eines für ihn klar heraus: Ein so autoritär und straff geführter Staat wie die UdSSR, in dem alle Stränge in einer Hand zusammenliefen, konnte schwerlich eine expansive Außen- und Machtpolitik betreiben, ohne gleichzeitig die entsprechenden militärischen Maßnahmen zu setzen. Noch unglaubwürdiger wäre ein Verhalten, das Stalin ausdrücklich eine Politik des Bewahrens zugebilligt, seinen militärischen Gehilfen jedoch die Vorbereitung eines Angriffskrieges gegen Mitteleuropa erlaubt hätte. Am wenigsten glaubhaft aber wäre die Behauptung, daß Stalin von der Tätigkeit seiner Militärs nichts gewußt habe und daß diese auf eigene Faust gehandelt hätten. Alles dieses Für und Wider hat Verblichene in eine logische Rekonstruktion des Wollens, Trachtens und Könnens der sowjetischen Führungsspitze 1939 bis 1941 verflochten, eine Rekonstruktion, die bis heute nichts an Schlüssigkeit eingebüßt hat. Daß er Stalin als expansiven, gewaltsamen Verbreiter der Weltrevolution, als übermächtigen „Schiedsrichter Europas“, Hitler hingegen als den Schwächeren zeichnete, der einen Zweifrontenkrieg zu befürchten hatte, trug ihm den Vorwurf des „Revisionismus“ und der „Relativierung“ deutscher Kriegsschuld ein. Für Topitsch war der Zweifel Vater der Erkenntnis Wer Topitsch persönlich kannte, dem fiel die ruhige, bescheidene Art seines Auftretens und seiner Sprechweise auf. Frei von jeder Arroganz oder Besserwisserei trug er den jeweiligen Sachverhalt und seine Thesen vor, manchmal ein wenig trocken und unterkühlt, aber immer im Bewußtsein dessen, was er aussprach. Er ließ sich auch durch unfaire Manöver nicht provozieren, sondern blieb selbst in harten Kontroversen betont sachlich. Das akademische Leben, nicht nur in Österreich, verliert einen Repräsentanten jener Wahrheitssuche, die erst nach vielen Zweifeln und Nachprüfungen eine befriedigende Antwort findet. Für ihn als aufrechten Liberalen war der Zweifel nicht ein Hemmschuh, sondern der Vater der Erkenntnis. Bild: Rudolf Schlichter, „Blinde Macht“ (1935-1937) Dr. Heinz Magenheimer , geboren 1943 in Wien, ist Historiker und lehrt an der Landesverteidigungsakademie Wien und an der Universität Salzburg. Seine Schwerpunkte sind Geopolitik und Militärgeschichte. Seine bekanntesten Publikationen sind „Kriegswende in Europa 1939-1945“, München 1995, und „Die Militärstrategie Deutschlands 1940-1945“, München 1997

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