Vergessener Terror

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Ursprüngen, Ausprägungen und Folgen der kommunistischen Diktaturen dient zweifellos nicht nur der historischen Aufklärung, sondern stellt zugleich einen wesentlichen Beitrag zur frühen Sensibilisierung gegenüber totalitären Tendenzen dar. Dies ist gerade in einer Zeit besonders wichtig, in der die Verharmlosung des blutigsten Herrschaftssystems des 20. Jahrhunderts in einem besorgniserregendem Maße zunimmt: Begünstigt durch die zahlreichen Wahlerfolge der ehemaligen Staatsparteien in Mittel- und Osteuropa, einer schnellen Rehabilitierung ihrer westlichen Sympathisanten und der medialen Fokussierung auf die Themen Rechtsextremismus und Islamismus wird die Analyse der kommunistischen Verbrechen zunehmend in den Hintergrund gedrängt. Mit diesem Hintergrund kommt zwei in jüngster Zeit vom Grazer Stocker-Verlag herausgegebenen Titeln zu dieser Thematik eine besondere Bedeutung zu: Beide Publikationen – der von einem mehrköpfigen russischen Autorenkreis erstellte Sammelband „Schwarzbuch Gulag“ und Martin Papsts globale Studie über den „Roten Terror“ – treten allen Tendenzen einer Relativierung oder gar Beschönigung bewußt entgegen. Trotz ihres wissenschaftlichen Charakters, der sich leider nicht durchweg auf dem neuesten Stand der Forschung befindet, sind sie aufgrund ihrer leicht verständlichen Darstellung auf ein breites Leserpublikum zugeschnitten. Das „Schwarzbuch Gulag“ ist die deutsche Übersetzung des 1998 zunächst in russischer Sprache erschienenen Werkes „Der Gulag: Seine Erbauer, Insassen und Helden“, welches maßgeblich von der russischen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) verantwortet wurde. Neben einer Darstellung der Geschichte des kommunistischen Lagerwesens im Sowjetstaat, der durch Belege der Staats- und Regierungsorgane sowie der Gulag-Verwaltungen ergänzt wird, enthält es eindringliche Erlebnisschilderungen von Überlebenden. Mit ihrer Hilfe entwickeln die Autoren einen bewegenden Querschnitt durch die Vielfalt der Lagerschicksale, wobei der individuellen Komponente besonderes Augenmerk geschenkt wird. Ein kleines Manko des Buches liegt in seinen gelegentlichen sprachlichen Ungenauigkeiten, die sich vermutlich durch die Übersetzung eingeschlichen haben. So wurde der Gebrauch von Begriffen der kommunistischen Apparate beibehalten, beispielsweise daß Studentengruppen vom NKWD „unschädlich gemacht“ wurden. Hier wäre eine klar erkenntliche Distanzierung erforderlich gewesen. Wo im russischen Original offensichtlich mit dem Mittel der Ironie gearbeitet wurde, die sich aus der deutschen Übersetzung jedoch nur unzureichend herleitet und leicht zu Irritationen führen kann, wäre es besser gewesen, auf eine allzu wortgenaue Transskription zu verzichten. Das Defizit des „Schwarzbuches“, in der Bibliographie keine Aufsätze und Publikationen der letzten sechs Jahre zu berücksichtigen, schrenkt seinen wissenschaftlichen Gebrauch massiv ein. Gegenüber dem „Schwarzbuch Gulag“ ist Martin Papsts „Roter Terror“ vom Stoff her erheblich breiter angelegt. Als Sonderausgabe des bereits vor einigen Jahren vom gleichen Autor verfassten Werkes „Staatsterrorismus“ nimmt es vergleichbar zu Stéphane Courtois‘ „Schwarzbuch des Kommunismus“ eine präzise Analyse des ehemals nahezu weltumspannenden Netzes totalitärer sozialistischer Diktaturen oder der ihnen eng verwandten Herrschaftsformen vor. Papst belegt dabei eindrucksvoll, daß trotz aller Homogenität ihres äußeren Erscheinungsbildes ein wesentliches Strukturelement, die Klassenkampfideologie und damit der Terror gegen das eigene Volk, im Laufe der Jahre erhalten blieb, deren Dosierung sich lediglich an den zeitlichen Umständen orientierte. Seine Kritik richtet sich daher in deutlicher Form gegen den Gebrauch von Begriffen wie „Stalinismus“, die der Autor als verharmlosende Synonyme für den auch ohne die Person des russischen Diktators „funktionierenden Apparat“ betrachtet. „Schwarzbuch“ und „Roter Terror“ zeigen eindrucksvoll, daß der kommunistische Terror keineswegs nur eine Entartung eines zukunftsweisenden, humanen Projektes darstellte. Vielmehr wurde er bereits in den Schriften der marxistischen Vordenker und ihrer Epigonen als zwangsläufige Maßnahme nach dem Umsturz der alten Ordnung interpretiert. Tatsächlich ist nur von diesem Erkenntnishorizont aus eine realistische Betrachtung der gewaltigen gesellschaftlichen Umbrüche des vergangenen Jahrhunderts möglich. Schon aus diesem Grund ist beiden Titeln eine möglichst weite Verbreitung zu wünschen. Foto: Verhungernde „Kulaken“ vor ihrem zerstörten Hof, 1932: Strukturelement der Klassenkampfideologie I.W. Dobrowolski (Hrsg.): Schwarzbuch Gulag – Die sowjetischen Konzentrationslager. Leopold Stocker Verlag, Graz 2002, 312 Seiten, gebunden, 29,90 Euro Martin Papst:Roter Terror – Verbrechen gegen die Menschlichkeit von Lenin bis Pol Pot. Leopold Stocker Verlag, Graz 2002, 280 Seiten, 14,95 Euro

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