Vor der Zensur

Rudi Dutschke, ein deutscher Nationalrevolutionär? Sogenannte konservative Kreise saßen viel zu lange dem Irrtum auf, daß die Linke per se antinational eingestellt sei. Und so wurde der führende Kopf der 68er-Revolte, Rudi Dutschke, als „antideutscher Bürgerschreck“ abgestempelt. Dies war die erste verfälschende Vereinnahmung, die Dutschke widerfuhr. Die zweite, nunmehr posthum geschehene – Dutschke erlag 1979 im Exil den Folgen des 1968 auf ihn verübten Attentats – ist nicht minder irreführend und betrifft die 68er an sich: In den Regierungskreisen angekommene ehemalige Protagonisten und Mitläufer der 68er-Bewegung verklären die Studentenrevolte zu einer weichspülerhaften sozialliberalen Reformbewegung, die gleichsam zwangsläufig und angeblich folgerichtig in rot-grünen Reihen und im Außenministerium enden mußte. Bernd Rabehl, Soziologieprofessor an der Freien Universität Berlin und bis zu Dutschkes Tod dessen bester privater Freund, wehrt sich gegen diese Einverleibung in die Mitte der bundesrepublikanischen Politikkoordinaten. In seiner äußerst lesenswerten und aufschlußreichen Monographie beschreibt Rabehl aus nächstem Erleben Dutschke als nationalgesinnten Revolutionär, dem Deutschland ebenso sehr am Herzen lag, wie er die Scheindemokratie des gegenwärtigen Systems durchschaut hatte. Ist der Band eine Vereinnahmung? Ja und nein. Dutschke wird von Rabehl natürlich „vereinnahmt“, besser wäre jedoch, von einer rehabilitierenden Rückholung und historischen Richtigstellung zu sprechen. Dies ruft jene auf den Plan, die sich ihr eigenes 68er-Gedenksüppchen zusammengebraut haben, das sie einerseits in politisch korrekten Diskursen bestehen läßt und zum andern ihnen den Zugang zu den „Fleischtöpfen“ dieser Republik aufrechterhält. Zuvörderst ist hier der Publizist Christian von Ditfurth zu nennen. Ditfurth, vormals „Mitläufer der DKP und intellektuell Gegner Dutschkes“ (Rabehl), hat sich in den letzten Jahren ein goldenes Näschen als geschickter Buchmacher und Geschichtsverklärer in seiner Funktion als Mitarbeiter an Gretchen Dutschkes Erinnerungen („Wir hatten ein barbarisches, schönes Leben“) und vor allem als (mehr als nur Co-)Verfasser des Rudi-Marek Dutschke zugeschriebenen Buches „Auf den Spuren meines Vaters“ verdient. Bernd Rabehl spießt das völlig zu recht auf. Wie er schreibt, hat Ditfurth in beiden Büchern hauptsächlich seine eigenen politischen Theorien verbraten und etwa in dem 1996 erschienenen Gretchen Dutschke-Buch eine „Romanfigur“ aus Dutschke gemacht: „Die Gesamtpersönlichkeit von Dutschke als Familienvater, Verwundeter, historischer Held, Theoretiker, Flüchtling ging verloren. Die Grundmotive seines Denkens, im gespaltenen Mitteleuropa als Revolutionär zu wirken, wurden unkenntlich.“ Es nimmt nicht Wunder, daß einer vom Schlage Ditfurths solche Aufklärungstendenzen nicht unbeantwortet lassen kann. So holte er aus zum ersten Streich. In der Welt vom 28. Dezember 2002 griff er das Buch an, indem er Rabehl attackierte, mehrfach auf die JUNGE FREIHEIT verwies – als sei es ein Makel, dort zu publizieren – und schließlich von der denkerischen Nähe des Verlags und der Zeitung zu Konservativen Revolutionären wie Ernst von Salomon und Ernst Jünger raunte. Ditfurth könnte auch hinter einem Rechtsstreit stecken, der sich über einige Passagen des Buchs ankündigt. Instrumentalisiert würde damit wieder einmal ein Verwandter Dutschkes: sein Sohn Marek. Mittels einer Unterlassungspflichterklärung, die Bernd Rabehl und dem Verleger Götz Kubitschek zuging, möchte Marek die auch Ditfurth betreffenden Kritiken in Rabehls Kapitel „Der unbekannte Vater“ verschwinden lassen. Denn durch Stellen wie die folgenden könnte gerade Ditfurth sich entlarvt fühlen: „Marek war gar nicht in der Lage, Notizen zu Papier zu bringen oder gar ein Buch zu schreiben. Aber Ditfurth war geübt und verfaßte das Buch. Über alle Belanglosigkeiten hinweg wurde in dieser Schrift (das Buch von Ditfurth/Marek Dutschke) das Ziel sichtbar, den Revolutionär Dutschke zu demontieren und jeden Zusammenhang von Bürgerkrieg, Revolution oder Konterrevolution in Mitteleuropa zu verwischen. Durch den Sohn sollten der Vater und seine Mitstreiter als kuriose Personen erscheinen, die nicht von dieser Welt waren, absurde Figuren, Schwätzer, gescheiterte Möchtegerne. ‚Achtundsechzig‘ hatte Heimplatz und Endpunkt in der ‚Grünen Partei‘ gefunden und war nun Bestandteil von staatlicher Macht, Freunde Amerikas und wie der Außenminister Fischer Fürsprecher und Kollaborateur des nordamerikanischen Imperialismus. Marek hat übrigens dieses Buch nie gelesen, nie korrigiert und nie so richtig ‚angefaßt‘, als hätte er eine Ahnung davon gehabt, daß hier jemand sein Mütchen kühlen wollte.“ Nun also ist es Sache der Anwälte. Unterlassungspflichterklärungen sollen erwirkt werden, damit Marek/Ditfurth derlei nicht mehr über sich lesen müßten. Jedoch hat sich Rabehl nichts vorzuwerfen. Seine eigenen Begegnungen mit Marek Dutschke verwiesen ihn rasch auf die seltsamen Entstehungshintergründe des Buches. Gespräche bestätigten seinen Eindruck. Trotzdem ist Rabehl bereit, einige Stellen zu streichen oder zu ändern, um eine Schlammschlacht zu verhindern, in die auch Freunde der Familie Dutschke hineingezogen werden würden. Allerdings wird die Angelegenheit, sollte Marek nicht einlenken, vor Gericht landen. Der einstige Ansatz der Linken war, Machtinstitutionen und -strukturen zu durchschauen und transparent zu machen und das Individuum davon zu emanzipieren, um einen herrschaftsfreien Diskurs zu ermöglichen. Es ist ein bezeichnendes Lehrstück über die Wandlungsfähigkeit mancher Leute, daß sie rabiat werden, sobald sie selbst zum Gegenstand aufklärender Tendenzen werden: prompt bedienen sie sich der von ihnen vormals angeprangerten Strukturen in Medien und anderen Institutionen. Der Verlag Edition Antaios meldet das Buch inzwischen als vergriffen – innerhalb weniger Monate. In der zweiten Auflage werden manche Passagen, Ditfurth und Marek Dutschke betreffend, gestrichen sein. So also wird ein Buch zum Lehrstück und zur Rarität. Bernd Rabehl: Rudi Dutschke. Revolutionär im geteilten Deutschland. Dresden: Edition Antaios 2002, 132 Seiten, Broschur, 12 Euro. Die letzten noch vorrätigen Exemplare der 1. Auflage können über den JF-Buchdienst bestellt werden.

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