„Reih‘ dich ein, wir wollen alle Deutsche sein!“

Herr Dr. Venohr, Sie haben als einer der wenigen West-Berliner an jenen Protest-märschen der Arbeiter aus Ost-Berlin teilgenommen, die das Rückgrat des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 waren. Venohr: Ich war damals Student an der Freien Universität in Berlin und arbeitete nebenher für einen Hamburger Pressedienst namens „Realpolitik“, der täglich an etwa 170 westdeutsche Zeitungen verschickt wurde. Durch die dafür notwendige Recherchearbeit war ich schon so etwa ab dem 12. oder 13. Juni darüber im Bilde, daß etwas in der Luft lag. Was meinen Sie konkret? Venohr: Ich wußte selbst nichts genaues, aber offenbar herrschte Unruhe in der SED. Ich fuhr am 17. Juni früh- morgens um acht Uhr nach Ost-Berlin, um dabeizusein, falls irgend etwas passieren sollte, und direkt berichten zu können. Kaum war ich an der S-Bahn-Haltestelle Stalinallee ausgestiegen, kam mir schon ein riesiger Demonstrationszug aus der Möllendorfstraße entgegen. Sprechchöre erschallten: „Es hat alles keinen Zweck – der Spitzbart muß weg!“, „Grotewohl erzählt uns Kohl!“, „Die HO macht uns k.o.!“ Die Demonstranten forderten mich auf, mich einzureihen. Zuerst hatte ich Skrupel, weil ich West-Berliner war, doch sie entgegneten mir: „Quatsch! Wir sind alle Deutsche! Reih‘ dich ein!“ Also marschierte ich mit. Bislang handelte es sich noch um einen reinen Arbeiterprotest? Venohr: Ja, um acht Uhr ging es noch um zu hohe Preise und unerfüllbare Arbeitsnormen, doch gegen halb zehn etwa hatte sich der Protest schon zum nationalen Aufstand ausgeweitet. Die Forderungen waren jetzt: Rücktritt der Regierung, freie Wahlen und die deutsche Einheit. „Berliner, reiht euch ein, wir wollen alle Deutsche sein!“ war nun die Losung. Welchen Anteil am 17. Juni hatten denn die West-Berliner? Venohr: Keinen, im Gegenteil, sie haben gestört. Inwiefern? Venohr: Etwa gegen halb elf Uhr vormittags kamen ganze Horden von West-Berliner Halbstarken auf Fahrrädern Unter den Linden an und begannen mit der Randale, zum Beispiel zündeten sie die Kioske am Lustgarten, zwischen Zeughaus und dem Berliner Dom, an. Gab es nicht auch Handgreiflichkeiten von seiten erzürnter Ost-Berliner Arbeieter? Venohr: Nein, da habe ich kaum Übergriffe beobachtet. Die Gewalt ging von den West-Berlinern aus, sie waren es auch, die am Potsdamer Platz die Parole ausgaben: „Wir schlagen alle Russen tot!“ und anfingen, Steine zu werfen. Dann repräsentieren die berühmten Bilder vom 17. Juni, die Steinewerfer gegen Sowjetpanzer zeigen, gar nicht den eigentlichen 17. Juni? Venohr: Nein. Provokateure? Venohr: Das weiß ich nicht, ich vermute nicht. Wahrscheinlich Halbstarke, die von den Rias-Meldungen angestachelt nach Ost-Berlin geradelt waren, um mitzumischen. Was allerdings, wenn man den 17. Juni als gesamtdeutschen Aufstand betrachtet, legitim ist. Venohr: Das ist richtig, aber ihre Aktionen waren nicht „der“ 17. Juni, sie waren Trittbrettfahrer. Zwar hatte der Aufstand einen gesamtdeutschen Anspruch, aber aufgestanden waren nur die Ost-Berliner und die Menschen in der DDR-Provinz. Wie haben die Ost-Berliner Arbeiter auf die Aktionen der West-Berliner reagiert? Venohr: Mit Kopfschütteln, da hat sich niemand zu etwas hinreißen lassen. Die wußten alle, worum es geht. Die West-Berliner Randalierer blieben unter sich. Also ist nichts dran an der DDR-Behauptung, der Aufstand sei das Werk westlicher „faschistischer Provokateure“? Venohr: Nicht im geringsten. Erich Loest spricht noch nach 1989 davon, daß die Teilnehmer des 17. Juni überwiegend ehemalige Nazis gewesen seien. Venohr: Die Teilnehmer des Aufstandes waren alle zwischen zwanzig und vierzig Jahre alt. Also die Jahrgänge 1915 bis 1935, ergo waren die meisten von ihnen in der HJ und bei der Großdeutschen Wehrmacht gewesen – völlig klar, wo sollten sie denn sonst herkommen? Dieser Umstand hatte aber nichts mit einer politischen Ausrichtung zu tun, insofern ist das Argument „ehemalige Nazis“ völlig unsinnig. Ich glaube sogar, weil so viele ehemalige Soldaten dabei waren, verlief der Aufstand der Ost-Berliner Arbeiter so diszipliniert und mit Respekt vor der Besatzungsmacht. Man hatte schon mal gegen die Russen gekämpft, im Gegensatz zu den jungen Halbstarken aus West-Berlin. Es ging um die Beseitigung von Diktatur und deutscher Teilung, da stellt die Randale der West-Berliner Halbstarken doch auch ein lobenswertes Aufbegehren gegen das SED-Regime dar. Venohr: Nein, das waren reine Krawallmacher, denen ging es mitnichten darum, den Ost-Berliner Arbeitern zur Hilfe zu kommen. Sie waren auch aus West-Berlin. Venohr: Ja, aber unter die Demonstranten gemischt und dort eine Ausnahme. Außerdem hatte auch ich nicht den geringsten Einfluß auf die Arbeiter. Haben Sie versucht, Einfluß zu nehmen? Venohr: Ich redete auf sie ein, schlug ihnen zum Beispiel vor, den Rundfunk zu besetzen. Sie nickten immer nur zustimmend und taten dann doch nichts: „Recht hat der Junge, nicht Otto?“ „Ja, ja!“ sagte der eine zum anderen, aber nichts passierte. Warum ergriff keiner die Initiative? Venohr: Niemand war vorbereitet, der Aufstand hatte keine Führer und Unterführer, deshalb brach er schließlich auch so schnell wieder zusammen. Wie war es denn damals überhaupt möglich, einen DDR-weiten Aufstand vom 16. Juni, als der erste Streik stattgefunden hatte, über Nacht auf den 17. Juni zu organisieren? Venohr: Dafür gibt es zwei Erklärungen: das Telefon und den Rias, der damals einen ungeheuren Einfluß auf die Menschen in der SBZ hatte. Die Spannung der Unzufriedenheit war landauf, landab vorhanden, ein Funke genügte und die Revolte brach überall aus, in über 500 Orten und Gemeinden der DDR. Gab es auch eine Unzufriedenheit aus nationalen Gründen, wegen der Präsenz der Besatzungsmacht und der sich vertiefenden deutschen Spaltung? Venohr: Grundsätzlich schon, und dieser nationale Unmut hat sich dann im Verlauf des Vormittages in Ost-Berlin ja auch artikuliert. Aber dieser Punkt war natürlich nicht Teil der angespannten Stimmung, als die Krise am 16. Juni und am Morgen des 17. Juni ausbrach. Wie hätte man auch erst einige Jahre nach dem Krieg in der DDR angesichts der Sowjetpräsenz für eine unabhängige Deutschlandpolitik demonstrieren sollen? Dann aber im Verlauf des Vormittags des 17. Juni schien auf einmal alles möglich zu sein. Die Sowjets griffen zunächst nicht ein, im Gegenteil, die Russen gaben sich zunächst erstaunlich entspannt. Plötzlich schien es möglich, das zu fordern, was man sich wirklich wünschte, was man mehr noch als die Rücknahme der Normerhöhung und der überhöhten Preise wollte: Freiheit und Einheit! Also begann man das Deutschlandlied zu singen, auf einmal waren überall schwarzrotgoldene Fahnen zu sehen, und auf dem Brandenburger Tor wurde die Deutschlandfahne gehißt. Wo kamen so schnell die vielen Deutschlandfahnen her? Venohr: Als wir von der Stalinallee auf den Alexanderplatz kamen, brausten aus allen Richtungen Lastkraftwagen heran, auf den Pritschen demonstrierende Arbeiter, mit vielen, vielen schwarzrotgoldenen Fahnen. So war bald alles übersät mit deutschen Fahnen. Wurden die Fahnen vielleicht aus dem Westen herbeigeschafft? Venohr: Das glaube ich nicht, zum Teil hatten sie Löcher in der Mitte, man hatte das DDR-Emblem herausgeschnitten. Und dann sang alles „Deutschland, Deutschland über alles“, die Leute haben geweint, manche haben auf den Knien gelegen – ich dachte, ich werde wahnsinnig, so mitreißend war das! Und wenn man die Berichte über den 17. Juni in anderen Städten der DDR liest, dann stellt man fest, daß die Menschen überall das Deutschlandlied gesungen haben. Und es wurde immer wieder angestimmt. Doch auf diesem Höhepunkt fand der Aufstand sein Ende. Venohr: Wir waren gegen Mittag zum Haus der Ministerien in der Wilhelmstraße marschiert. Dort erwartete uns eine Kette aus Sowjetpanzern. Auf einen der Panzer stieg Generalmajor Dibrowa, der Stadtkommandant von Berlin. Als er oben war, entbot er den Aufständischen immer wieder den militärischen Gruß und lachte dabei. Daraufhin schlug ihm ein Jubelsturm von seiten der Demonstranten entgegen. Wie erklären Sie sich, daß sich die Russen zunächst so freundlich zurückhaltend verhalten haben? Venohr: Zwischen dem hohen Kommissar Semjonow und Ulbricht tobte damals eine Art Machtkampf. Semjonow wollte Ulbricht unbedingt abgelöst sehen, so müssen die Rotarmisten aus ihrem Hauptquartier in Karlshorst Anweisungen bekommen haben, sich zurückzuhalten, solange die Lage nicht eskaliert. Doch während Dibrowa die Aufständischen noch grüßte, erschien oben auf dem Dach des Gebäudes eine Figur, die wie Ulbricht aussah. Zwar war klar, daß es nicht Ulbricht war, aber der Kerl war zuvor schon ausgepfiffen worden. In diesem Moment schlug die Stimmung in Haß und Wut gegen diesen Mann um, jetzt flogen doch Steine, Drohungen wurden gebrüllt. Dibrowa reagierte daraufhin wie von der Tarantel gestochen. Er riß seinen Umhang ab, trampelte wütend darauf herum und erteilte seinen Panzern offensichtlich Befehle. Gleichzeitig wurde über Lautsprecher verkündet, daß der Ausnahmezustand verhängt worden sei. Die Panzer ließen röhrend ihre Motoren an, und die bislang blasse und ängstliche Volkspolizei zog ihre Knüppel und trat vor. Sternförmig fuhren nun die Panzer in die Massen hinein, allerdings sehr vorsichtig und ohne dabei auch nur einen Demonstranten zu überfahren. Allerdings waren Sie zuvor Unter den Linden Zeuge geworden, wie ein Arbeiter von einem russischen Panzer zerquetscht worden war. Venohr: Ja, da hatte der Fahrer offenbar die Nerven verloren. Ich halte das für einen Unfall, zumindest blieb es aus meiner Sicht ein Einzelfall. Am Haus der Ministerien soll vom Dach aus auf die Demonstranten geschossen worden sein. Venohr: Das habe ich nicht beobachtet. Aber das Anfahren der Panzer bewirkte das Auseinanderstieben der Masse. Damit war der Aufstand zu Ende. So einfach und ganz unheroisch. Was haben Sie getan? Venohr: Ich bin davongegangen. Sie haben keinen Kontakt mehr mit anderen Demonstranten aufnehmen können? Venohr: Nein, ich ging zurück nach West-Berlin. Nun begann des „große Sterben“: Die Angaben über die am 17. Juni getöteten Aufständischen schwanken zwischen fünfzig und hundertvierzig Personen. Venohr: Das mag sein, ich kann das nicht bezeugen. Ein großer friedlicher Demonstrationszug der West-Berliner, um sich mit ihren Landsleuten aus dem Osten zu vereinen und diese zu unterstützen, blieb aus … Venohr: Die West-Berliner waren, bis auf die wenigen Halbstarken, zu Hause oder auf Arbeit. Die Westdeutschen sind ja auch 1989 zu Hause geblieben, was haben sie schon je für die Wiedervereinigung getan? Haben sich die Ost-Berliner vom Westen verraten gefühlt? Venohr: Kaum. Aber man war natürlich sprachlos darüber, daß Adenauer nicht sofort nach Berlin flog. Allerdings erklärte man den 17. Juni im Westen zum „Tag der deutschen Einheit“. Venohr: Das war natürlich eine unverschämte Vereinnahmung, die suggerierte, die Menschen in der DDR hätten statt für ihre Freiheit als Deutsche und für ein neues Gesamtdeutschland für die Freiheit des Westens und für die Bundesrepublik demonstriert. Der Westen hat den Tag also „gestohlen“? Venohr: Ja, aber das war aus der Sicht der westdeutschen Eliten natürlich das Beste, was sie tun konnten. Doch damit war der 17. Juni als „Tag der deutschen Einheit“ mehr ein Instrument im Kalten Krieg als ein aufrichtiger Tag der Mahnung für die deutsche Einheit? Venohr: Den westdeutschen Parteien ging es eben in erster Linie um Westintegration, dafür waren sie bereit, die Nation zu verkaufen. Der 17. Juni war aber ein Aufstand für die Nation – zumindest, soweit ich ihn erlebt habe -, und deshalb war es eine Farce, daß der Adenauer-Staat sich ausgerechnet diesen Tag unter den Nagel riß. Haben Sie die drei Fernsehspielfilme zum 17. Juni gesehen, die in den vergangenen Wochen auf ARD und ZDF gesendet wurden? Venohr: Ja, aber ich habe darin nicht das wiedergefunden, was ich am 17. Juni 1953 erlebt habe. Nämlich? Venohr: Die nationale Frage! Ich habe erlebt, wie Abertausende das Deutschlandlied in einem Meer von Deutschlandfahnen gesungen haben. Nichts davon war in den Filmen zu sehen! Im Fernsehen endete der 17. Juni also quasi morgens um halb zehn? Venohr: So könnte man das sagen. Warum wird das ausgeklammert? Venohr: Die nationale Frage steht in Deutschland unter Tabu. Trotz Wiedervereinigung darf sie bis heute nicht wirklich thematisiert werden. Also auch nicht in Filmen über den 17. Juni. Grotesk! Als Professor Fritz Stern 1987 im Bundestag erklärte, der 17. Juni habe keinen gesamtdeutschen Charakter gehabt, da stand das gesamte Hohe Haus auf, inklusive Bundeskanzler Helmut Kohl, und applaudierte ihm. Bei dieser Parole ist es bis heute geblieben, wenn auch seit der Wiedervereinigung in abgeschwächter Form: Der 17. Juni – kein Tag der deutschen Einheit! Da man ihn nicht verdrängen kann, muß man ihn eben uminterpretieren, in einen Aufstand für persönliche Freiheiten und Konsum. Deshalb macht das Fernsehen solche Filme. Aber wer den 17. Juni, so wie er tatsächlich war, nicht vergessen hat, waren die Russen. Mit denen habe ich viele Gespräche geführt. Die Russen sprachen von sich aus, noch Jahrzehnte später, immer wieder den 17. Juni an, er war ihnen offenbar furchtbar in die Glieder gefahren. Spätestens seit damals haben die Sowjets begriffen, daß die Teilung einer Nation auf Dauer keinen Bestand haben kann, daß die Idee der Nation stärker ist als jede Klassenideologie, daß vor allem eine Besatzungsmacht schwächer ist als das Selbstbestimmungsrecht eines Volkes. Das heißt, der 17. Juni hat bewirkt, daß die Sowjets sich innerlich aus der DDR zurückgezogen haben? Venohr: Ja. Dann hat der 17. Juni eine unschätzbare Vorleistung für 1989 erbracht? Venohr: So ist es. Er gewöhnte die Russen an den Gedanken, daß ihre Präsenz in der DDR künstlich, nicht natürlich war, er verhinderte, daß in ihrer Vorstellung die DDR zum Teil ihres natürlichen territorialen Erbes wurde, und prägte damit eine Mentalität, die es 1989 erlaubte, die DDR preiszugeben. Und so haben sie diesen Staat am Ende dann für 17 Milliarden Mark einfach verkauft. Foto: Demonstrationszug in der Stalinallee: „Deutschlandlied, Schwarz-Rot-Gold und die deutsche Fahne auf dem Brandenburger Tor – ich dachte, ich werde wahnsinnig“ Dr. Wolfgang Venohr nahm als einer der wenigen West-Berliner am Protestmarsch der Ost-Berliner Arbeiter teil, der zur Initialzündung für den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 wurde. Geboren 1925 in Berlin, studierte er Ge-schichte und Germanistik. Bevor er von 1965 bis 1985 als Chefredakteur bei „Stern TV“ und „Lübbe TV“ tätig war, arbeitete er bei verschiedenen Tageszeitungen. Zwischen 1969 und 1974 wurde er bekannt als einziger westdeutscher Journalist, der aus der DDR direkt berichten durfte. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Berlin. Wichtigste Veröffentlichungen: „Dokumente deutschen Daseins“ (1980); „Die deutsche Einheit kommt bestimmt“ (1982); „Stauffenberg – Symbol der deutschen Einheit“ (1986); „Die Abwehrschlacht“ (2002) weitere Interview-Partner der JF

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