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Neue Technologien: Human Protein Organisation (Hupo)

Endlich ist es uns doch gelungen, das letzte Woche beklagte Sprachhindernis zu bewältigen und einige Informationen zu unseren beiden Gehirnakrobaten auf dem Virchow-Campus in Berlin einzuholen. „Die Chinesen machen die Leber,“ berichtet Joachim Klose, „die Amerikaner das Blutplasma und wir das Gehirn.“ „Wir“, das sind natürlich die Deutschen, und diesmal ist es ihnen wirklich gelungen, einen fetten Happen vom Wissenschaftskuchen abzubekommen. Dafür können Klose und sein Bochumer Kollege sich beim Bundesforschungsministerium bedanken: „Unsere ersten Projekte zur Neuroproteomik wurden schon seit Mitte 2001 vom Bundesforschungsministerium gefördert – in Amerika hat man erst Ende 2002 mit der Planung begonnen.“ Der biotechnische „Zwergenstaat“ (James Watson) hat sich zur Großzügigkeit aufgeschwungen – und prompt Erfolg gehabt. Ob das nun eher ein Anlaß ist, sich für die nächsten Jahrzehnte wieder auf die faule Drachenhaut zu legen, oder ob es weiteren Ehrgeiz fördert, wird sich zeigen. Ein Grund für die deutsche Zuvorkommenheit in Sachen „Neuroproteomik“ könnte sein, daß es sich dabei eigentlich gar nicht um Biotechnik handelt. Zwar ist die Analyse aller in einem Organ zusammenwirkenden Proteine – im Gehirn sind es etwa 12.000 – ohne modernste technische Hilfsmittel gar nicht denkbar. Doch Ziel des Unternehmens ist diesmal nicht ein medizinischer Eingriff ins Innere der Zelle, sondern das pure Wissen darüber, was im Körper – besonders im Gehirn – wirklich vorgeht. Daß dieses Wissen auch Folgen haben kann, beschäftigt zumindest Klose durchaus; er glaubt, daß die „Gehirnforschung viele Grundfragen der Philosophie erledigen wird“. Das ist möglich. Doch im Unterschied zu Gen-Tomaten und verbrauchten Embryonen beunruhigt die Aussicht auf ein Verschwinden der philosophischen Lehrstühle die Öffentlichkeit kaum. Klose und der eher bescheidene Meyer können also ungehindert und finanziell gut ausgestattet ans Werk gehen. „Was heißt Denken?“ so lautet der Titel einer berühmten Schrift von Martin Heidegger. Darin kommen die Namen der 12.000 Proteine nicht vor. Schon das Wort Gehirn kommt darin nicht vor. Denn Heidegger spricht nur über das Denken, was uns bewußt wird. Was chemisch im Gehirn abläuft, kommt uns aber nicht zu Bewußtsein, sondern kann nur indirekt aus experimentell gewonnenen Daten geschlossen werden. Heidegger würde daher sagen, das Reden über Gene und Proteine sei „uneigentlich“. Wir reden hier von etwas, das wir nicht unmittelbar erfahren haben. So stellt die Philosophie mit Recht die naturwissenschaftliche Wahrheit in Frage – und zwar grundsätzlich. Noch so viele neue Daten können über die fehlende Unmittelbarkeit dieses Wissens nicht hinwegtrösten. Wahr im eigentlichen Sinne ist demnach nur, worüber wir uns auch mit einem völlig Ungebildeten ohne jede Ahnung von moderner Wissenschaft verständigen können. Und das ist eine ganze Menge. Mit demselben Recht stellt aber auch die Naturwissenschaft die philosophische Voraussetzung des Bewußtseins in Frage. Denn „hinter“ das, was wir denken, läßt sich unmittelbar nicht fragen. Wenn es etwas dahinter gibt, und dafür spricht einiges, dann kann es eben nur durch indirekte Methoden erschlossen werden. „Denken“ ist für den modernen Hirnforscher im Prinzip nichts anderes als Meinen, Glauben, Vorstellen oder Erinnern. Alles geschieht durch die Produktion und den Transport von Stoffen, die aus Aminosäuren bestehen, also den Eiweißen oder Proteinen. Die Anweisungen dafür liegen im Genom. So ist die Proteomik die natürliche Fortsetzung der Genetik; erst dadurch erfährt man, was genau die Gene bewirken. Die Auszeichnung des (philosophischen) Denkens gegenüber bloßer Meinungsmache müßte sich schließlich auch im molekularen Aufbau der daran beteiligten Moleküle ablesen lassen. Nehmen wir an, daß die Gehirngruppe des Großprojekts „Hupo“ (Human Protein Organisation) in 20 Jahren ein Ergebnis in diesem Sinne vorlegt, das zum Bestseller wird: „Und Platon hat doch recht“. Die Reaktion der anderen Länder können wir uns schon vorstellen: „Typisch deutsch.“

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