Neue Technologien: Absturz der Raumfähre „Columbia“

Von einem Präsidenten der Vereinigten Staaten erwartet man keine philosophisch-literarischen Glanzleistungen. Doch ein wenig abwechslungsreicher sollte es in seinen Reden schon zugehen. Nach dem Absturz der Raumfähre „Columbia“ letzte Woche eröffnete George W. Bush seine Fernsehansprache mit fast den gleichen Worten wie nach dem Anschlag vom 11. September. Von „Entsetzen“ und „Erschütterung“ sprach er und verkündete: „Ganz Amerika trauert.“ Dabei könnte die Situation nicht unterschiedlicher sein. Im World Trade Center zunächst ein ganz normaler Arbeitstag für Sekretärinnen, Geschäftsleute, EDV-Mitarbeiter, auf der „Columbia“ hingegen ein grandioses Abenteuer. Auch wenn die Raumfahrt schon etwas in die Jahre gekommen ist, bleibt es eine irrsinnige Vorstellung, mit 20.000 km/h in einer Kapsel im Weltraum auf die Erde zuzurasen und anzunehmen, pünktlich um 15 Uhr zu Hause zum Kaffeetrinken zu landen. Sicher gehört schon zum Bau eines Wolkenkratzers eine gewisse Vermessenheit. In ein zweistöckiges Reihenhaus können keine Flugzeuge knallen – höchstens fallen. Flugzeuge überhaupt bergen Risiken, die Pferdekutschen nicht haben. Dennoch bleibt der 11. September die Tragödie unbedarfter Zeitgenossen, die nur ihrer täglichen Arbeit nachgingen, während die Explosion der „Columbia“ waghalsige und ehrgeizige Pioniere traf, die – so hart es klingt – mit einem solchen Unglück rechnen mußten. Bushs eingeübte Mitleidspose ist also nicht angebracht. Vielmehr hätten wir uns ein bißchen Heroismus gewünscht. „Auf dem Felde des Fortschritts“, hätten die Worte etwa lauten können, „sind diese sieben tapferen Schneiderlein gefallen, haben ihr Leben riskiert für unser aller Wohl und schweben nun mindestens so sicher im siebten Himmel wie alle arabischen Selbstmordattentäter.“ Es sind keine beliebigen Toten, es sind unsere Besten, man braucht sich bloß einmal die Einstellungsvoraussetzungen für Astronauten anzusehen. Hätte Bush so gesprochen, wäre allerdings eine Frage nicht ausgeblieben, die im allgemeinen Tränenstrom ziemlich unterging. Nämlich: was machten die „Columbianer“ eigentlich im Weltraum? Was hatten sie dort zu suchen? Wozu finanzierte man einen einzigen Flug mit einer Milliarde Dollar? Ameisen, Spinnen und Ratten waren mit an Bord, weil man die Wirkung der Schwerelosigkeit auf diese Tiere sowie auf Haarspray und Parfümzerstäuber, sogenannte Aerosole, beobachten wollte. Letztlich sollten Bewegungskrankheiten beim Menschen erforscht werden. Mehr noch als bei den vieldiskutierten Stammzellen beschleicht einen der Verdacht, daß hier die Abenteuerlust weniger unter dem Vorwand des allgemeinen Wohles ausgelebt wird. Kein Wunder, daß es keine Helden mehr gibt, wenn die sich ständig hinter Durchschnittsinteressen verstecken. „Auf einen Stern zugehen“, beschrieb Heidegger unseren Weg. Ob wir ihn lebend erreichen, ist die andere Frage.

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