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Ernst Nolte zum 90. Geburtstag
 

Der Unberührbare

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Historiker und Philosoph Ernst Nolte: Die Judenfeindschaft Hitlers „verstehbar“ machen Foto: JF

Vor wenigen Monaten erschien von Ernst Nolte der schmale Band „Am Ende eines Lebenswerks“, der drei „Letzte Reden 2011/12“ enthält. Der hochbetagte Geschichtsdenker hat sich damit vernehmbar zur Ruhe gesetzt. Beim Blick auf die lange Reihe seiner Bücher gibt Nolte sich überzeugt, daß die Arbeit, die sein Leben ausfüllte, sich gelohnt habe. Dafür hat er einen hohen Preis gezahlt.

Seit vielen Jahren lebt er in einer Art innerer Emigration. Von Fachkollegen ist er weitgehend isoliert, sein wichtigstes Forum, die FAZ, hat er bereits 1994 verloren. Bitterkeit merkt man ihm dennoch nicht an. Allenfalls schwingt sie in der Aussage über die „Groteske“ des Historikerstreits von 1986 mit, die sich nach 1989 fortgeschrieben habe. Er müsse einsehen, so Nolte, daß der Wunsch nach einer genuin wissenschaftlichen Debatte „sich zu meinen Lebzeiten nicht erfüllen wird“.

Man hat reichlich Gründe, den Akzent auf „zu meinen Lebzeiten“ zu legen. Denn im höheren, im geistigen Sinne zählt die gegenwärtige Nichtachtung wenig. Nolte ist ein Schüler Martin Heideggers, der das Denken ein einsames Geschäft nannte. Noltes Kaltstellung ist zeitbedingt und rein äußerlich. Dieser Unberührbare ist nämlich der folgenreichste deutsche Historiker des 20. Jahrhunderts.

Noltes Niederlage war eine politische, keine wissenschaftliche

Seine Niederlage im Historikerstreit gegen Jürgen Habermas war eine politische und mediale, keine wissenschaftliche. Nolte kann dieser Auseinandersetzung sogar etwas Positives abgewinnen: Sie habe sein „neuartiges Paradigma“ zur Interpretation der Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts allgemein bekannt gemacht. Tatsächlich hat er die bis dahin alleingültige, negativ-germanozentrische Perspektive aufgesprengt.

Der von ihm festgestellte „logische Prius“, nämlich daß der Gulag „ursprünglicher“ war als Auschwitz, und der „kausale Nexus“ zwischen den zwei Schreckensorten wurden (und werden teilweise noch immer) wütend bekämpft, doch aus der Welt zu bringen sind sie nicht mehr. Wo immer über die NS-Herrschaft gedacht und geschrieben wird, sitzt Ernst Nolte als steinerner Gast mit am Tisch. Das führt zu den merkwürdigsten Verrenkungen.

Der Yale-Historiker Tymothy Snyder, Verfasser des Buches „Bloodlands“ über den kumulierenden roten und braunen Terror in Osteuropa, erklärte gegenüber der Welt, daß der Historikerstreit ihn inspiriert habe. Beflissen setzt er dann hinzu, Ernst Nolte nicht ernst nehmen zu können, während der Nicht-Historiker Habermas „damals etwas sehr Wichtiges tat, als er die Debatte anstieß“. Worin die Wichtigkeit lag, läßt Snyder lieber offen.

„Trivialisierung durch Vergleich“

Das Besondere an Ernst Nolte und das Ärgernis, das er für viele verkörpert, besteht darin, daß er die nationalgeschichtliche Deutung des Nationalsozialismus mit einer universalgeschichtlichen verknüpft und in ihr aufhebt. Schon in seinem ersten grundlegenden Werk über den „Faschismus in seiner Epoche“ untersuchte er neben der Hitler-Bewegung die faschistischen Strömungen in Italien und Frankreich.

Im 1974 erschienenen Buch „Deutschland und der Kalte Krieg“ spannte er den Bogen bis in das antike Griechenland, nannte die USA den „ersten Staat der Linken“ und das nationalsozialistische Deutschland („bis 1939“) im Vergleich zur stalinistischen Sowjetunion „geradezu ein rechtsstaatliches und liberales Idyll“.

Unter der Überschrift „Parallele und Kontrast“ stellte er Überlegungen zur Bundesrepublik und Israel an. Das trug ihm bei bestimmten US-Historikern den Vorwurf ein, er betreibe eine deutsche Nationalapologetik und versuche sich an der „Trivialisierung durch Vergleich“. Die mittlerweile zur Zivilreligion erhobene These von der Unvergleichbarkeit des Holocaust warf ihre dunklen Schatten voraus.

Er verlor realgeschichtlichen Zusammenhänge nie aus den Augen

Nichts liegt Nolte ferner als die Trivialisierung des Mordes an den europäischen Juden! Das philosophische Staunen darüber, daß diese „asiatische Tat“ überhaupt möglich war und von einem Herzland der europäischen Kultur ausging, steht gewissermaßen am Anfang seines Geschichtsdenkens. Ausdrücklich hebt er sogar seine „Singularität“ hervor, die sich freilich weniger aus dem Massenmord als solchem, sondern aus seiner „metabiologischen“ Motivation herleitet.

Hitler wollte eine weltgeschichtliche Welttendenz stoppen, indem er ihre angeblichen biologischen Träger vernichtete. Der bekennende Rechte Armin Mohler warf Nolte deswegen vor, das „metaphysische Verbrechen“ erfunden zu haben und den Holocaust als solches zu „zementieren“.

Richtig ist, daß Nolte den Mord an den Juden für die äußerste Konsequenz eines wahnhaften Weltbildes hält. Doch hat er die realgeschichtlichen Zusammenhänge deswegen nie aus den Augen verloren. Im Gegenteil, mit immer größerer Hingabe hat er sich der Freilegung des „rationalen Kerns“ des Hitlerschen Irrationalismus gewidmet und dem Nationalsozialismus ein gewisses historisches Recht zugestanden: als Gegenbewegung zur Bedrohung Deutschlands und Europas durch den massenmörderischen Bolschewismus.

Eine These, die er 1987 im Buch „Der europäische Bürgerkrieg“ ausbreitete und 1993 in den „Streitpunkten“ untermauerte. Mit einigem Stolz hat Nolte die „Streitpunkte“ das erste Buch über den Nationalsozialismus genannt, das ganz im wissenschaftlichen Geist verfaßt sei, weil es auf jegliche Nationalpädagogik verzichte. Bezeichnenderweise markierte es den endgültigen Bruch mit dem universitären Milieu. Einen letzten Höhepunkt stellen seine vermächtnishaften „Späten Reflexionen“ (2011) dar, in denen er dezidiert auf die Latenz und das brisante Potential seines Werkes hinweist.

Hier geht es Nolte noch einmal um die Historisierung und Kontextualisierung des Nationalsozialismus, den er nicht aus den Abgründen einer metaphysischen „deutschen Daseinsverfehlung“ (Ernst Niekisch) heraufsteigen sieht, sondern als überschießende Reaktion auf eine konkrete politische Situation erklärt. Er will die Judenfeindschaft Hitlers und die Propagandaformel vom „jüdischen Bolschewismus“ weniger „verständlich“ als vielmehr „verstehbar“ machen.

Ihr „rationaler Kern“ liegt in der überproportionalen Anzahl von Juden in der bolschewistischen Bewegung. Sie ergibt sich aus der Affinität eines ort- und staatslosen Volks – oder vieler seiner intellektuellen Köpfe – für die universalistische Ideologie des Kommunismus. Sie zu verwirklichen schloß nämlich die Erwartung ein, die Diskriminierung der Juden in einer klassenlosen Gesellschaft zu beseitigen. Ihren mächtigsten Rückhalt fand sie in der Sowjetunion, die mit ihrer ungeheuren Landmasse und entbehrungsgewohnten Bevölkerung unbesiegbar war.

Die andere Spielart des Universalismus war die westliche Demokratie, wie sie führend von Großbritannien und später von den USA missionarisch verfochten wurde.

Deutschlands Lage war bis 1945 insofern ebenfalls singulär, als es eine Zwischengröße darstellte. Einerseits war es im europäischen Maßstab das größte und dynamischste Land, jedoch nicht mächtig genug, um ebenfalls die globalen Gesetze mitzubestimmen. Es verfügte allerdings über das Potential, um als natürlicher Nukleus eines europäischen Machtblocks zu agieren, indem es das Prinzip des nationalen Partikularismus sowohl gegen die russisch-bolschewistische wie die angelsächsisch-westliche Vereinheitlichung – im heutigen Sprachgebrauch: Globalisierung – verteidigte.

Geistig-moralische und politische Selbstauslöschung Deutschlands

Dadurch geriet Deutschland in eine natürliche Gegnerschaft zu den Weltmächten und – jedenfalls in den Augen Hitlers – zu den Juden als führenden Protagonisten des Universalismus. Niemand weiß besser als Nolte, daß dieses Bild ein schematisches war und in der Realität bereits durch die jüdischen Deutschen, die häufig glühende Patrioten waren, widerlegt wurde.

Andererseits war Hitler klar, daß die militärische Niederlage zur auf Dauer angelegten geistig-moralischen und politischen Selbstauslöschung Deutschlands führen würde, was ihn zu den bekannten Exzessen veranlaßte. Die Niederlage sieht Nolte durch die Errichtung des Holocaust-Mahnmals in Berlin – im wörtlichen und im übertragenen Sinn – zementiert. In ihm verwirkliche sich die Forderung Rosa Luxemburgs: „Daumen aufs Auge und Knie auf die Brust!“ auf „spezifische Weise“, das heißt „unter jüdischem Aspekt“.

Zugleich ist es eine zentrale Bekenntnisstätte der westlichen, universalistisch angelegten Zivilreligion, deren Ausgangspunkt der Holocaust ist. Aus dessen inzwischen auch gesetzlich festgelegter Sonderstellung leitet Israel politische Sonderrechte ab, um seine äußeren Angelegenheiten zu definieren und zu ordnen. Unterstützung findet es vor allem bei den USA, die ihrerseits die Zivilreligion nutzen, um ihre globale Politik ideologisch und moralisch zu legitimieren. Hieraus rührt Noltes Kritik am theoretischen und praktischen Zionismus her.

Gefahr des allgemeinen Nihilismus

Nolte durchdenkt mögliche Konsequenzen bis an ihr bitteres Ende. Er sieht die Gefahr eines allgemeinen Nihilismus, der neben Deutschland auch Europa und den gesamten Westen ergreift und letztlich die „Weißen“ wehrlos und perspektivisch zur enteigneten Minderheit werden läßt. Gegen diese bedrohliche Zukunftsvision setzt er seine schärfste Waffe ein: die historische Aufklärung. Seinen Besucher verblüfft er mit dem Bekenntnis, daß er es tief bedauere, das Weltgeschehen der nächsten 50 Jahre nicht mehr mitverfolgen zu können. Am 11. Januar wird Ernst Nolte 90 Jahre alt. Es ist jetzt Aufgabe Jüngerer, sein Erbe zu nutzen und in kritischer Offenheit aufzuheben.

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