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Was hinter der Insolvenz von FTX steckt: Aufstieg und Fall des Samuel Bankman-Fried

Was hinter der Insolvenz von FTX steckt: Aufstieg und Fall des Samuel Bankman-Fried

Was hinter der Insolvenz von FTX steckt: Aufstieg und Fall des Samuel Bankman-Fried

FTX CEO Sam Bankman-Fried auf einer Pressekonferenz zur Umbenennung der FTX Arena in Miami
FTX CEO Sam Bankman-Fried auf einer Pressekonferenz zur Umbenennung der FTX Arena in Miami
FTX-CEO Sam Bankman-Fried auf einer Pressekonferenz zur Umbenennung der FTX Arena in Miami Foto: picture alliance / abaca | TNS/ABACA
Was hinter der Insolvenz von FTX steckt
 

Aufstieg und Fall des Samuel Bankman-Fried

Die Geschichte von Samuel Bankman-Fried ist eine Geschichte aus falschen Versprechungen, massivem Finanzbetrug, familiären Geflechten und Verbindungen bis in höchste politische Kreise. Auf den rasanten Aufstieg des jungen Krypto-Unternehmers folgte der ebenso dramatische Fall. Noch vor wenigen Tagen lebte der 30jährige seelenruhig in seiner Villa auf den Bahamas, nun fordert das FBI seine Auslieferung. Gerüchte über eine Flucht machen die Runde. Die Behörden der Karibikinsel haben mittlerweile alle Vermögenswerte der von ihm gegründeten Börse FTX beschlagnahmt.

Dabei galt Samuel Bankman-Fried lange Zeit als einer der gefeiertsten Nachwuchsstars der Finanzwelt. Geboren 1992 in Stanford, Kalifornien, wächst der hochintelligente Junge in einer Familie mit besten Beziehungen auf. Seine Eltern sind einflußreiche Juraprofessoren an der Stanford Law School. Seine Tante Linda Fried ist Epidemiologin an der Columbia University in New York und fungiert als Ko-Vorsitzende des „Global Future Councils“ des Weltwirtschaftsforums.

Nach dem Besuch einer privaten High School folgt für Bankman-Fried mit 18 Jahren das Studium am renommierten MIT in Cambridge. Das betrachtet er später zwar als „fucking useless“ („verdammt nutzlos“) und doch beginnt hier sein großes Abenteuer. Die Legende, die er später erzählt, lautet so: In seinem zweiten Studienjahr habe der Philosophieinteressierte vom „effektivem Altruismus“ erfahren. Das ist die Idee, mit beschränkten Ressourcen Zeit und Geld optimal einzusetzen, um so viel Gutes wie möglich zu tun.

Es geht nicht nur darum, 50 Euro zu spenden. Entscheidend ist die Frage, wie eine Spende von 50 Euro die größtmögliche positive Wirkung erzielen kann. Und so habe Bankman-Fried beschlossen, sich darauf zu konzentrieren, so viel Geld wie möglich anzuhäufen und es danach zu verschenken.

Sein erstes Geld verdient Bankman-Fried mit Arbitrage-Handel

Nach seinem Studienabschluß in Physik arbeitet der überzeugte Veganer zunächst drei Jahre beim Tradingunternehmen Jane Street Capital. Dann stürzt er sich in den wachsenden Kryptomarkt. Sein erstes Vermögen verdient er durch den lukrativen Arbitrage-Handel. Er kauft Kyptowährungen zu einem niedrigem Preis in einem Land ein, und verkauft es wieder in anderen Ländern, wo der Preis für den jeweiligen Coin höher ist.

Ende 2017 gründet Bankman-Fried die Kypto-Tradingfirma Alameda Research, wo er seinen Arbitrage-Handel erfolgreich weiterführt. Doch die Börsen auf denen er handelt, sind ihm zu langsam und schwerfällig fürs schnelle Trading. Im Mai 2019 baut der Kalifornier schließlich eine eigene Börse für digitale Vermögenswerte auf namens FuTures eXchange (FTX), die er in Antigua und Barbuda registrieren läßt und von Hongkong aus startet. Das Geld fließt, im Jahr 2021 wird die Börse mit rund 18 Milliarden US-Dollar bewertet. Die Medien himmeln ihn an, das Weltwirtschaftsforum macht auf seiner Seite für FTX Werbung.

Der junge Unternehmer gilt als Prototyp des neuen, umweltbewußten Milliardärs, der den bösen Raubtierkapitalismus vergangener Zeiten hinter sich lassen will. Er lebt mit seinen College-Freunden, die nun für ihn arbeiten, auf den Bahamas in einer Art Kommune, abgeschottet und zurückgezogen. Auf den seltenen Fotos sieht man ihn stets nur in T-Shirt und Shorts.

„Bankman-Fried ist nicht nur darauf aus, der reichste Krypto-Milliardär zu werden. Er ist darauf aus, den größtmöglichen positiven Einfluß auf die Welt zu haben“, begeistert sich das Finanzmagazin Forbes noch im Mai 2021. Spätestens bei solchen Schlagzeilen sollte man jedoch skeptisch werden. Nur ein Jahr später ist die Börse insolvent und Bankman-Fried wird von den Behörden gejagt. Was also ist bei FTX passiert?

Kredite mit dem eigenen Token besichert

Das entscheidende Problem, das Börsen haben, ist immer ein Henne-Ei-Problem. Einerseits braucht es Kunden, um Liquidität zu erhalten. Andererseits kommen keine Kunden, wenn es keine Liquidität gibt. Der Jungunternehmer löst die Schwierigkeit 2019 wiefolgt: Alameda Research wird als Handelsunternehmen der erste (und größte) Kunde von FTX. Die von ihm gegründete Tradingfirma stellt etwa die Hälfte der benötigten Liquidität bereit.

Zusätzlich steigt die weltweit größte Kryptobörse Binance mit ein und erhält für 70 Millionen Dollar 15 Prozent der Anteile an FTX. Schließlich gibt Bankman-Frieds Börse einen eigenen Token heraus, den FTX-Token (FTT), der also einen Anteil an der Firma darstellt. Mit diesem Coin besichert die Börse auch ihre Kredite.

Bankman-Fried macht sich einen Namen, zeigt sich großzügig. Er sponsert die Esports-Liga TSM für 210 Millionen Dollar, kauft die Namensrechte der Arena der Miami Heat für 135 Millionen Dollar oder bezahlt Footballstars wie Tom Brady 30 Millionen Dollar, damit sie für FTX als Werbebotschafter tätig sind. Nur Spenden fließen seltsamerweise wenig. Er wolle damit warten, bis er genug habe, beteuert der Kalifornier in den Medien. Tatsächlich ist der 30jährige zwar auf dem Papier unfaßbar reich, in der Praxis aber besitzt er weit weniger Geld.

Ein Bericht setzt eine Lawine in Gang

Anfang November 2021 schaut die Krypto-Nachrichtenseite CoinDesk schließlich genauer hin. Die Journalisten untersuchen die Bilanz der von ihm gegründeten Tradingfirma Alameda Research und erblicken folgendes: Der Hedgefonds besitzt demnach Vermögenswerte in Höhe von 14,6 Milliarden US-Dollar. Diese Summe setzt sich unter anderem zusammen aus dem FTX-Token (5,8 Milliarden US-Dollar), dem Solana-Token (1,2 Milliarden US-Dollar), nicht näher identifizierten „Krypto-Beständen“ (3,37 Milliarden US-Dollar) und einem Aktienpaket (zwei Milliarden US-Dollar). Lächerliche 0,9 Prozent des Vermögens besitzt das Unternehmen in Baranlagen (134 Millionen US-Dollar).

Die Börse FTX und das Tradingunternehmen Alameda Research sind also grundlegend aufeinander angewiesen. Für den Laien ist es schwierig, die Absurdität sofort zu verstehen: Ein großer Teil der Vermögenswerte einer Firma, die von Bankman-Fried gegründet wurde, beruht auf einem zentralisierten Krypto-Token, der von einem Unternehmen unter der Leitung von Bankman-Fried ausgegeben wurde. Das kann nicht lange gut gehen. Was, wenn ein Abverkauf des Tokens stattfindet?

Und tatsächlich betritt nun der CEO von Binance, Changpeng Zhao (CZ), das Spielfeld. Bezugnehmend auf den CoinDesk-Bericht äußert der Chef des Konkurrenzunternehmens seine Zweifel. Binance werde seine FTTs abstoßen, verkündet er. Das Kartenhaus fällt in sich zusammen. Mit Notkäufen versucht Alamada Research den Preis zu stabilisieren, doch es ist bereits zu spät. In weniger als 24 Stunden verliert Bankman-Fried rund 94 Prozent seines Vermögens.

Bankman-Fried war der zweitgrößte Spender der Demokraten

Nach und nach kommt der jetzt ganze Betrug bei FTX ans Tageslicht: Bankman-Frieds Zweitunternehmen, Alameda Research, benutzte laut Wall Street Journal Insiderinformationen von FTX, um rund 60 Millionen US-Dollar zu akkumulieren. Insgesamt soll Alameda 18 verschiedene Coins vor deren Notierung auf der Börse erworben und anschließend gewinnbringend verkauft haben. Zudem soll der gefallene Unternehmer auch mit den Milliarden der Kunden von FTX gezockt haben, was derzeit noch genauer untersucht wird. Wohin aber floß das Geld?

Samuel Bankman-Fried war vor den Midterms hinter George Soros der zweitgrößte Spender der Demokratischen Partei in den USA. 39 Millionen Dollar flossen in linke Wahlkampfspendenfonds.


Auch seine Mutter Barbara Fried leitet einen solchen Demokraten-Fonds, der in den vergangenen Jahren zweistellige Millionenbeträge aus dem Silicon Valley an die Partei geleitet hat. Die Börse FTX startete nur 13 Tage nach Joe Bidens Ankündigung seiner Präsidentschaftskandidatur. In der Bilanz der Börse ist eine 7,3 Millionen Dollar schwere Wettposition unter den Namen „Trump verliert“ zu finden. Gab es Bestrebungen eine politische Kampagne gegen Trump zu fahren?

Vorwurf der Geldwäsche steht im Raum

Auch interessant: Im Zuge des russischen Überfalls hatte die Ukraine eine Krypto-Spendenseite eingerichtet. Als Partner suchte man sich im März 2022 ausgerechnet FTX aus. Jeder willige Spender konnte also die Regierung in Kiew mit Kryptowährungen unterstützen. Jetzt aber ist die Börse bankrott. Viele Hilfsgelder sind verschwunden. Augenscheinlich hat die Ukraine sich einige Spenden nicht auszahlen, sondern auf der FTX-Börse liegen lassen, um auf höhere Gewinne zu spekulieren.

Doch auch der Vorwurf Geldwäsche steht im Raum. Die Biden-Regierung könnte über FTX in die Ukraine gespendet, die dortige Regierung die Krypto-Bestände auf der Börse liegen lassen haben, dann sei das Geld an die Demokratische Partei zurückgeflossen, spekulieren bereits einige konservative Stimmen in den USA. Alex Bornyakov, stellvertretender Minister für die digitale Transformation der Ukraine, hat die Vorwürfe bereits als „Unsinn“ zurückgewiesen.

Die große Frage aber lautet: Warum ist im ganzen Betrug um FTX keiner der Regulatoren eingeschritten? Wo war die US-Börsenaufsicht SEC? Einige Experten fordern bereits Ermittlungen gegen SEC-Chef Gary Gensler, da spekuliert wird, daß er mit Sam Bankman-Fried zusammengearbeitet haben könnte, um rechtliche Schlupflöcher zu finden, die FTX ausnutzen konnte. Der republikanische Abgeordnete im Repräsentantenhaus, Tom Emmer, hatte die Gerüchte mit einem Verweis auf entsprechende Berichte angeheizt.

Auch im Fall Gensler sind die Verbindungen seltsam: Der ehemalige Goldman Sachs-Banker arbeitete lange Jahre beim MIT in Cambridge. Sein Chef: Der Ökonom Glenn Ellison. Dessen Tochter ist die 1994 geborene Caroline Ellison, die nicht nur die ehemalige Freundin von Sam Bankman-Fried ist, sondern auch als CEO von Alameda Research arbeitete. Das macht offenbar auch Twitter-Chef Elon Musk nachdenklich.

Zeitweise wohnten in dem 40 Millionen Dollar teuren Penthouse von Bankman-Fried auf den Bahamas über zehn Personen gleichzeitig und führten die Geschäfte. Sexuell soll es dabei recht locker zugegangen sein. Ellison führte in dieser Zeit einen anonymen Tumblr-Blog, den eifrige Twitter-Nutzer nun ausfindig gemacht haben. Hier befürwortete sie nicht nur gefährliches Trading mit Hebel-Produkten, sondern fachsimpelte ganz offen über polyamoröse Beziehungen, sexuellen Wettbewerb und Eugenik. Nun, langweiliger dürften auch die weiteren Enthüllungen rund um die Geschichte von Samuel Bankman-Fried kaum werden.

FTX-CEO Sam Bankman-Fried auf einer Pressekonferenz zur Umbenennung der FTX Arena in Miami Foto: picture alliance / abaca | TNS/ABACA
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