Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

DIW-Präsident: „Haß von Chemnitz“ schadet deutscher Wirtschaft

BERLIN. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, sieht im „Rechtsruck“ und der „politischen Radikalisierung in Teilen Ostdeutschlands“ schweren wirtschaftlichen Schaden. „Der unverdeckte Haß, den wir etwa in Chemnitz sehen, könnte den Anstoß für eine Spirale nach unten geben“, sagte er der Welt.

Insbesondere „gut ausgebildete, flexible Menschen wollen nicht in einer Gegend leben, in der Haß herrscht, in der Menschen wegen ihrer Religion oder Hautfarbe verfolgt werden“. Städte, die durch „Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ auffielen, hätten „ein Riesenproblem“, Talente anzulocken.

DIHK: Ereignisse von Chemnitz schrecken Fachkräfte ab

Den Grund für den seiner Meinung gestiegenen Rechtsextremismus sieht Fratzscher in der sozialen Ungleichheit in Deutschland. „Jeder Fünfte schafft es nicht, trotz Job über die Runden zu kommen. Wir haben sechs Millionen Hartz-IV-Empfänger.“ Die Politik müsse endlich „das Thema gleichwertige Lebensbedingungen“, wie es das Grundgesetz verlange, ernst nehmen.

Zuvor hatte bereits der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) wegen der Ereignisse in Chemnitz vor einer Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland gewarnt. „Bilder haben immer eine starke Wirkung. Sie können mögliche Fachkräfte abschrecken, die aus aller Welt ansonsten zu uns kommen wollen“, sagte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer, Achim Dercks, der Heilbronner Stimme.

Rechtsextremismus gefährde das hiesige Wirtschaftsmodell, das sowohl von der Anerkennung der Produkte „Made in Germany“ lebe, als auch vom Vertrauen in Stabilität und Werte der sozialen Marktwirtschaft.

Zetsche: „Jeder ist aufgerufen, der Radikalisierung entgegenzutreten“

Auch die Vorstandsvorsitzenden von BMW und Lufthansa sorgen sich um Deutschlands Ansehen. Er sei „viel im Ausland, und wenn man dort die Berichte über Chemnitz verfolgt, dann sind das Bilder aus Deutschland, die man überhaupt nicht sehen möchte“, sagte der Vorstandsvorsitzende des bayerischen Autobauers, Harald Krüger, der Welt am Sonntag.

BMW stünde „ganz klar für eine offene Kultur, für Vielfalt, für ein Miteinander“. Der Vorstandsvorsitzende der Lufthansa, Carsten Spohr, betonte, sein Unternehmen stehe für „internationale Beziehungen, Offenheit und Verständigung über Grenzen hinweg“.

Der Vorstandsvorsitzende der Daimler AG, Dieter Zetsche, betont, Rassismus und Diskriminierung hätten in seinem Konzern keinen Platz. „Allein in Deutschland arbeiten in unseren Werken jeden Tag Menschen aus mehr als 140 verschiedenen Nationen erfolgreich zusammen.“ Toleranz sei da ein „elementares Grundprinzip“. Die Ausschreitungen von Chemnitz betrachte man mit Sorge. „Jeder ist aufgerufen, der Radikalisierung entgegenzutreten, denn diese hat noch nie zu tragfähigen Lösungen geführt.“

(tb)

DIW-Präsident Marcel Fratzscher neben IWF-Chefin Christine Lagarde Foto: picture alliance/ dpa

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