Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Rettungsplan für Babylon

Nachdem das 700-Milliarden-Paket von US-Finanzminister Henry Paulson zwecks staatlichen Ankaufs illiquider Bank-Aktiva im zweiten Anlauf den Kongreß passiert hat, fragen sich die Auguren: Ist die Idee gut? Reicht das Geld, und woher soll es kommen? Wird der sogenannte Emergency Economic Stabilization Act die Krise lösen oder wenigstens mildern? Die Frage nach den Schuldigen der Finanzmisere scheint inzwischen längst abgehakt zu sein. Natürlich sind es die gierigen Bankmanager und Spekulanten, die unersättlichen Anleger und der unregulierte freie Markt, kurz: der Kapitalismus. So sehen sie eben aus, die Fausses idées claires (Alexis de Tocqueville), die klaren, aber falschen Ideen. Meist werden dabei die Folgen mit den Ursachen gleichgesetzt. Doch zunächst zum Volumen: 700 Milliarden US-Dollar, das wäre hinsichtlich der vielleicht tausend Milliarden zweifelhafter US-Hypothekenschulden der Subprime-Krise eine stattliche Summe. Aber nun steht die nächste Krise an: die CDS-Krise — und dabei geht es um etwa 50.000 Milliarden Dollar. Mit dem Kreditderivat Credit Default Swaps (CDS) sicherten sich ursprünglich Investoren gegen den Ausfall von Forderungen (Krediten, Anleihen) ab. Aber zunehmend nutzten sie die Instrumente immer mehr zur Spekulation als zur Absicherung. Dadurch wuchs der Markt von Ende 2001 bis 2007 um das Hundertfache und ist inzwischen mehrfach größer als der gesamte Markt für internationale Anleihen. Und es gibt noch viel mehr Derivate oder sogenannte Finanzinnovationen — aktuell liegt deren Volumen bei 550.000 Milliarden Dollar, was dem Zehnfachen der Weltwirtschaftsleistung entspricht und dem Zehnfachen des Nettovermögens aller US-Amerikaner. Sollte auch nur ein Prozent davon „notleidend“ werden, dann entspräche das fast dem Achtfachen des umstrittenen Paulsen-Pakets. Die Dollar des US-Rettungsplans sind so gesehen also in der Tat Peanuts — wenngleich in gigantischer Dimension. Aber woher soll das Geld dafür kommen? Man kann es nicht oft genug wiederholen: Jeder Dollar, den der Staat ausgibt, muß den Bürgern früher oder später entzogen werden — egal, woher er stammt. Kommt das Geld aus Steuern, spürt es der Bürger direkt. Kommt es aus Anleihen bei Nicht-Banken, dann zieht der Staat Geld aus anderen, besseren Verwendungen ab und erzeugt Preisinflation. Kommt es von der Zentralbank (US-Fed), dann erzeugt diese Papiergeldschöpfung ebenfalls Preisinflation und Währungszerfall und schädigt also ebenfalls das Publikum. Schlimmer noch: Alle staatlichen Ausgabenprogramme erhöhen den babylonischen Schuldenberg des US-Staates, der inzwischen auf 100 Prozent des Sozialprodukts zusteuert. Staat, Private, Unternehmen und Banken haben mit Schulden von zusammen 355 Prozent des Sozialprodukts ein welthistorisches Rekordniveau erreicht. Und da es genau diese astronomische Verschuldung ist, die hinter der aktuellen Weltfinanzmisere steckt, entsprechen Rettungsaktionen mit neuen Schulden einem Feuerlöschen mit Benzin. Das kurzfristige Liquiditätsproblem einzelner Finanzinstitute wird damit kurzfristig gemildert, aber das Grundproblem, die exorbitante Verschuldung, wird verschlimmert. Noch schwerer wiegt, daß nun genau das im großen Stil betrieben wird, was überhaupt erst zur aktuellen Finanzkatastrophe geführt hat. Sie ist ja die Konsequenz einer US-Zentralbankpolitik, die in den vorangegangenen Dekaden mit sintflutartigen Strömen aus Luftgeld die depressiven Energien von Blasen und Krise abfedern wollte. Ende des vergangenen Jahrhunderts waren es beispielsweise die Asien-, Rußland- oder Argentinien-Krise. 1998 sollten die Folgen des Zusammenbruchs des Hedgefonds Long-Term Capital Management (LTCM) gemildert werden. Zwei Jahre später platzte die Neue-Markt-Blase, dann kam der 11. September 2001, im Sommer 2007 brach die Subprime-Krise aus. Jene Fehler, die aus der Rezession von 1929 erst die Große Depression der dreißiger Jahre gemacht haben, werden immer wieder — und nun in Magnum-Dimension — wiederholt. Schwere und Dauer der Weltwirtschaftskrise wurden damals von der interventionistischen Politik zunächst der Hoover- und dann der Roosevelt-Regierung verursacht. Sie verhinderten die Rückanpassung der Preise, der Löhne und der Beschäftigung an eine nicht-inflationäre Wirtschaft und weiteten damit eine fällige Rezession von vielleicht zwei oder drei Jahren zur Weltdepression aus, die dann erst nach 17 Jahren endete. Wir dürfen uns somit auch jetzt wieder auf ein bis zwei Jahrzehnte fortschreitender Verarmung und politischer Abenteuer einstellen. Der Markt hat versagt, und die Politik muß helfen? Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Seit Gründung der amerikanischen Zentralbank (Federal Reserve System) im Dezember 1913 leben wir mit einer zentralen Planwirtschaft hinsichtlich des Zinses — und somit des wichtigsten Preises einer Volkswirtschaft, dem Preis des Geldes. Und wir leben mit einem staatsmonopolistischen Papiergeld ohne jede Deckung, einem sozialistischen Falschgeld, das den Blutkreislauf des Kapitalismus unaufhörlich vergiftet. Das erst erzeugt die großen Boom-and-Bust-Zyklen, die Blasen und Zusammenbrüche, die unaufhörliche Teuerung und die wahnwitzigen Ausschläge der Zinsen nach oben und unten. Das sind alles Erscheinungen, die zur Zeit des Goldstandards bis Anfang des 20. Jahrhunderts (die theoretische Goldkonvertibilität des US-Dollars wurde 1971 endgültig aufgehoben, JF 31-32/08) unbekannt waren. Und das erst erzeugt das finanzielle Fehlverhalten aller Mitspieler an den Finanzmärkten. Es ist die Politik mit ihren uferlosen Kredit- und Verschuldungsflutungen, die versagt hat und nun endgültig scheitert, nicht der Markt. Der Markt funktioniert hervorragend. Er lenkt die Hurrikane aus Papiergeld, deren Volumen in den letzten 15 Jahren doppelt so schnell gewachsen ist wie das Sozialprodukt, erst in inflationäre Blasen (wohin auch sonst; Investitionen können nur aus echten Ersparnissen kommen) und vernichtet sie alsdann. Es ist der Sozialismus, der (wieder einmal) versagt, diesmal der Sozialismus des staatlichen Papiergeldes und der zentralplanerischen Zinspolitik. Wir sollten es endlich wieder mit dem Kapitalismus versuchen, mit jenem Kapitalismus, der im Zeitalter des echten (Gold-)Geldes die großen Industrialisierungswunder der Menschheit geschaffen hat — und zwar weitgehend störungsfrei.   Roland Baader ist Schüler des österreichischen Ökonomen und Nobelpreisträgers Friedrich August von Hayek und Mitglied der Mont Pèlerin Society. Er schrieb das Buch „Geld, Gold und Gottspieler“ (Resch-Verlag, Gräfelfing 2004). Foto: Frisch gedruckte Dollar-Noten: Staatsmonopolistisches US-Papiergeld ohne jede echte Deckung

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