Ein ungeliebtes Geschenk der Natur

Der Wolf ist nach Deutschland zurückgekehrt — das freute zunächst nicht nur die Naturschützer (JF 17/03). Inzwischen sorgt er im Grenzgebiet zwischen Sachsen und Brandenburg zunehmend für Unruhe. Seit Ende September in der niederschlesischen Kleinstadt Wittichenau (Landkreis Bautzen) ein Jungwolf eingefangen wurde, glaubt kaum noch jemand den Versicherungen der Tierschützer, die grauen Räuber würden einen weiten Bogen um menschliche Ansiedlungen machen. Was, wenn ein Wolf beispielsweise ein Kind anfällt? Zwar beteuern die Experten im vom Freistaat finanzierten Kontaktbüro „Wolfsregion Lausitz“, daß von den Raubtieren keine Gefahr ausgehe, aber für den gegenteiligen Fall gibt es bereits eine Weisung des Ministeriums, die bei einem Menschenopfer den Abschuß vorsieht. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es in der Lausitz keine Wölfe mehr. Lediglich einzelne Tiere tauchten mitunter auf, die getötet wurden. Bis 1989 wurden auf dem Gebiet der DDR offiziell dreizehn Wölfe erschossen. Ein ab 1990 geltendes Gesetz stellte dann Isegrim unter strengen Schutz und schuf die Voraussetzung, daß sich in Südbrandenburg, Ostsachsen und Niederschlesien aus Polen kommende Wölfe ansiedeln konnten. Derzeit gibt es auf sächsischem Gebiet vier  Rudel mit Elterntieren, Jährlingen und Welpen, dazu kommen zwei weitere in Brandenburg. Offiziell wird die Zahl der Tiere auf 30 bis 35 Wölfe geschätzt, ansässige Jäger gehen von mindestens 50 Tieren aus. Die Wölfe breiten sich systematisch nach Westen aus. Künftige Rudelplätze prognostiziert das Naturkundemuseum Görlitz in der Königsbrücker Heide bei Dresden und in Waldgebieten nördlich von Leipzig sowie im Erzgebirge. In Sachsen-Anhalt wurde Mitte September ein Schaf entdeckt, das von einem Wolf gerissen wurde. Auch im bayerischen Fichtelgebirge sind Wölfe unterwegs, die offenbar aus der Lausitz stammen. Ein klares Bekenntnis der Staatsregierung zum Wolf fordert Rudolf Haas, sächsischer Chef des Bündnisgrünen. Der Wolf sei ein Geschenk für die Menschen in der Lausitz. Auch Biologen sind europaweit über den Ansiedlungserfolg begeistert und reisen zu Studienzwecken an. Allerdings nimmt die Freude über die Rückkehr der Wölfe mit dem schwindenden Abstand der eigenen Wohnung zu den Territorien der Räuber rapide ab. Den Haltern von Nutztieren ist der Räuber ein Dorn im Auge. Bis August töteten die vier Rudel mindestens 61 Schafe und zwei Ziegen. Zwar hat der Freistaat den entstandenen Schaden ersetzt, inzwischen aber die Nutztierhalter aufgefordert, ihre Tiere nachts in Ställen unterzubringen oder Zäune aufzustellen. Die Betroffenen haben wenig Verständnis für das teure Hobby der Staatsregierung. Schafe seien zum Abgrasen der Wegränder da und nicht dazu, daß man eine Festung um sie errichtet, schimpfte ein Mann aus einem Dorf bei Hoyerswerda. Ohnehin bieten Zäune wenig Sicherheit. Unlängst ließ sich ein Wolf weder vom stromführenden Zaun noch von Flatterbändern abschrecken, sondern setzte über das Hindernis, um in der Schafherde seinen Hunger zu stillen. Die Wolfsexperten zeigten sich beeindruckt und freuten sich über die Lernfähigkeit der Tiere, die wohl auch die Jungtiere des Rudels übernehmen werden. Derweil bastelt das alarmierte Umweltministerium an Maßnahmen, wie man das Wolfsproblem in den Griff bekommt. Eine davon ist der auf drei Monate befristete Einsatz Schweizer Herdenschutzhunde. „Wenn sich der Wolf an das Schaf als leichte Beute gewöhnt hat, dann jagt er nicht mehr das Reh im Wald“, hat Sachsens Umweltminister Frank Kupfer (CDU) erkannt. Und der Räuber werde sich immer näher an Ortschaften wagen. Mitte August war das der Fall, als Wölfe in Halbendorf/Spree — ebenfalls im Landkreis Bautzen gelegen — sich ganz nah an Wohnhäuser heranschlichen, um Schafe zu reißen. Auch den Fall des jetzt in Wittichenau eingefangenen, viereinhalb Monate alten Welpen dürfte es nicht geben. Denn wie die Wolfsexperten versichern, verlassen so junge Tiere eigentlich nicht das Revier des Rudels. „Es muß endlich Schluß sein mit der Hege und Pflege von gefährlichen Wildtieren“, fordert der ostsächsische Bundestagsabgeordnete Henry Nitzsche (parteilos). Die Wölfe verlören offenbar ihre Scheu vor den Menschen. Nitzsche spricht das Schreckensszenario aus: Es sei nur eine Frage der Zeit, bis Schlimmeres passiert.

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