Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Schwarze Zukunftsmusik

Die deutsche Steinkohleförderung scheint keine Zukunft mehr zu haben. Bis 2018 soll nach dem Willen der Bundesregierung sowie der Ländern Nordrhein-Westfalen und Saarland die Subventionierung der Bergwerke auslaufen (JF 6/07). Weltweit dagegen erlebt – angesichts der drastisch gestiegenen Öl- , Gas- und Uranpreise – das einstige Symbol der industriellen Revolution eine Renaissance. Auch in in Deutschland sollen wieder neue (allerdings Import-)Kohlekraftwerke gebaut werden sollen, etwa im Berliner Bezirk Lichtenberg durch den schwedischen Energiekonzern Vattenfall. Dieser Plan stößt jedoch auf Widerstand. Denn Kohle setzt beim Verbrennen Kohlendioxid (CO2) frei. Das ist im Hinblick auf die aktuelle Debatte um den Klimaschutz ein schwer zu vermittelnder Nebeneffekt. Effizienzsteigerungen bei Kohlekraftwerken begrenzt Vor diesem Hintergrund erhielt die Konferenz „Eurocoal 2007“, die Ende Februar in Berlin stattfand, besondere Bedeutung. Vertreter von führenden Kohleproduzenten und -verbrauchern trafen sich, um über die Zukunft des „schwarzen Goldes“ zu sprechen. Von besonderer Bedeutung – was die Zukunftsfähigkeit der Kohle als Energieträger betrifft – war der Beitrag von Reinhardt Hassa, Vorstandsmitglied von Vattenfall. Beleuchtete er doch die technischen Möglichkeiten und Grenzen der CO2-Reduktion. Konnte in der Vergangenheit der Kohleverbrauch nur durch Effizienzsteigerung gesenkt werden – so arbeiten moderne Kraftwerke mit einem Wirkungsgrad von 42,8 Prozent, was eine deutliche Verbesserung gegenüber rund 35 Prozent von vor über zehn Jahren darstellt -, sieht Hassa das zukünftige Steigerungspotential konventioneller Kohlekraftwerke nur noch im Bereich weniger Prozentpunkte. Einen möglichen Ausweg versprechen neue Technologien, die das CO2 aus den Abgasen trennen und lagerungsfähig machen. In diesem Zusammenhang stellte Hassa das Experimentalkraftwerk „Schwarze Pumpe“ in Südbrandenburg vor, das „wahrscheinlich schönste Kraftwerk der Welt“. Da das aufwendige Verfahren den Wirkungsgrad jedoch wieder um rund zehn Prozent verringert, dürfte es in ökonomischer wie ökologischer Hinsicht bestenfalls „Zukunftsmusik“ darstellen, wie ein Teilnehmer meinte. Auch sprechen erhebliche prinzipielle Schwierigkeiten gegen diese Technologie (JF 24/06). So dürfte das größte Hindernis der Umgang mit dem gewonnenen CO2-Gas sein, fallen doch erhebliche Mengen an. Eine Möglichkeit, die derzeit das Geophysikalische Institut Potsdam in Brandenburg erprobt, besteht darin, das CO2 in unterirdische Gasspeicher einzulagern. Aber ob diese Methode wirklich eine Lösung darstellt, ist fraglich. Denn die geeigneten Gesteinsschichten sind nur in endlicher Menge vorhanden. China verbraucht die Hälfte der weltweiten Kokskohle Auch die Folgen für die Umwelt noch nicht abzusehen. Immerhin verringerte sich bei einem ähnlichen Experiment in den USA der pH-Wert des Tiefenwassers so dramatisch, daß das darüberliegende Gestein durch das „kohlensaure“ Wasser rissig wurde. Der Umgang mit Kohle wird also auch in Zukunft noch für viele politische Spannungen sorgen. Zumal er auf absehbarer Zeit im Energiehaushalt vieler Staaten als erhebliche Größe fest eingeplant ist, wie durch verschiedene Darstellungen der Tagungsteilnehmer ersichtlich wurde. Die Zukunft der Kohle selbst liegt aber auch im Ungewissen. Nachdem der Weltmarkt in der Vergangenheit erheblich durcheinander gewirbelt wurde, sprechen nun einige Indizien für eine Beruhigung. Verursacher war auf der Verbraucherseite der gewachsene Energiehunger der chinesischen Stahlindustrie, wie Jim Lennon, Analyst der Macquarie Bank, deutlich machte. So wird seit 2006 über die Hälfte des weltweiten Kokskohleverbrauchs für die Stahlproduktion in China konsumiert. Eine drastische Entwicklung, die jeder unterschätzt hat, wie Ralph Leszczyński, Chef von Banchero Costa, freimütig bekannte. Doch auch hier würde sich der Kokshandel in absehbarer Zeit beruhigen, wie Leszczyński anhand der weltweit auf Kiel gelegten Kohleschiffe aufzeigte. Als Kohleproduzent trat in den vergangenen Jahren zunehmend Australien in den Vordergrund, das seit Ende der achtziger Jahre weltgrößter Kohleexporteur ist. Eine Entwicklung, die sich fortsetzen dürfte: Colin Randall, Chef von C. Randall & Associates und im Vorstand verschiedener Kohleunternehmen, erläuterte die Dimension der ehrgeizigen Pläne. Hatte Australien vergangenes Jahr noch 127 Millionen Tonnen Kokskohle verschifft, so wird für 2010 eine jährliche Lieferung von bis zu einer Viertelmilliarde Tonnen angestrebt. Dann könne man Kohle sogar bis nach England liefern, wie Randall nur halb im Scherz in Hinblick auf die traditionsreiche Produktion des kolonialen Mutterlandes äußerte. Wie der Energiemarkt in einem Jahrzehnt aussieht, weiß aber niemand – auch die Prognosen von Anfang den neunziger Jahre haben sich als falsch erwiesen. Die meisten Kohlereserven lagern weder in Australien noch China – Rußland verfügt über ein Viertel der weltweiten Kohlelagerstätten. Im Internet: www.euroforum.com/eurocoal Europäischer Stein- und Braunkohleverband: www.euracoal.be Foto: Kraftwerk Jänschwalde: Der Umgang mit Kohle wird wegen des CO2-Ausstoßes in Zukunft noch für viele politische Spannungen sorgen

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