Zuviel Staub in der Luft

Luft ist nicht einfach nur Luft, und der darin schwebende Staub ist nicht einfach nur Staub. Durch die Luft atmen wir sehr unterschiedliche Partikel ein, die uns unterschiedlich stark belasten. Ganz „leere“ Luft gibt es natürlich nicht, aber die qualitativen Unterschiede sind doch gewaltig. Jeder kennt das Gefühl von Klarheit, wenn er in der frischen Bergluft ordentlich durchatmen kann. Und in einer stickigen Innenstadt möchte man förmlich die Luft anhalten. Eine neue Studie des Umweltbundesamtes (UBA) über die Luftqualität zeigt eine alarmierende Tendenz. Eine verschärfte EU-Richtlinie 1999/30/EG, die ab Januar 2005 in Kraft tritt, könnte zu weitreichenden Fahrverboten führen. Die sogenannte Schwerstaubkomponente PM10 macht im Mittel 80 Prozent der Masse des Gesamtstaubs aus. PM10 entsteht hauptsächlich bei Verbrennungsprozessen aus stationären und mobilen Quellen, bei Industrieprozessen wie etwa der Zementherstellung sowie bei der Behandlung und beim Transport staubender Güter. PM10 wird aber auch aus Gasen (beispielsweise Stickoxiden, Schwefeloxiden, Ammoniak) gebildet und hat natürliche Quellen. Die Gefahr bei Staubteilchen mit einem Durchmesser von weniger als zehn Mikrogramm besteht darin, daß sie toxische Luftschadstoffe absorbieren und als Aerosole in tiefere Lungenbereiche transportieren. Dort entfalten sie ihre schädliche Wirkung auf Atemwege und Herz-/Kreislaufsystem. Nachdem dieser Faktor immer bekannter wird, treten Feinstäube in der gesundheitspolitischen Diskussion immer mehr in den Vordergrund. Einiges wurde auch schon erreicht. So haben Verbesserungen in der Anlagen- und Luftreinhaltetechnik zu einer erheblichen Verminderung insbesondere der größeren Staubpartikel geführt. Die langjährigen Messungen belegen inzwischen einen deutlichen Rückgang der Gesamtstaub-Konzentrationen. Bundesweit treten heute großräumig PM10-Jahresmittelwerte zwischen 20 und 40 Mikrogramm pro Kubikmeter (µg/m3), lokal um 50 µg/m3 auf. Der in der EU-Richtlinie festgelegte Grenzwert von 40 µg/m3 als Jahresmittelwert wird trotzdem noch nicht durchgängig bundesweit eingehalten. Hinzu kommt, daß besonders das Wetter große Auswirkungen auf die Staubkonzentration hat. In den in der Studie untersuchten Jahren von 2000 bis 2003 kam es in Abhängigkeit von der Witterung zu unterschiedlich vielen und mehr oder weniger stark ausgeprägten PM10-Episoden. Die höchste Zahl von Episoden wurde mit 17 im Jahr 2002 festgestellt. Die höchste Zahl an Episodentagen wurde mit 95 Tagen 2003 gezählt. Auch die durchschnittliche Episodendauer von sieben Tagen sowie die maximale Episodendauer sind im Jahr 2003 höher als in den anderen betrachteten Jahren. Laut Richtlinie darf der Tagesmittelwert von 50 µg/m3 nicht öfter als 35mal im Jahr überschritten werden. Doch hohe PM10-Tagesmittelwerte mit Überschreitungen von mehr als 35 Tagen treten deutschlandweit, flächig, nicht nur an stark belasteten Stationen, sogenannten hot spots mit viel Verkehr und Industrie, auf. Im Vergleich zu den vergangenen drei Jahren sind an den einzelnen Meßstationen noch nie zuvor so oft an mehr als 35 Tagen PM10-Tagesmittelwerte über 50 µg/m3 beobachtet worden. Von insgesamt 366 ausgewerteten Stationen war das an 140 Stationen der Fall, was einen Anteil von 39 Prozent ausmacht. Die Höhe der PM10-Belastung wird in starkem Maße von den meteorologischen Bedingungen geprägt. Es geht also darum, wie schnell sich in die Atmosphäre eingebrachte Schadstoffe in ihr ausbreiten und verdünnen können. Weiterhin spielen Niederschlagsprozesse (Regen, Schnee, Nebel) eine Rolle. Hochdruckwetterlagen, wie sie vor allem im Winter vorkommen, die zusätzlich mit Temperaturinversionen verbunden sind, schränken den Austausch der Luft stark ein. Oft bewegt sie sich nur in einer vertikalen Schicht von weniger als tausend Metern. Doch in den Wintermonaten fahren wir mehr Auto und heizen vor allem auch unsere Wohnungen. Die Emission von Partikeln wird dadurch vermehrt. In Verbindung mit über mehrere Tage andauernden windschwachen Hochdruckwetterlagen, bei denen der Luftaustausch der unteren Schicht der Atmosphäre von den darüberliegenden Schichten abgekoppelt ist, kann es zusätzlich zum Ferntransport zu einer Anreicherung der Partikel innerhalb der Grundschicht kommen. Die Zunahme der Luftbelastung verwundert niemanden, wenn man sich die Verkehrszahlen für den gleichen Zeitraum anschaut. Besonders belastend dürfte dabei der Brummiverkehr sein, der seit der EU-Erweiterung stark zugenommen hat. Unverständlich angesichts der nachweislich schädigenden Partikel ist die Trägheit, mit der sich deutsche Autobauer dazu durchgerungen haben, Rußfilter in ihre Dieselmodelle einzubauen. Daß die Partikel- und Stickoxid- Problematik nicht nur ein reines Umweltthema ist, zeigt die Untersuchung von Heinz-Erich Wichmannfür die Gesellschaft für Strahlenforschung (GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit) in Neuherberg. Wichmann geht davon aus, daß von den 800.000 Todesfällen, die jährlich in Deutschland registriert werden, zehn- bis neunzehntausend den Abgasen aus Dieselfahrzeugen zu „verdanken“ sind. Man kann nur hoffen, daß die EU-Feinstaubrichtlinie ernster genommen wird als die Stabilitätskriterien des Euro.

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