LMV Diagnose PANikDEMIE

 

Historiker verteidigt umstrittenen Heimatdichter

Seit fast einem Jahr schwelte in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden ein politischer Streit über die NSDAP-Mitgliedschaft des Dichters und Pädagogen Rudolf Dietz, nach dem im Stadtteil Naurod eine Schule benannt ist. Ein paar der zahlreichen Verse des nassauischen Mundartdichters waren vom Wiesbadener Stadtarchiv als „eindeutig antisemitisch“ bewertet worden. Daraufhin setzte die übliche politisch korrekte Reaktion der im Rathaus vertretenen linken Parteien Linke Liste, Bündnis 90/Die Grünen und SPD ein, und der Stadtverordnetenausschuß für Schule und Kultur faßte den Beschluß, die Rudolf-Dietz-Grundschule umzubenennen (JF 29/04). Auf Vorschlag von Oberbürgermeister Hildebrand Diehl (CDU) sollte jedoch zunächst ein unabhängiges Gutachten eines renommierten Historikers eingeholt werden. Nachdem zunächst der an der Universität der Bundeswehr in München lehrende Michael Wolffsohn für diese Aufgabe vorgesehen war, dieser aber „aus Zeitgründen“ absagte, wurde der Historiker Peter Steinbach von der Universität Karlsruhe damit beauftragt, die inkriminierten Verse von Dietz zu untersuchen und ein Gutachten über den Dichter zu erstellen. Das liegt nun vor und ist ganz und gar nicht im Sinne der Dietz-Gegner ausgefallen. Nach Steinbach ist der Dichter höchstens als „Mitläufer“ anzusehen, er sei ein anerkannter und beliebter Pädagoge gewesen, nach dem man zwar heute „ohne Zweifel“ keine Schule mehr benennen würde, aber eine Umbenennung der Grundschule hält der Historiker für „in jedem Fall mißverständlich“. Ob die teilweise recht heftig geführte Auseinandersetzung mit dem Ergebnis des 5.000 Euro teuren und 33 Seiten umfassenden Gutachten nun ein Ende hat, wird man abwarten müssen. Steinbach, der kaum im Ruf steht, konservativ zu sein, empfiehlt, die Debatte als Chance zu verstehen, um den Dichter „in seiner Vielschichtigkeit, in seinen Leistungen, Grenzen, Versäumnissen, auch Blindheiten zu erörtern“. Selektiv belastende Stellen zusammengetragen Zwar sei dieser das „Produkt der antisemitisch geprägten, hessisch-nassauisch-preußischen Kultur“ gewesen, seine „monarchistische und dynastische Orientierung“ müsse jedoch vor dem Hintergrund gesehen werden, daß Dietz im Kaiserreich und in der Weimarer Republik sozialisiert wurde. Sein gesamter Nachlaß belege keinerlei aktiv-kämpferische antirepublikanische Gesinnung, sondern höchstens „eine gewisse Neigung zum Ressentiment“. Zudem sei der 1942 verstorbene Dichter allenfalls von „lokaler Bedeutung“ gewesen. Harsche Kritik übte Steinbach am Wiesbadener Stadtarchiv, das in vorauseilender politischer Korrektheit in seiner Stellungnahme nicht einmal „den Versuch einer Einordnung, Erklärung und Abwägung“ gemacht habe. Statt dessen habe man selektiv belastende Stellen zusammengetragen, was ihn an „das Plädoyer eines Anklägers“ erinnere, der nicht nach Gegenargumenten oder Erklärungen für Fehlverhalten suche. Ausdrücklich warnte er davor, die weitere Diskussion „selbstgerecht oder überheblich“ zu führen. Diese Warnung stieß bei den linken Gesinnungsprüfern auf taube Ohren. Einen Tag nach der Vorstellung des Gutachtens machten die Grünen klar, daß „ein einziges antisemitisches Gedicht“ ausreiche, um eine Schule nicht nach dessen Autor zu benennen, und auch für die SPD-Fraktion ist „der antisemitischen Mitläufer Dietz als Vorbild für die Jugend und als Namenspatron einer Schule ungeeignet“. Demgegenüber folgt OB Diehl dem Gutachten Steinbachs, wonach der Name der Grundschule beibehalten werden solle. Sinnvoll wäre es jedoch, am Beispiel von Dietz die Brüche von Charakteren im Jahrhundert der Diktaturen zu diskutieren und daraus Schlüsse zu ziehen, welchen Gefahren Menschen ausgesetzt sind, die sich leichtfertig dem Zeitgeist anpassen.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles