Joachim Kuhs

 

Ohne deutsche Industrie kein Wohlstand

Seit der britische Nationalökonom David Ricardo 1806 die „Theorie der komparativen Kostenvor-teile“ publizierte, hat sich weltweit vielerorts dessen These durchgesetzt, daß freier Außenhandel in allen beteiligten Ländern den Wohlstand kontinuierlich mehrt. Vorläufiger Höhepunkt des „Siegeszugs“ von Ricardos Vorstellungen war 1994 die Gründung der Welthandelsorganisation (WTO). Die WTO hat sich zum Ziel gesetzt, Zölle und wettbewerbsfeindliche Subventionen so weit wie möglich abzubauen, so daß Hoch- und Niedriglohnländer in einen unverzerrten Wettbewerb treten. In Deutschland ist es aufgrund eines Exportbeitrags von 37,3 Prozent zum Bruttosozialprodukt (2004) und bei einem Welthandelsanteil von zehn Prozent bisher fast ein Tabu, die wirtschaftliche Globalisierung in Frage zu stellen. Und die deutsche Außenhandelsbilanz (die allein im ersten Quartal 2005 mit 43,2 Milliarden Euro im Überschuß war) stützt die These, daß Deutschland zumindest bis jetzt zu den Gewinnern der Globalisierung gehört. Außenhandelsbilanz noch mit Milliarden im Überschuß Die deutschen Ausfuhren stiegen im ersten Quartal 2005 um 4,7 Prozent auf 185,5 Milliarden Euro gegenüber dem ersten Quartal 2004. Die Exporte in die EU erhöhten sich um 4,7 Prozent auf 119,6 Milliarden Euro, die nach Rußland sogar um 9,2 Prozent auf 3,6 Milliarden Euro. Bei den Exporten nach Japan gab es ein Plus von 4,6 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro, bei den Ausfuhren in die USA ein Plus von 1,1 Prozent auf 15,8 Milliarden Euro. Nur bei den Ausfuhren nach China sank der Wert der versendeten Waren um 9,1 Prozent auf 4,6 Milliarden Euro. Trotz all der positiven Zahlen kann die Globalisierung mittel- und langfristig für Deutschland auch bedenkliche Auswirkungen haben: – Globalisierung bedeutet sinkende Realeinkommen in Hochlohnländern. Je stärker und länger die Volkswirtschaften miteinander verflochten sind, desto mehr bewirkt das Durchschlagen des Wettbewerbs in immer mehr Bereiche eine Angleichung der Lohnkosten auf mittlerem Niveau. Heute können in Deutschland kaum noch Textilien weltmarktfähig herstellt werden, demnächst kann dies auch für das große Segment der klein- und mittelpreisigen Autoindustrie (VW, Opel, Ford) gelten. – Löhne wachsen weltweit viel zu langsam, um rechtzeitig den Druck von unseren Arbeitskosten nehmen zu können. Der ländliche Raum etwa in Osteuropa, China oder der Türkei hält ein nahezu unerschöpfliches Arbeitskräftereservoir für die Industrie vor. In China sind heute noch 49 Prozent der Erwerbstätigen (etwa 365 Millionen) im Agrarsektor tätig. Deutschland beschäftigt in diesem Sektor noch 2,4 Prozent. Produktionstechnisch mögliche Lohnzuwächse werden durch dieses langfristig weiter bestehende Überangebot an Arbeitskräften deutlich gebremst. – Arbeitsplätze werden auch verlagert, weil kein Unternehmer glaubt, bei sinkenden Realeinkommen noch Mitarbeiter motivieren zu können. Die Unfähigkeit der Politik – aber auch der Wähler -, sich mit der Verteilung des „Weniger“ konstruktiv auseinanderzusetzen, beschleunigt die Abwanderung des Kapitals. Lieber bauen Global Players Werke dort auf, wo sie jedes Jahr fünf Prozent Lohnerhöhungen gewähren können, als dort, wo sie jedes Jahr fünf Prozent kürzen müßten. Daß sich der demographische Niedergang Deutschlands Jahrzehnte früher und stärker bemerkbar machen wird als der anderer OECD-Länder, wird die Absetzbewegung des Faktors Kapital zusätzlich beschleunigen. – Kein materieller Wohlstand ohne industrielle Kerne. Wohlstand entsteht dauerhaft nur dort, wo auch Massenproduktion stattfindet. Eine Dienstleistungsgesellschaft kann nur um industrielle Kerne herum wohlhabend sein, die durch hohe Produktivität mittels Maschineneinsatz große Mengen an Gütern bereitstellen. Daran ändern auch Einzelbeispiele wie Irland nichts, das als kleines – EU-subventioniertes – Land seinen Wohlstand überwiegend in der Informationstechnik-Nische entwickeln konnte. – Innovation allein gewährleistet in Hochlohnländern keine Massenbeschäftigung mehr. Neue Produkte können nicht mehr für Vollbeschäftigung in Deutschland sorgen, da nicht mehr nur die Herstellung bestimmter Produkte, sondern branchenübergreifend „die Produktion an sich“ ins Ausland verlagert wird. So ist der Anteil der im Ausland zugekauften Vorleistungen in der deutschen Exportbilanz seit 1991 von 27 Prozent auf 40 Prozent angestiegen. Der von ifo-Chef Hans-Werner Sinn geprägte Begriff „Basarökonomie“ verdeutlicht dies. Weite Teile der Wertschöpfung sowie deren Zuwachspotentiale wandern damit ins Ausland. Auch fehlen neue Technologiebereiche, die patentgeschützte Massenproduktionen erwarten lassen. Oder sie werden wie die Gentechnik von einer schwarz-grünen „Koalition“ blockiert. – Mit diesem Pisa-Niveau wird Deutschland im internationalen Wettbewerb nicht bestehen können. Langfristig wird sich der relative Wohlstand eines Landes in der Welt an den Rang im Bildungsvergleich und an das Vorkommen natürlicher Ressourcen angleichen. Eine satte Erbengeneration in Deutschland – in Verbindung mit einer immer größeren Schar an Zuwanderern aus Ländern ohne Bildungsethos – versäumt es, ausreichend in ihre Ausbildung und Arbeitsdisziplin zu investieren. Entsprechend wird sie im internationalen Standort-Wettbewerb zurückfallen. – Zu glauben, Deutschland könne Fertigungen verlagern und zum reinen Entwicklungsstandort werden, ist lediglich ein Mythos. Wenn die Produktion abwandert, folgen auf Dauer auch die Entwicklung und andere wertschöpfungsintensive Bereiche. Produkt- und Produktivitätsverbesserungen brauchen den Fertigungsbezug – in Deutschland verbleibende „Modellwerkstätten“ sind kein Ersatz dafür. Zudem gibt es mit steigender Exportorientierung den Trend, auch mit „intelligenten“ Leistungsbereichen ins Ausland zu gehen. Schließlich setzt sich die Erkenntnis durch, daß man „in den Märkten für die Märkte“ Forschung und Entwicklung betreiben muß. Internationalisierung steigert die Kapital-Anonymisierung – Je anonymer das Kapital wird, desto leichter entzieht es sich der sozialen Verantwortung. Die Umwandlung einer unternehmergeprägten in eine managergeführte Volkswirtschaft wird die Loyalität des Faktors „Kapital“ zum Standort weiter schwächen. Die Internationalisierung und Anonymisierung der Firmeninhaberschaft – auch wegen mangelnden Nachfolgeinteresses der Erbengeneration in Deutschland – bringt ein erhöhtes Risiko der Gewinnoptimierung um jeden Preis mit sich. – Lohndumping wird in den reichen Ländern das globale Geschäftsmodell. Der Reichtum wird in den nächsten Jahren vor allem durch systematisches Ausnutzen von Arbeitskostenunterschieden gemehrt. Dies geschieht vollständig zu Lasten der inländischen Wertschöpfung von Hochlohnländern. Insbesondere US-Kapitalinvestoren (Franz Münteferings „Heuschrecken“) funktionieren nach dem Prinzip, Firmen aufzukaufen und Wertsteigerungen und Gewinne durch Produktionsverlagerungen in kurzer Zeit zu realisieren. Hedgefonds kapitalisieren weltweit 750 Milliarden US-Dollar, was den gesamten weltweiten jährlichen Auslandsinvestitionen aller Staaten entspricht. Auch andere international agierende Firmen mit einmal gewonnenen Arbeitsplatzverlagerungserfahrungen können heute mit Hilfe hochentwickelter Informationstechnologie relativ schnell Produktionen erneut verlagern. Durch das Ende des Kommunismus und die Öffnung Asiens haben sich die Investitionsmöglichkeiten vervielfacht. – Langfristig werden China, Indien und andere Länder ihren Größenvorteil gegen uns ausspielen. Diese Länder werden – wie einst Japan – in immer mehr Bereichen von der verlängerten Werkbank zum Technologieführer. Schon heute bilden diese Länder mehr Ingenieure aus als die USA – und sie können ihre Forschung künftig über eine ganz andere Binnenmarktgröße finanzieren. Die dort entstehenden Zukunftsprodukte wird der Westen dann teuer bezahlen müssen. Die Chance, technologieführend zu bleiben, verspielen Länder wie Deutschland übrigens auch dadurch, daß 40 Prozent der Akademiker heute kinderlos bleiben – und somit die Karte „Vorsprung durch Aufwachsen in einem Wissenshaushalt“ immer weniger sticht. Zudem wird durch die Entwicklung von Ländern wie China und Indien die weltweite Rohstoffnachfrage so in die Höhe getrieben, daß ein rohstoffarmes Land wie Deutschland spürbar mehr für Energie und Rohstoffe ausgeben muß. Die Erhöhung der Rohölpreise um 70 Prozent im Jahr 2004 war ein Vorgeschmack. Die Ricardo’sche These, daß Welthandel immer für alle Beteiligten von Vorteil ist, läßt sich im heutigen weltwirtschaftlichen Kontext aus deutscher Sicht – trotz aller Exporterfolge – wegen resultierender zwangsläufiger Massenarbeitslosigkeit langfristig so nicht aufrechterhalten. Fotos: Arbeiterinnen in chinesischer Textilfabrik in Huaibei/Provinz Anhui: Zu glauben, Deutschland könne allein Fertigungen verlagern und zum reinen Entwicklungsstandort werden, ist lediglich ein Mythos

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