Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

die US-Rückkehrer und das Exzellenzcluster

Ziemlich dröhnend kommentiert Wirtschaft & Wissenschaft, das Mitteilungsorgan des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft, in seiner neuen Ausgabe (2/05) den Umstand, daß immer mehr einst in die USA gegangene deutsche Wissenschaftler nach Deutschland zurückkehren und noch mehr gerne zurückkehren möchten, vorläufig aber noch vor den Schwierigkeiten zurückschrecken. „Den Koffer schon gepackt“, lautet die Titelgeschichte, und das Titelblatt ziert ein knallgelber, bereits ordentlich fürs Einchecken markierter Reisekoffer neben einem nicht weniger gelben, für die Fahrt zum Flughafen startbereiten New Yorker Taxi. Im Heft äußern sich Experten wie Peter Gaehtgens, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Max Huber vom Deutschen Akademischen Austauschdienst, der Biochemiker Wolfgang Benz, ein prominenter Rückkehrer, der jetzt an der Berliner Charité arbeitet. Man ist sich einig, daß man eigentlich schon seit längerem nicht mehr von einem ost-westlichen „Brain Drain“ sprechen kann, vielmehr von einem „Brain Traffic“ sprechen sollte, einem Hin und Her, bei dem zur Zeit eindeutig das „Her“ überwiege, eben der Drang zurück auf den alten Kontinent. Als Gründe werden genannt „die schwindende Liberalität in den USA“ (Gaehtgens), die immer stärkere „Militarisierung der Forschung“ drüben (der Physiker Pukhov), das rapide Anwachsen behördlichen Mißtrauens gegen alle Ausländer, das sich z.B. in äußerst restriktiven Visa-Vergaben niederschlägt (Huber). Ein Kapitel für sich die aufgedonnerte, viele Energien verschlingende Public Relations, die jedes College für sich veranstaltet, obwohl es oft nicht einmal an die Qualität einer ganz gewöhnlichen deutschen Fachschule heranreicht. Es verhält sich ja keineswegs so, daß drüben alles „Harvard“ und „Ivy League“ (Efeu-Liga) ist, wie es vielen erscheinen mag. Die schiefe Optik entsteht, weil sich faktisch jedes trübe College zum vornehmen Efeu-Haus aufbläst und schöne Titel und Zertifikate vergibt. Manche deutsche Doktoren und Diplomanden gehen gern an ein solches College, um der dortigen Titel und Zertifikate habhaft zu werden und dann damit auf ihren Internetseiten und bei ihren Bewerbungen in der alten Heimat zu prunken und zu punkten. Wissenschaftlich, so wissen sie wohl, sind sie auf einem Abstellgleis, auf dem sie nur versauern würden. Der Sprung zurück nach Deutschland wird jedoch immer schwieriger, denn hier gibt es einen gewaltigen Bewerber-stau, der immer mehr anschwillt, je mehr die Kultusbürokratien in den Ländern und im Bund herumpfuschen. „Bachelor“-Abschluß statt Vordiplom, „W3“ statt C4, „Juniorprofessor“ statt Habilitation, „Exzellenzcluster“ statt herkömmlichem Forschungsetat – alle diese Großtaten haben keine einzige zusätzliche Professur geschaffen, sie haben lediglich den Zugriff der staatlichen Bürokratie auf die Universitäts-Institute gesteigert, und zwar ins schier Unerträgliche. Der Frust bei den Bewerbern ist groß. Allein schon die Zeit, die sie zum Verstehen und Ausfüllen der diversen Bewerbungsunterlagen benötigen, kann ihnen jeglichen Mut rauben, ob sie nun von draußen oder von drinnen kommen. Und bei den Auswärtigen wird zusätzlich die Einsicht fällig, daß sie unter Umständen zu spät nach Hause kommen, daß sie inzwischen ziemlich unerwünscht geworden sind. Die zu Hause gebliebenen Kollegen haben zwar fast alle eine ölige „weltoffene“ Rhetorik, schwärmen von „unersetzbaren Auslandserfahrungen“ und „frischem Blick von jenseits der Grenzen“, aber in der Praxis schotten sie sich – was bleibt ihnen auch anderes übrig – immer fester vor Newcomern ab, verteilen die Posten nach Stallgeruch und guten Beziehungen zur örtlichen Bürokratie. Das geht hier und da schon so weit, daß sie sich kaum noch trauen, einen Ruf etwa von Greifswald nach Kiel oder von Marburg nach Heidelberg anzunehmen. Man erleidet unter Umständen horrende Status-Verschlechterungen. Kein Universitätssenat und kein Minister kann bei Berufungs- oder Bleibeverhandlungen mehr verläßliche Zusagen betreffs zusätzlichen Forschungsspielraums bzw. zusätzlichen Gehalts machen. Alles ist abhängig von hyperbürokratischen Regelungen, die zudem in einer Sprache formuliert sind, welche in ihrer Phrasenhaltigkeit geradezu gespenstisch wirkt. Die Bürokratie schreibt – in verquollenen Phrasen – genau vor, was der Kandidat künftig herauszukriegen hat. Wozu dann überhaupt noch Wissenschaft, wenn die „Bewerbungscluster“ alles schon viel besser wissen? „Effizienz“ heißt das Wort, das die Bürokratentexte durchtost, und man tut so, als lasse sich die Effizienz auf Punkt und Komma genau ausrechnen und vorausplanen. Man droht regelrecht mit der Effizienz, wie einst die SED-Funktionäre in der DDR den Wissenschaftlern und Arbeitern mit „Planziffern“ drohten. Im Grunde sind diese staatlich fabrizierten deutschen Forschungs-Förderungs-Regelungen nichts weiter als eine einzige Mißtrauenserklärung gegenüber der Wissenschaft. Nicht Exzellenz ist die Parole, sondern Gehorsam, Kuschen, Durchschnitt. Schlechte Zeiten für Globetrotter. Insofern kommt die Rückkehrwelle der deutschen Wissenschaftler aus den USA vielleicht zur falschen Zeit. Das wäre tragisch. Die Rückkehrer sollten sich auf jeden Fall gegen mißliche Erfahrungen wappnen, auch skeptisch bleiben, schon wenn sie die Bewerbungsunterlagen entgegennehmen. Die Bürokraten werden ihnen dann sagen, das seien „Cluster“, Bewerbungscluster. Und da heißt es: Vorsicht! An sich ist „Cluster“ für Amerikaner ein eher anheimelndes Wort, es heißt Büschel, Strauß, vor allem Traube, Früchtetraube. Und die meisten Früchte schmecken bekanntlich süß. Sie haben aber fast alle einen harten, für Menschen ungenießbaren Kern, den man nur ausspucken kann.

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