Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Wetterschäden statt Urlaubssonne

Klima gibt es nicht, es gibt nur Wetter – sagen Kritiker der globalen „Glashaustheorien“. Sie wittern hinter den Studien, die eine stete Erwärmung der Erde prognostizieren, eine „Klimalüge“, mit der sich nicht zuletzt trefflich Geld verdienen läßt – etwa durch den „Emissionshandel“. Die meßbaren Veränderungen werden als normal verbucht. Denn das Wetter sei nun mal wechselhaft, daher gebe es eben mal harte und mal wärmere Winter, so die Kritiker. Die im August vorgestellte Studie „Impacts of Europe’s changing climate“ der Europäischen Umweltbehörde (EEA) in Kopenhagen wiederlegt die These vom unberechenbaren Auf und Ab der Temperaturen. Vielmehr kommt der EEA-Bericht zu dem Schluß, daß es vor allem in Europa immer wärmer wird. Eismassen in den Schweizer Alpen verschwinden Die in Zusammenarbeit mit dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), dem Forschungszentrum Karlsruhe (FZK) und der Klimaforschungsabteilung der Universität Norwich (CRU) erstellte Studie beschreibt den aktuellen Klimawandel, seine Auswirkungen in Europa und liefert Projektionen der zukünftigen Entwicklung. Die Beschreibung erfolgt anhand von 22 ausgewählten Indikatoren aus verschiedenen ökologischen und gesellschaftlichen Bereichen. Als Grundlage dienen langjährige Datenreihen, die auf wissenschaftlichen Beobachtungen in verschiedenen europäischen Ländern beruhen, und Computermodelle, die mögliche zukünftige Klimaveränderungen und ihre Auswirkungen simulieren. Während die Durchschnittstemperatur weltweit in den vergangenen einhundert Jahren um 0,7 Grad Celsius zugelegt hat, beträgt dieser Wert für Europa 0,95 Grad Celsius. Voraussichtlich wird sich die Temperatur bis zum Jahr 2100 weltweit zwischen 1,4 und 5,8 Grad Celsius erhöhen – in Europa aber um 2,0 bis 6,3 Grad Celsius. Die Studie prognostiziert dramatische Folgen. Schon jetzt zeigten Aufnahmen aus dem All, daß die Eisfläche der Polarregion in dem Zeitraum zwischen 1978 und 2003 um mindestens sieben Prozent abgenommen hat. Zwischen 1971 und 1994 nahmen auch die schneebedeckten Tage um über eine Woche ab. Der Rückzug der Gletscher scheine ein unaufhaltbarer Prozeß zu sein. Bis zum Jahr 2050 sollen 75 Prozent dieser Eismassen in den Schweizer Alpen verschwunden sein. Das bedeutet nicht nur große Veränderungen für die Umwelt, sondern beeinflußt auch im erheblichen Maße die Wintersportindustrie. Denn in den tiefergelegenen Bergregionen wird der Schneefall zunehmend unvorhersehbar und seltener. Die Hälfte der Schweizer Skiregionen wird daher schließen müssen. In Deutschland, Österreich und den Pyrenäen droht das gleiche Schicksal für fast zwei Drittel der Pisten. Bis zum Jahr 2080 soll es praktisch keine richtigen Winter mehr geben. Die EEA-Untersuchung bekräftigt erneut: Im Vergleich zu den Jahrzehnten zuvor verdoppelten sich in den neunziger Jahren die Zerstörungen, die durch Unwetter verursacht wurden. Jedem dürfte die Elbeflut im August 2002 noch in Erinnerung sein. Dabei starben 38 Menschen, Hunderttausende waren von den Überschwemmungen unmittelbar betroffen. Im gleichen Jahr waren aber auch Österreich, die Tschechei, Süddeutschland, die Slowakei und Ungarn von ähnlichen Fluten betroffen – über 80 Menschen starben, die Schäden lagen EU-weit bei -zig Milliarden. Ein Jahr später verwandelte sich der Kontinent in einen Glutofen. Ansonsten verregnete Städte in Deutschland wie etwa das nordhessische Kassel erstrahlten in mediterranem Glanz. Was gut war für den heimischen Tourismus und Bierverbrauch, entpuppte sich in den Südländern als Mordmaschine: Mehr als 20.000 Menschen – vor allem ältere – starben an den unmittelbaren Folgen der Hitzewelle. Wasserknappheit breitet sich bald auch in Europa aus In Zukunft soll es immer wieder zu ähnlichen Todeswellen kommen. Die wirtschaftlichen Schäden dieser Veränderungen haben in den vergangenen 20 Jahren stetig zugenommen. Während früher im Durchschnitt pro Jahr weniger als fünf Milliarden Euro für „Wetterschäden“ bereitgestellt werden mußten, beträgt diese Summe inzwischen mehr als 11 Milliarden Euro pro Jahr. Doch die Veränderungen haben auch ihre positiven Seiten. So nimmt die Vegetationsphase in Europa stetig zu, zwischen 1962 und 1995 um ganze zehn Tage. Nur wo das Wasser knapp wird, bringt diese Entwicklung praktisch keine Vorteile, sondern erhöht vielmehr den Streß der Pflanzen. So geschehen in dem heißen Sommer 2003, als die Ernteerträge im EU-Durchschnitt deutlich zurückfielen. Positiv in diesem Zusammenhang ist die vermehrte Verfügbarkeit des klimarelevanten CO2-Gases. Es sorgt in Verbindung mit der längeren Wachstumsphase bei den Pflanzen dafür, daß mehr Biomasse aufgebaut werden kann – rein theoretisch könnten die Ernteerträge also höher ausfallen. Aufgrund der klimatischen Veränderungen erlebte der Kontinent in der Zeit zwischen 1990 und 1998 eine CO2-Senke. Es wurde mehr Kohlenstoff gebunden als freigesetzt. Die Aufnahmefähigkeit scheint aber an ihre Grenzen zu stoßen. Ein heute noch unwägbares Problem bedeutet das Vorrücken von Krankheitserregern, die bisher nur in tropischen Gegenden bekannt waren. Eine ältere Analyse des Umweltbundesamtes (UBA) zeigt, daß wärmeliebende Krankheitsüberträger und -erreger bereits nach Deutschland oder in unsere Nachbarstaaten eingeschleppt worden sind. So wurde die ursprünglich in Asien beheimatete Tigermücke (Aedes albopictus), ein Überträger des Dengue-Fiebers, bereits in Frankreich und Italien entdeckt. In Deutschland wurde eine hier bisher unbekannte Sandmückenart (Phlebotomus mascittii) gefunden sowie die Phlebotomus perniciosus, ein aus Süd- und Südwesteuropa bekannter Überträger der Leishmaniose. In der Tat sind in Deutschland bereits einzelne Leishmaniose-Infektionen bei Mensch und Tier aufgetreten, die nicht als „Reiseandenken“ mitgebracht worden sind. Bei aller Kritik, die man an den Analysen und Computersimulationen der EEA üben kann, wird man die Tendenz der Veränderungen nicht leugnen können. Die Regierungen der EU-Länder sind aber weit davon entfernt, einen konkreten und einheitlichen Maßnahmenkatalog durchzusetzen, um die Bedrohung abzuwenden. `

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