Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Fortschritt nicht gewollt

Wer nicht gerade mit Buchlizenzen oder Übersetzungsrechten handelt, kann sich den Weg zur Frankfurter Buchmesse sparen. Die Gegensätze könnten nicht krasser sein. Frankfurt: vollgestopfte Messehallen, eng, nüchtern, Menschenmassen durchpflügen die Bücherstände. Dagegen Erlangen: romantisch verklärte Ouvertüre zum Bücherherbst im Schloßgarten. Bänke und Stühle im Park – wer will, kann die letzten warmen Sonnenstrahlen im Spätsommer genießen und den Dichtern lauschen. Ein Kosmopolit könnte freilich einwenden, daß Frankfurt immerhin eine Metropole sei, Erlangen dagegen nur Provinz. Solche Aussagen erheitern den Frankfurter Schriftsteller Wilhelm Genazino: „Wenn die Frankfurter ihre Stadt Mainhattan bezeichnen, dann beweisen sie damit nur, daß sie noch nie in New York waren. Der Vergleich mit Manhattan ist geradezu lächerlich.“ Der Georg-Büchner-Preisträger 2004 weiter: „Ich schätze den Provinzialismus – und Landstriche, die den Fortschritt einfach nicht wollen. Zum Beispiel Erlangen mit grandios rückständigen Modegeschäften: Ein Ladenfenster ist mit einer vanillegelben Bluse dekoriert, das andere mit einer roten Bluse gleichen Zuschnitts – Zeugnisse einer stehengeblieben Zeit. Und dabei ist den Ladenbesitzern ihr Widerstand gegen die moderne Zeit gar nicht bewußt“, schmunzelte Genazino, früher Redakteur beim Satiremagazin Pardon. Auch vorwiegend heiter präsentierte sich Harald Martenstein, Redakteur beim Berliner Tagesspiegel. In seinen Kurzgeschichten „Vom Leben gezeichnet. Tagebuch eines Endverbrauchers“ schimpft er auf unverschämte Verkäuferinnen in Berlin, entschuldigt sich für seine Mitgliedschaft beim ADAC und wundert sich, wie schwierig es sei, in Berlin Kokain zu kaufen – wie habe das Michel Friedman eigentlich geschafft? Im Anschluß an seine Lesung erzählte Markenstein, daß er wöchentlich eine Kolumne für Die Zeit abliefern müsse. „Das ist zwar nicht ganz einfach, aber es gibt ja genügend Tabus in Deutschland.“ Besonders dem deutsch-jüdischen Verhältnis würde etwas Humor nicht schaden. „Stellen wir uns vor, jeder von uns findet in seiner Verwandtschaft eine jüdische Urgroßmutter. Wären die Deutschen dann plötzlich alle Juden?“ Auf dem 24. Poetenfest in Erlangen vom 27. bis 29. August lasen achtzehn Autoren aus ihren Neuerscheinungen – zum Beispiel aus „Thomas Gottschalk. Die Biographie“. Darin beschreibt Gert Heidenreich nicht nur den Lebenslauf des angeblich „beliebtesten Deutschen“, sondern skizziert ein Deutschland-Porträt, das sehr detailliert das musikalisch-politische Umfeld der fünfziger und sechziger Jahre erkundet. Heidenreich tat sich sichtlich schwer, Gottschalks Erfolg zu erklären. Dessen eigene Erklärung: „Das hab‘ ich mir so zusammengeschwätzt“, befriedigte Heidenreich nicht ganz. Ein ganz anderes Kaliber an Literatur signalisierte Paul Nizon – ein Pariser Schriftsteller deutscher Sprache mit Schweizer Paß, wie er sich selbst nennt. „Ich bin la Republique Nizon“, sagte er einmal, um seinen autonomen Standpunkt zu markieren. Als Schriftsteller übernehme er keine Propaganda- oder Sprachrohraufgaben. Ihm gehe es nur um den inneren Zwang zu schreiben, „ein manisches Aufschreiben“. Er weigerte sich immer, über Weltkriege und Wirtschaftswunder zu schreiben – auch in den sechziger und siebziger Jahren, als politische Schriftsteller wie Heinrich Böll, Günter Grass und Martin Walser das Geschehen dominierten. „Mit meinem Stil war ich damals vollkommen alleine. Es war nicht leicht, Herrn Unseld vom Suhrkamp-Verlag zu überzeugen“, erzählte der nobelpreisverdächtige Nizon.

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