Zeitung machen mit Florett und Degen

Am Anfang steht der Mittwoch – jedenfalls, wenn man als Redakteur bei der JUNGEN FREIHEIT arbeitet. JF-intern ist er eigentlich als schöner Tag zu bezeichnen, dieser Mittwoch. Arbeitsbeginn ist dann nicht wie an anderen Wochentagen um 9 Uhr, sondern eine Stunde später. Und auch, was den Feierabend angeht, kann der JF-Redakteur ziemlich sicher sein, daß sein Arbeitstag um 18 Uhr endet – nicht erst um 19 Uhr wie am Montag. Oder gar noch viel später wie am Dienstag, an dem zwar eigentlich auch um 19 Uhr Schluß ist. Aber der Dienstag ist anders. Er steht bei der JF am Ende der Woche und bedeutet damit Redaktionsschluß. Zu ihm sei später mehr gesagt, zurück also zum Anfang, dem Mittwoch. Auch der ist irgendwie anders. Er beginnt, wie gesagt, um 10 Uhr. Doch zumindest einmal im Monat steht für den Anfang eigentlich eine andere Uhrzeit: 13.30 Uhr. Dann ist Mifri-Sitzung. Mifri, das heißt mittelfristige Blattplanung. Welche Schwerpunkte sollen für die kommenden Ausgaben gesetzt werden? Die Meinungen darüber gehen natürlich weit auseinander. Die Christenverfolgungen? Das Dilemma an den Hochschulen? Die Energiekrise? Die Debatte ist eröffnet, die verbalen Florette geschärft. Hinein geht es in den Nahkampf um die Themen. Und je kontroverser die Meinungen der Redakteure aufeinanderprallen, um so robuster verläuft die Diskussion. Die Dezibel-Zahl erhöht sich proportional zur Raumtemperatur, während sich der Sauerstoffgehalt kontinuierlich verringert. Das führt dazu, daß schon mal das verbale Florett abgelegt und erst gegen den Degen, dann gegen den Säbel eingetauscht wird. Nehmen die Diskussionen überhaupt kein Ende und rückt die Hoffnung auf Ergebnisse in weite Ferne, kommen die Primärwaffen zum Einsatz: Axt und Keule bringen etwaige Streithähne auseinander. Die Axt durchtrennt den bereits vollkommen verknoteten Diskussionsfaden, per Keulenschlag wird die Debatte für beendet erklärt, um endlich mit der Besprechung der aktuellen JF-Ausgabe beginnen zu können. Erst am späten Nachmittag steigt über dem Konferenzraum weißer Rauch auf. Die meisten Weichen für die kommenden vier Ausgaben sind gestellt, wenn auch nicht alle. „Schauen wir mal, was sich die nächsten Tage noch so ergibt“, lautet dann meist der salomonische Satz des stellvertretenden Chefredakteurs Thorsten Thaler, mit dem die Konferenz dann doch zu einem Ende gelangt. Von nun an ist viel Arbeit angesagt. Anrufe bei potentiellen Autoren, Recherchen beginnen, Interviewpartner müssen gefunden werden. Währenddessen starten auch im Layout die Überlegungen zur Blattaufteilung und Gestaltung. Müssen Sonderseiten angelegt werden? Welche Bilder passen zu den Texten? Brauchen wir Graphiken? Ebenso wort- und gestenreich wie detailversessen erklärt Auslandsredakteur Jörg Fischer den Layouterinnen Ines Lischewski und Daniela Lemke die geopolitische Weltlage, um doch eigentlich nur sagen zu wollen, er brauche für seine Seite eine Karte von der Ukraine. Donnerstag. Für jeden Redakteur beginnt er mit dem Abruf der E-Mails – ein Prozedere, das dauern kann. Zu viele Mitteilungen bombardieren das Posteingangsfach. Da sind Auslese und Katalogisierungen gefragt. Da gibt es zum einen die informativen Nachrichten. Viele davon schicken die Kollegen selbst: Mitteilungen darüber, was die Konkurrenz gerade so geschrieben hat, interessante Hintergründe über zeitungsrelevante Themen. Dann gibt es die aufbauenden Mails von Lesern: „Super, ich wußte gar nicht, daß es so eine Zeitung gibt.“ Oder: „Nach Eurer Berichterstattung bin ich ein treuer JF-Leser geworden, macht weiter so.“ Dann gibt es die niveaulosen Schreiben. Wie etwa das von einer Frau Professor Dr. Claudia Zenker, die etwa zur junggrünen Fahnenschändung schreibt: „Einen derart gravierenden geistigen Dünnschiß habe ich ja noch nie gesehen. (…) Euch sollte man nach Guantánamo schicken und nicht unter 10 Jahre schwerster Folter entlassen – Ihr Drecksbrut.“ Nicht zu vergessen die zahlreichen Spammails, die sich trotz entsprechendem Filter immer wieder ihren Weg in den Posteingang bahnen. Und so kommt es, daß die Uhr nach Mail-Lektüre und Korrespondenz schon wieder 10 anzeigt: Redaktionskonferenz. Höchste Konzentration ist gefragt – schon bei der Auswahl des Sitzplatzes am Redaktionstisch. Vor allem da. Denn jeder Redakteur hat seinen ganz persönlichen Platz, den er zu verteidigen gedenkt. „Wir sind schließlich eine konservative Zeitung“, heißt es dann, und zuweilen fällt auch noch die eine oder andere launige Bemerkung. Ein Verstoß gegen das ungeschriebene Gesetz der Platzzuteilung wird mit strafenden Blicken des betroffenen Redakteurs quittiert. . Ohne lange Vorworte beginnt die Konferenz. Wer schreibt den Aufmacher, und wann ist er fertig? Ein Interview-partner hält die JF hin, überlegt noch, ob er sich äußern möchte oder nicht. Was soll kommentiert werden? Die Finanzkrise? Der Gaza-Konflikt? Oder doch lieber etwas anderes? Auf einem Blatt Papier sind zwei Dutzend Kästchen aufgemalt. In ihnen sind die Themen und Autoren der jeweiligen Ausgabe vermerkt. Die Rede ist vom Seitenspiegel, den der Chef vom Dienst Matthias Bäkermann auf jeder Konferenz in aktualisierter Form austeilt. Die Schrift in den Kästchen ist noch fast überall dünn. Will heißen: Bis jetzt sind noch nicht sonderlich viele Artikel geschrieben. Ist die Konferenz vorbei, dauert es auch nicht mehr lang, bis in den einzelnen Büros das Telefon klingelt. Der Gesprächsteilnehmer am anderen Ende der Leitung sagt weder seinen Namen, noch hält er sich mit großen ausschweifenden Artikulierungen auf. Stattdessen schnarrt nur ein einziges Wort aus der Muschel des Telefonhörers. Es ist laut, deutlich, fordernd, unmißverständlich und weder Aufschub noch Widerspruch duldend: „Eßbefehl“. Punkt zwölf stürmt ein Großteil der Redakteure in eine nahegelegene  Senatskantine. Die Fraktionen sind schnell gebildet. Da gibt es die Festesser und die Eintopfesser, die Schnellesser und die Genießer, die Trinker und die „Trockenen“. Gegessen wird gemeinsam. Die Tische sind dafür gerade erst zusammengeschoben, da hat die Schnellesser-Fraktion ihr Mahl auch schon beendet. Der Genießer erfreut sich nun der erhöhten Aufmerksamkeit der kompletten Schnellesser-Fraktion, die geduldig dessen letzte Gaumenfreuden vor dem Leeren des Tellers mitverfolgt. Hat auch er sein Besteck aus der Hand gelegt, wechseln die Blicke schlagartig zu Jörg Fischer. Als dem Ältesten in der Runde obliegt ihm die Vollziehung des geheimen Klopfzeichens. Zwei dumpfe Schläge auf den Tisch ertönen, die dazu führen, daß sich die komplette JF-Riege von den Stühlen erhebt und sich die Mittagsrunde auflöst. Der Nachmittag bricht herein: Telefonate führen, Artikel schreiben, recherchieren, Fotos sichten. Während die die Zeit schnell vergeht, nimmt die zeitung langsam, aber sicher Gestalt an. Freitag. Vorfreude kommt auf. Das Wochenende ist nah, der Arbeitstag kurz. Um 14.30 Uhr ist heute bereits Schluß. Doch gleichzeitig ist es auch ein Tag der ersten Abgabefrist. Auslands-, Wirtschafts- und Hintergrundseite müssen Punkt 10 Uhr fertiggestellt sein. Bis 12 Uhr muß zudem der Kulturteil der Zeitung stehen. Ungeduldig wartet die Schlußredakteurin Silke Lührmann auf die ersten fertigen Seiten. Entsprechend anders klingen nun auch die Gespräche während der Redaktionskonferenz. „Warum ist der Beitrag noch nicht da?“ Oder: „Der Text kann so nicht veröffentlicht werden, da muß mit dem Autor noch mal drüber gesprochen werden.“ Und: „Der Interviewpartner hat abgesagt.“ Trotzdem werden in den Kästchen des Seitenspiegels die Lettern dicker, fertige Texte vermehren sich. Wochenende. Auch wenn die Redaktion samstags und sonntags geschlossen ist: So ganz ohne Dienst geht es nicht. Parteitage, Kongresse oder Demonstrationen finden vorzugsweise an Wochenenden statt. Jetzt sind Besuche vor Ort notwendig, um aktuell und nah vom Geschehen zu berichten. Bei besonders brisanten Veranstaltungen öffnet die JF dann auch schon mal ihre Redaktionspforten zum Wochenende. So geschehen während des Anti-Islamisierungskongresses im  September vorigen Jahres in Köln. Dabei hielt Online-Redaktionsleiter Marcus Schmidt die Stellung in den Räumen der JF, während zwei Reporter vor Ort waren und ihn über das aktuelle Geschehen per Telefon, SMS und MMS auf dem laufenden hielten. Kurzerhand wurden die Ereignisse in Zeitungsmeldungen verfaßt und mit aktuellen Fotos vom Geschehen ins Internet gestellt. Montag. Kult-Comic-Kater Garfield haßt ihn. JF-Redakteure auch. Erster Arbeitstag der Woche. Und lang ist er dazu. Von 9 bis 19 Uhr Dienst. Die Atmosphäre ist angespannt. Der Eintritt in die heiße Phase der Zeitungsproduktion beginnt. Alle zehn Redakteure sind jetzt gefordert, um die 20, 24 oder manchmal sogar 28 Seiten umfassende neue JF-Ausgabe pünktlich fertigzustellen. Hierfür sind klare Organisationsstrukturen und eingespielte Arbeitsabläufe gefragt. Noch immer herrscht keine Einigkeit über die Karikatur-Zeichnung auf Seite 2, ein Kurzkommentar ist schon seit langem überfällig. Ein neuer Interviewpartner ist noch immer nicht gefunden. Immer wieder hagelt es Absagen von der Prominenz. Es besteht Gesprächsbedarf, kleine Diskussionsrunden entstehen. Gegen Abend lösen sich die Probleme. Für die Karikatur liegt inzwischen eine Neuzeichnung vor. Auch der Kurzkommentar ist mittlerweile eingetroffen. Und ein angefragter Interviewpartner hat nun doch noch seine Zusage gegeben. Dafür ist das Internet vorübergehend ausgefallen. Ein Problem, das umgehend behoben werden muß. Dienstag. Der entscheidende Tag in der JF-Redaktion. Von jetzt an gibt es keine Ausflüchte mehr. Der Adrenalinspiegel steigt, die Schlußredakteurin fragt nach weiteren fertigen Seiten, der Chef vom Dienst macht Druck. Bis 19 Uhr muß alles fertig werden. Eigentlich. Doch nicht immer läßt sich dieses ehrgeizige Ziel verwirklichen. Manchmal ist es nur eine Seite oder ein einziger Text, der dazu führt, daß die Ausgabe noch nicht abgeschlossen werden kann. Ab 19 Uhr erfolgt dann unweigerlich der sehnsüchtige Blick zum Telefon verbunden mit der alles umfassenden Frage: Wann kommt der Freiruf? Rein technisch gesehen ist mit dem Freiruf gemeint, daß alle Seiten vom Layout korrekt bei der Druckerei angekommen sind, womit der Produktionsablauf innerhalb der Redaktion beendet ist. Rein praktisch bedeutet es dagegen für die Redakteure, daß soeben ein langer Arbeitstag zu Ende gegangen ist. Jedenfalls dann, wenn es sich nicht um den ersten Dienstag im Monat handelt. Denn dann steht nach der Arbeit noch der Autoren-Stammtisch auf dem Programm. In geselliger Runde wird sich bei einem, zwei oder mehr geistigen Getränken mit den externen Schreibern ausgetauscht, Kritisches angesprochen, Verbesserungsvorschläge diskutiert. Doch während der Dienstschluß am Dienstag heute nur noch selten die 20 Uhr-Marke überschreitet, kam es noch vor wenigen Jahren durchaus vor, daß bis nach Mitternacht an der endgültigen Fertigstellung der Ausgabe gefeilt wurde. „So manches Mal haben wir hier noch um halb eins gesessen. Ich durfte dann aber gehen, weil ich meine letzte S-Bahn erreichen mußte“, erinnert sich Curd-Torsten Weick, verantwortlicher Redakteur für die Seiten Meinung, Hintergrund sowie Zeitgeist und Medien. Heute sind die Produktionsabläufe dagegen  professioneller, die Arbeitsabläufe routinierter geworden, wenngleich sich Politik-Redakteur Marcus Schmidt noch manches Mal verärgert die Frage stellt, warum Franz Müntefering ausgerechnet immer an einem Dienstag von seinem Amt zurücktritt. Und wie bei jeder Zeitung gibt es auch bei der JUNGEN FREIHEIT hin und wieder einmal Pannen. So etwa, als auf einer Landkarte der jüngsten JF-Ausgabe die Weichsel statt in die Ostsee in Richtung Schwarzes Meer zu münden schien und ihre Quelle plötzlich irgendwo in der Nähe der Stadt Thorn lag. Oder etwa, als der Pontifex auf einmal zu einem dem Asterix-Buch entsprungenen Pontefix mutiert war. Die aber wohl größte Herausforderung in den vergangenen fünfzehn Jahren: die Terroranschläge auf das Word Trade Center von New York sowie auf das Pentagon am 11. September 2001. Es war – wie sollte es anders sein – ein Dienstag. „Es war so gegen 15 Uhr, als Günther Zehm in der Redaktion anrief und uns über den Anschlag auf das World Trade Center informierte“, erinnert sich der Chef vom Dienst, Matthias Bäkermann. Die Büros waren damals noch nicht mit Internet ausgestattet, so daß niemand die Nachrichtenmeldungen aus den USA mitbekommen hatte. Rasch wurde der Fernseher im Konferenzraum eingeschaltet. Immer wieder bildeten sich kleine Grüppchen vor dem Gerät, ans Arbeiten war zunächst nicht zu denken. „Etwa eine Stunde lang waren alle wie paralysiert“, beschreibt Bäkermann die damalige Situation unter den Kollegen. Erst kurz nach 16 Uhr sei man wieder in der Lage gewesen, an die Zeitungsproduktion zu denken. Kurzerhand wurde ein neuer Aufmacher konzipiert, Moritz Schwarz besorgte im Schnellverfahren einen neuen Interviewpartner. „Bis in die späte Nacht wurde an der Ausgabe gearbeitet“, sagt Bäkermann. Die Redaktion hatte damals nur aus sieben Redakteuren bestanden. „Vor allem war ja niemandem klar, ob nicht noch mehr passieren würde“, schildert er das damalige Dilemma. Erst gegen zwei Uhr morgens war die Arbeit endlich beendet. Fotos: Konferenzraum, voll besetzt: Curd Torsten Weick, Christian Rudolf, Felix Krautkrämer, Jörg Fischer, Matthias Bäkermann, Dieter Stein, Thorsten Thaler, Marcus Schmidt, Hinrich Rohbohm, Moritz Schwarz (v. l. n. r.); Reporterin Anni Mursula: Wochenendeinsätze bei Auswärtsterminen sind an der Tagesordnung; Hereinspaziert! Offene Eingangstür der JF-Etage am Hohenzollerndamm, wo die JF seit Oktober 1996 ihren Sitz hat; Redakteur Moritz Schwarz: Wöchentlich muß ein aktuelles Interview für die Seite 3 geführt werden. Jedes Gespräch wird aufwendig autorisiert.

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