Kein Weißbier ohne eine Virginia

Das Freizeitverhalten der Deutschen verändert sich. War früher ein Großteil unserer Mitbürger in Vereinen aktiv (die berühmte deutsche Vereinsmeierei), so schwindet diese Zahl heute zusehends. Über ein Drittel aller Vereine sind Sportvereine, gefolgt von Tierschutzvereinen und Vereinen der Gesangs- und Musikpflege sowie der Heimat- und Brauchtumspflege. Zwar gibt es immer noch etwa 300.000 Vereine in Deutschland, und man schätzt, daß um die 60 Prozent der erwachsenen Bevölkerung in einem Verein ist. Insbesondere die traditionellen Vereine leiden allerdings unter Mitgliederschwund und Überalterung. Soziologisch ist das mit der Individualisierung der Lebensstile schnell erklärt. Lebenszeit und Lebensenergie bindende Kollektiv-Veranstaltungen bei Feuerwehr, Heimat- und Gesangvereinen sind zunehmend out. Organisierte Geselligkeit ist mit Verpflichtung und Bindung verbunden, die mit dem vorherrschenden hedonistischen Individualismus nicht ohne weiteres in Einklang zu bringen sind. Allenthalben wächst an die Stelle dessen eine „Event-Geselligkeit“ (Stadtteilfeste, Straßenfeste), eine Vergesellung auf Zeit, die anlaßbezogen ohne weitere Verpflichtungen sporadisch und spontan eingegangen wird und jederzeit den Rückzug in die Privatsphäre ermöglicht. In der freizeitsoziologischen Diskussion ist man sich dabei nicht einig, ob der Rückgang des Engagements in Vereinen mit einem Niedergang generell der altruistischen Werteverbindlichkeit verbunden ist oder ob sich dahinter lediglich eine Verschiebung der Gemeinschaftsideale  zugunsten spontaner, offener, temporärer Assoziationen verbirgt. Auch in der Gastronomie weiß man ein Lied von der Veränderung der Freizeitaktivitäten zu singen. Die Zahl der Wirtshausbesucher sinkt ständig, ganze Dörfer und Landstriche sind mittlerweile ohne Gaststätte und Wirtshaus. Dabei waren früher Wirtshäuser — ganz besonders in Bayern — Orte der kontinuierlich gesuchten Geselligkeit, sei es organisiert im Verein oder individuell am Stammtisch. Das Wirtshaus war insbesondere im ländlichen Raum eine eigentümliche Melange zwischen privat und öffentlich: Als Privatperson betrat man das Wirtshaus und wurde sofort zum Akteur in einem verdeckten öffentlichen Raum mit eigenen Regeln und Verhaltenszumutungen. Die soziale Stellung wurde gleichzeitig respektiert und relativiert (nur Honoratioren kamen an den Stammtisch, dort konnte man allerdings über alles reden „wie einem der Schnabel gewachsen ist“). Hier erfuhr man Neuigkeiten aus dem Dorf oder dem Stadtteil und war über den Nachbarzaun hinaus mit den Mitbewohnern einer Gemeinde bekannt und verbunden. Das Wirtshaus sicherte ein informelles Netz von lokalen Sozialbeziehungen. So wurde auch und gerade in den Wirtshäusern kleine Kommunalpolitik gemacht, man wußte, was die Nachbarn dachten, und jeder geschickte Lokalpolitiker hat den so erfahrbaren common sense berücksichtigt und abgerufen. Mit der Mutation der Dörfer und Vorstädte zu Schlafstädten und Eigenheim-Aggregationen ohne gegenseitigen sozialen Bezug der Bewohner geht eine Kultur der Vorverständigung verloren, die für die Meinungsbildung der Menschen von unschätzbarem Wert war. Ohne lokale Orte der Begegnung — was Wirtshäuser nun einmal waren und sind — geht ein ganzes Medium der Meinungsbildung verloren, das in einer gewissen kathartischen Wirkung zwischen dem bloß individuellen Meinen und der Meinungsindustrie der gesellschaftlichen Großmedien (vom Fernsehen bis zur Zeitung) steht. Hier die ungezügelte Massenkommunikation der Großmedien, dort der Rückzug der Kommunikation in die Privatheit des Hauses und der Restbestände von Kleinfamilie. Die geballte Macht der Großmedien trifft so ungefiltert auf das ungeschützte Individuum. Die Meinungsbildung in der klassischen Dorfgaststätte war intermediär: Sie lag genau in der Mitte zwischen Individualismus und industrieller „Meinungsmache“, der das Individuum ansonsten  schutzlos ausgeliefert ist. Individuelle Meinungen werden an ein lokales Kollektiv zurückgebunden; das Individuum findet neben der gesellschaftlichen Meinungsinszenierung der Großmedien einen zweiten Ankerpunkt, der zumindest das Durchhalten von abweichenden Optionen zur Meinungsindustrie wahrscheinlicher werden läßt. Fällt diese intermediäre Instanz auf Dauer aus, steht das Individuum schutzlos vor den Wortkaskaden und der Bilderflut der gesellschaftlich organisierten Meinungsmacht. Es muß mehr oder weniger das glauben, was man ihm glauben machen will. Soziologisch ist die Meinungsbildung in intermediärer Form, also in kleinen Interaktionsgruppen, gar nicht hoch genug einzuschätzen. Denn wie die Soziologin und Kommunikationswissenschaftlerin Margot Berghaus betonte, liefern die Massenmedien mit ihrem unbegrenzten Informationsangebot keinerlei Selektionskriterien, welche Informationen richtig, wichtig oder gut sind — das muß das Individuum für sich selbst herausfinden. Alleine ist es mit dieser Selektionsaufgabe aber völlig überfordert. Also erfragt es die Meinung von vertrauenswürdigen Mitmenschen, das heißt die über Massenmedien vermittelte Massenkommunikation wird anhand direkter, interaktiver Kommunikation eingeschätzt. Die altbewährte Kommunikation von Mensch zu Mensch ist die Rettung: „Hier wird besprochen und seligiert, welcher Film gut, Schauspieler schön, Fernseh-Talk frech, Werbe-Spot witzig, Musiker cool und Presseartikel interessant ist.“ Berghaus resümiert: „Zu Zeiten der globalen, universellen Kommunikationserweiterung und -veränderung verliert die altbewährte, nahe, interpersonelle Kommunikation — die Interaktion unter Anwesenden — nicht an Bedeutung, sondern im Gegenteil: sie gewinnt an Wichtigkeit als Selektionsinstanz.“ Doch was ist, wenn solche Orte, an denen direkte Kommunikation ermöglicht wird, zunehmend von der Bildfläche verschwinden? Das Kneipen- und Wirtshaussterben ist zumindest ein Indiz dafür, daß öffentliche Räume der direkten Kommunikation auf dem Rückzug sind, daß sich Kommunikation ohne Zwischeninstanzen polarisiert: hier die ungezügelte Massenkommunikation der Großmedien, dort der Rückzug der Kommunikation in die Privatheit des Hauses und der Restbestände von Kleinfamilie und deren Substitute. Die geballte Macht der Großmedien trifft so ungefiltert auf das ungeschützte Individuum. Es läßt sich vermuten, daß diese Entwicklung in Zeiten der Political Correctness vielen Politikern nicht ungelegen kommt; vielleicht steckt so auch hinter dem Kneipensterben Methode. Der mit Flaschenbier vorm Fernseher seine Freizeit verbringende isolierte Zeitgenosse ist mediengerecht ohne meinungskontaminierende Zwischeninstanzen an den medialen mainstream angedockt, er ist der ideale Medienkonsument; Widerstand ist da nicht viel zu erwarten. Deswegen sind Stammtische bei Politikern auch höchst unbeliebt. Sie sind Meinungsgeneratoren, die eigenständig sind und sich dem Szenario der massenmedialen Domestizierung nicht ohne weiteres fügen. Stammtische sind relativ offene Foren der Meinungsbildung mit ungewissem Ausgang des Disputs, und deswegen behindern sie geradezu den Transport von vorgefertigten Meinungen vom Meinungsproduzenten zum Konsumenten. In Stammtischen wird die „große“ Politik lebensweltlich und mit lokalem Bezug auf die erfahrbare Dimension der Normalbürger heruntergebrochen. Man könnte auch mit dem US-amerikanischen Soziologen Amitai Etzioni sagen: Die Politik wird „kommunitaristisch“ übersetzt, sie wird in ihrer Relevanz für die Gemeinde evaluiert. Referenzgröße des Stammtisches ist dabei der „gesunde Menschenverstand“, was auch immer darunter verstanden wird und wurde. Mit dieser Stilisierung des gesunden Menschenverstandes kann man der Eigenlogik des Politischen etwas entgegensetzen, wobei die lokale Eingebundenheit gerade als Zeichen eines bodenständigen Vernunftgebrauchs interpretiert wird. Der Politik kann man von dieser Position aus permanent den Vorwurf machen, den bodenständigen Kontakt verloren zu haben. Rational und akzeptierbar ist diese nur, wenn sie sich in rituellen Zyklen (meist vor Wahlen) dem unter anderem in Stammtischen geoffenbarten gesunden Menschenverstand zumindest symbolisch unterwirft. Was hat das alles mit den erdrutschartigen Verlusten der CSU bei der bayeri­schen Landtagswahl zu tun? Sehr viel, wenn man seinen Blick von den Parolen der unmittelbaren politischen Auseinandersetzung löst und die Voraussetzungen der politischen Kommunikation — in Bayern und anderswo — analysiert. Da ist zunächst festzuhalten, daß es bisher der CSU immer gelungen war, den oben beschriebenen kommunitaristischen Rückbezug auf die lokalen und lebensweltlichen Deutungen der Bürger zu vollziehen: Die CSU-Politik war zuerst Politik für Bayern, stand immer in einer gewissen Spannung zum mainstream der Bundespolitik und brachte in diese einen weiß-blauen Lokalbezug ein. Da sie dies in der „großen“ Politik vollzog, war sie von Anfang an stammtischgeeignet, weil dieser in der lokalen Rückübersetzung des Politischen dem gleichen Interpretationsmuster folgte. Die CSU-Politik hatte dadurch einen Erkennungswert in den Stammtischrunden und konnte ohne große Übersetzungsprobleme behandelt werden. In den letzten Jahren ist offensichtlich diese kommunitaristische Dimension der CSU-Politik verlorengegangen. Die CSU mutierte zu einer Staatspartei, die sich zwar an den Ränkespielen der großen Politik in Berlin relativ erfolgreich beteiligte, aber dabei den lokalen Rückbezug völlig aus den Augen verlor; nicht umsonst sind die großen Wahlgewinner die unabhängigen Wählervereinigungen, die alle einen starken lokalen und regionalen Bezug aufweisen. Die „staatstragende“ Rolle der CSU beschränkte sich in letzter Zeit darauf, die Beschlüsse und Gesetze von der Europa- und Bundesbühne auf die bayerische Landesebene mehr oder weniger durchzuwinken. Bei Migranten, aus dem Osten Zugezogenen und bei vielen Jugendlichen kann man mit dem „bayerischen Bezug“ nicht mehr punkten. Gleichwohl sind die Wahlverluste auf dem Land beträchtlich. Dies spricht für die starke Relevanz des „Stammtischfaktors“. So hat also die CSU die Deutungshoheit über die Stammtische verloren, ja, sie hat diese einstige Quelle ihrer Verwurzelung durch bürokratische Überreglementierungen wie die rigidesten Antiraucherverordnungen in ihrer Wirkweise beschnitten. In Oberbayern ist am Stammtisch ein Hefeweizen ohne eine Virginia kaum verstellbar. Natürlich gibt es neben dem Verlust der Deutungshoheit über den Stammtischen noch andere Gründe für die Implosion dieser Volkspartei. Da sind die Kabale- und Ränkespiele um die Stoiber-Nachfolge zu nennen (also parteiinterne Fehler), da sind aber auch sozialstrukturelle Faktoren zu berücksichtigen wie etwa die sich langsam aber stetig vollziehende Transition der Bevölkerung insbesondere in den städtischen Ballungsgebieten. Bei eingedeutschten Migranten, vielen aus dem Osten Zugezogenen, bei vielen Jugendlichen kann man mit dem „bayerischen Bezug“ nicht mehr punkten. Gleichwohl bleiben die Wahlverluste im ländlichen Raum beträchtlich. Dies spricht für die starke Relevanz des „Stammtischfaktors“. So hat nunmehr auch die CSU das Schicksal ereilt, das der Politologe Thomas Meyer für die Politik insgesamt diagnostizierte: Zwischen Politik und Lebenswelt der Bürger klaffen zunehmend große Abgründe. Politik findet keinen Anschluß mehr an die lebensweltlichen Probleme der Bürger. Meyer nennt vier Gründe für diese Legitimationskrise des Politischen: 1.) Die fortschreitende Professionalisierung der Politik mit der Ausbildung einer politischen Klasse von Mandatsträgern und Amtsinhabern führt dazu, daß der Perspektivwechsel in die Lebenserfahrung des Regiertwerdens nicht mehr nachvollzogen werden kann. 2.) Der Bürger wird in eine Publikumsrolle gedrängt, die keine Möglichkeit der Mitsprache und des Mitregierens eröffnet. 3.) Der durch Kompromißdruck der vielfältigen Einzelinteressen ausgestaltete Politiktypus bietet kaum noch Möglichkeiten der Re-Identifikation für den Bürger. 4.) Der Faden zwischen den großen Entscheidungen der Politik und der Evidenz der Folgen für den Bürger reißt. Die Welt des Politischen wird unübersichtlich, und rationale Gründe, warum so und nicht anders entschieden wurde, sind nicht mehr auffindbar. Erst wenn die CSU-Politik wieder „stammtischtauglich“ wird, also in der politischen Diskussion im vorpolitischen Raum zustimmende Resonanz findet, wird sie in Bayern wieder mehrheitsfähig sein — der Austausch von Führungspersonal, wie jetzt erfolgt, ist dagegen nachrangig. Konzeptionelle Rückbindung an das Meinungsspektrum der Bürger ist gefragt. Es bleibt zu hoffen, daß ihre große Schwesterpartei davon lernt.   Prof. Dr. Jost Bauch lehrt Soziologie an der Universität Konstanz. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt über Tibet und das Entrüstungsbedürfnis („Medial vermittelte Fernmoral“, JF 19/08).

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles