Hypermoral und Weißwäscher

Auf der Rückfahrt von einer Podiumsdiskussion beim Institut für Staatspolitik (siehe Seite 4) komme ich mit einer Zuhörerin ins Gespräch. In der lebhaften Diskussion zuvor war es um das anhaltend schwierige Verhältnis von deutscher Identität, Vergangenheitsbewältigung und Patriotismus gegangen. Eine von mir vorgestellte These lautete: Es gibt die Notwendigkeit zu einer wohlverstandenen Historisierung, wie sie Ernst Nolte fordert. Die perverse Form einer politisch instrumentalisierten Vergangenheitsbewältigung darf gerade von nationalbewußten Konservativen aber nicht mit Schweigen beantwortet werden. Es fehlt uns oft die eigene Sprache für die geschichtliche Dimension der Verbrechen im Dritten Reich – oder unsere Sprache wird nicht deutlich genug wahrgenommen. Die Hypermoral der vorherrschenden Vergangenheitsbewältigung wird häufig von „rechts“ mit Zynismus oder Sprachlosigkeit erwidert. Die Frau erzählt mir, daß ihre beiden Söhne oft von der Schule zurückkommen und erschlagen sind von der „Holocaust-Education“, der ständigen Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg und deutscher Schuld. „Was soll ich da noch sagen?“ fragt sie ratlos. Sie könne nicht mehr, ihr fehlten auch die eigenen Worte. Sie sei auf der Suche. Und so geht es wohl den meisten Eltern. Das geschichtspolitische Trommelfeuer macht die Ohren taub. Im Jahr 2001 erschien ein Interview der Zeitschrift Max mit Anna Rau (Jahrgang 1983), einer Tochter des damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. Dort schilderte sie diesen Überdruß einer Schülerin an pervertierter Vergangenheitsbewältigung: „Ja, der Zweite Weltkrieg nervt mich extrem. Immer dasselbe. Man fängt an mit Hitler und dem rosa Kaninchen, dann kommt Anne Frank, dann schaut man ‚Schindlers Liste‘ am Wandertag. Im Konfirmanden-Unterricht nimmt man den Holocaust durch und in Geschichte sowieso. Man könnte fast sagen, man spricht in allen Fächern darüber. Da stumpft man irgendwie ab. Das ist einfach zuviel.“ Dieses von Anna Rau beschriebene Abstumpfen kann verschiedene Reaktionen auslösen: Viele wählen den Weg, ihre Identität als Deutsche abzustreifen. Sie sehen sich als „Europäer“, „Weltbürger“ oder erklären sich für „multikulturell“. Das entlastet, denn dann trifft der Schuldvorwurf „die anderen“. Der andere Pol der Abstumpfung wird gekennzeichnet durch einen radikalen Revisionismus, wie man ihn im Umfeld der NPD findet und wie ihn der soeben verurteilte Deutsch-Kanadier Ernst Zündel (siehe Seite 13) verkörpert, der eine Art Religion der historischen Weißwäsche des Dritten Reiches anbietet. Beide Pole, die hypermoralische Vergangenheitsbewältigung wie auch der aberwitzige Versuch, das Dritte Reich von seinem verbrecherischen Charakter zu befreien, sind Wege, die wegführen von einem gesunden Zugang zu unserer nationalen Identität. In seinem berühmten Aufsatz „Anschwellender Bocksgesang“ schrieb Botho Strauß über das „tremendum“, die Erschütterung, die Scham, in das die Verbrechen der Nazis die Deutschen stellen und die nicht „von ein, zwei Generationen einfach ‚abgearbeitet'“ werden könne. Ohne dies ist eine nationale Identität nicht zu haben. Treten wir an gegen Hypermoralisten und Weißwäscher.

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