Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Milliardenpoker um das schnelle Geld

Die von SPD-Chef Franz Müntefering geäußerte und auch international kontrovers diskutierte Kritik an der Macht des Geldes zielt im wesentlichen auf die Kreise der ausländischen Hochfinanz und im speziellen auf deren jüngste Ableger, die Hedge-Fonds-Industrie. So hatte das britische Investmentunternehmen TCI im Mai medienwirksam den Chef der Deutschen Börse Werner Seifert abgesetzt, nachdem unter dessen Führung die Übernahme der Londoner Börse (LSE) gescheitert war. Christopher Hohns TCI hatte die Macht dazu: Das 1990 unter dem Namen Frankfurter Wertpapierbörse AG gegründete und 1992 in Deutsche Börse AG umbenannte Unternehmen ist selbst börsennotiert. TCI und andere gleichgesinnte Anleger waren inzwischen Mehrheitsaktionäre geworden. Doch solch Säbelrasseln der Finanzmagnaten hat eher Seltenheitswert, die Manager bleiben lieber im Hintergrund und machen vornehmlich durch mehrstellige Rekordrenditen und künstlich hervorgerufene Marktbeeinflussungen von sich reden sowie durch ihre Saläre, neben denen unsere Wirtschaftsvorstände wie Hilfsarbeiter wirken. Doch woher kommen diese Hedge-Fonds, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden sprießen, wie funktionieren sie und wo steuern sie hin? Seit dem Platzen der Spekulationsblase an den globalen Aktienmärkten zur Jahrtausendwende sehen sich die enttäuschten Anleger nach „alternativen Investments“ um und folgen wieder Lemmingen gleich ihrem Rudeltrieb. Aktivität der Hedge-Fonds ist schwer zu durchschauen Schon der deutsche Bankier Carl Fürstenberg (1850-1933) resümierte einst: „Aktionäre sind dumm und unverschämt. Dumm, weil sie mir Geld überlassen, und unverschämt, weil sie auch noch eine Dividende dafür haben wollen.“ Da sich Hedge-Fonds gerade in Zeiten fallender Aktienmärkte bewährt und das schwierige Börsenumfeld zu exponentiellen Gewinnsteigerungen genutzt haben, ist die Verlockung des erneuerten Traums vom schnellen Geld natürlich groß. Galten früher selbst Aktienanlagen als exklusives Anlageinstrument für Betuchtere und Eingeweihte, erfreuen sich nun die Hedge-Fonds-Manager des Nimbus der Gralshüter. Manche ihrer Techniken sind dabei tatsächlich nur schwer nachvollziehbar, folgen jedoch dem Grundprinzip, daß aus sämtlichen Märkten, allen Marksituationen und jedwedem Trend Kapital geschlagen werden kann. Die Instrumente der Hedge-Fonds hierbei sind: – Optionen: Der Manager muß die Aktienmärkte auf ihre kurz-, mittel- und langfristigen Trends untersuchen und ihre empfindlichsten Punkte finden, um dann so schnell, brachial und breitenwirksam wie irgend möglich zuzuschlagen. Das passiert meist durch hochspekulative Options- und Termingeschäfte. Aktien selbst werden nur selten gekauft, da sich mit hebelwirksamen „Calls“ (Setzen auf steigende Märkte) und „Puts“ (Pokern auf abwärtsgerichtete Trends) mit vergleichsweise wenig Kapital überproportional viel Gewinn erzielen läßt. Abgesehen von dieser Hebelwirkung haben so auch andere Fonds als Trittbrettfahrer strauchelnde Aktien in einen Abwärtsstrudel katapultiert. Diese Kettenreaktionen schlagen oftmals so weitreichende Wellen, daß etliche Regeln und Weisheiten von Altmeistern wie André Kostolany nur noch bedingt gelten und die Börsen immer schwerer einzuschätzen, geschweige denn zu kontrollieren sind. – Long- und Short-Strategien: Das Management „leiht“ sich beim sogenannten „shorten“ gegen Gebühr eine Aktie (z.B. bei einer Investmentbank) und verkauft diese. Nach dem erhofften Sinken des Werts kauft man sie einfach zum niedrigeren Kurs und gibt sie anschließend zurück an den Verleiher. Soros verdiente binnen eines Tages zwei Milliarden Dollar – Arbitrage-Geschäfte: Preisunterschiede an verschiedenen Börsenstandorten untereinander werden, oftmals binnen weniger Minuten, für gewinnträchtige Transfers genutzt. Mitunter setzt man auch auf die in Wandelanleihen versteckten Margen. – Währungs-, Warentermingeschäfte und Rohstoffhandel. Die Fondslenker setzen bei dieser Technik, auch „global macro“ genannt, auf die mitunter sehr lukrativen Steigerungen durch weltweite Trends bei Rohstoffen, Devisen, Energieträgern und Waren. Wohl legendärstes Beispiel ist der Coup, bei dem Altmeister George Soros 1992 die Britische Notenbank in die Knie zwang und mit Spekulationen auf eine Abwertung des Britischen Pfunds binnen eines Tages zwei Milliarden verdiente. Der große Vorteil dieser Instrumente liegt dabei in der weitreichenden Freizügigkeit für das Management im Gegensatz zu denen klassischer Investments wie Aktien- oder Rentenfonds (Staatsanleihen). Steigen die Aktienmärkte, verzeichnen zumeist auch Aktienfonds selbst ohne handwerkliches Geschick Zuwächse, was nicht selten deren Verwalter obsolet erscheinen läßt. Bei sinkenden Kursen hingegen lassen sich Verluste durch den juristischen Zwang zum Festhalten an der Anlagestrategie nur schwer vermeiden, meist müssen die Anlagegesellschaften praktisch tatenlos zusehen. Rentenfonds erleben in diesen Zeiten eine Renaissance, können hingegen auf ihre schwindende Attraktivität bei Aktienbooms nur schwerlich eingehen, haben sich jedoch als eine der solidesten Anlageformen erwiesen. Ursprünglich waren Hedge-Fonds in den vierziger Jahren zur namensgebenden „Absicherung“ anderer Investments ins Leben gerufen worden, stiegen jedoch durch die mannigfaltigen Möglichkeiten langsam bis zu ihrem spektakulären Boom in der jüngsten Vergangenheit in der Gunst der Anleger auf. In Deutschland sind sie seit 2004 auch für Privatanleger erhältlich, unterliegen allerdings in Beratung und Bewerbung restriktiven Auflagen und Kontrollen durch das Bundesaufsichtsamt für Finanzdienstleistungen (BaFin), das sich aus den ehemaligen Aufsichtsämtern für Versicherungen und das Kreditwesen zusammensetzt. Zudem dürfen sie nur als „Dachfonds“ vertrieben werden, die zur Risikostreuung in die eigentlichen Zielfonds investieren. Durch die hohen Verwaltungsgebühren, Ausgabeaufschläge und erfolgsabhängigen Vergütungen schmelzen bei diesem Konstrukt jedoch die Erträge überproportional ab, so daß die eigentlich sehr intelligente Anlageform fast schon ad absurdum geführt wird. Selbst aktuelle Verluste bremsten den Zulauf nicht Weltweit setzt die klassische Klientel der Hedge-Fonds im großen Stil und mit der Finanzkraft milliardenschwerer Pensionsfonds und institutioneller Anleger wie Unternehmen, Versicherungen und Banken auf die Rendite-Wunderwaffen. Selbst ethisch und politisch korrekt aufgestellte Angebote zur Vermehrung des Kirchenvermögens sind keine Seltenheit mehr, doch auch vermögende Privatleute investieren mit wachsenden Volumen, wodurch Macht und Einfluß der Fondsgesellschaften wachsen. Fast könnte sich der Eindruck einstellen, die Finanzwelt habe die perfekte Geldanlage ge- und erfunden, hätten nicht die in den letzten Monaten nur schwerlich kalkulierbaren Börsen dem Erfolg eine Unterbrechung und den meisten Investments deutliche Verluste beschert, was dem Zulauf jedoch nur wenig Abbruch tut. Gefährlich wird es jedoch auch, wenn die durch die Fonds hervorgerufenen Marktschwankungen sich gegeneinander aufheben oder einer der Fonds pleite geht, was für heftige Kettenreaktionen sorgen kann, denn nicht immer können und wollen die Banken, die die oft genug auf Pump finanzierten Spekulationen mit Krediten versorgen, schützend eingreifen, um Schlimmeres zu verhindern. Neben dem verwegen bis amoralischen Ruf der Fondsmanager als gierige Finanzhaie, um die mit ihren Transaktionen jährlich Hunderte Millionen an Gehalt verdienen, traten anläßlich der Heuschreckendebatte auch Regierungskreise auf den Plan, die Möglichkeiten der Einflußnahme durch das mitunter gefährliche Aktionärsstimmrecht der Investmentfonds einzuschränken. Dennoch tendieren die Finanzexperten der Bundesregierung gegen Beschränkungen, weil diese aus ihrer Sicht den Wirtschaftsstandort Deutschland eventuell schädigen würde, obwohl sowohl Gerhard Schröder als auch Angela Merkel jüngst publikumswirksam Kritik am Spekulantentum anmeldeten. Andererseits gilt durch den bedenklich steigenden Einfluß der Hochfinanz mehr denn je das Motto „Geld regiert die Welt“. Foto: Parkett der Deutschen Börse in Frankfurt/Main: Hedge-Fonds-Manager bleiben lieber im Hintergrund und machen durch Rekordrenditen und künstlich hervorgerufene Marktbeeinflussungen von sich reden Stichwort: Hedge-Fonds Während Aktien und Rentenfonds schon seit vielen Jahren eine auch bei Privatleuten beliebt Anlageform waren, durften Hedge-Fonds bis 2004 in Deutschland nicht angeboten werden. Aus gutem Grund: Sie dürfen alle Arten von Finanzinstrumenten verwenden, auch hochriskante Derivate, Optionen oder Futures. Die meisten Hedge-Fonds sind entweder US-Kommanditgesellschaften oder „Offshore-AGs“ mit Sitz auf Steueroasen wie den Bahamas, den britischen Kanalinseln, Gibraltar oder den Kaimaninseln. Ursprünglich waren sie dazu gedacht, herkömmliche Fonds gegen Risiken abzusichern (to hedge = einhegen, umzäunen). Inzwischen sind Hedge-Fonds eine völlig eigenständige Anlageform mit sehr unterschiedlichen Risiken und Strategien. Die Fonds sind darauf angelegt, sowohl bei steigenden als auch bei fallenden Kursen, Gewinne zu erzielen. Etwa 7.000 Hedge-Fonds soll es derzeit weltweit geben. Diese sollen über eine Billion Dollar verwalten. Da die Hedge-Fonds auch immer mehr geliehenes Geld einsetzen und eine Pleitewelle unabsehbare Folgen für nationale Volkswirtschaften hätte, will die US-Börsenaufsicht SEC ab dem Jahre 2006 schärfere Kontrollen in Kraft setzen.

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