Joachim Kuhs

 

Für eine Renaissance der Mehrkindfamilie

Wir haben uns das Kinderhaben abgewöhnt“ – das ernüchternde Fazit, mit dem die Bevölkerungswissenschaftlerin Charlotte Höhn das Jahrestreffen der von ihr präsidierten Deutschen Gesellschaft für Demographie eröffnet hatte, wird durch eine vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) im Auftrag des Bundesinnenministers vorgestellte internationale Vergleichsstudie erhärtet. Fast zeitgleich mit Otto Schilys Alarmruf stellte Familienministerin Renate Schmidt das Gutachten „Nachhaltige Familienpolitik“ vor, in dem der Berliner Familiensoziologe Hans Bertram die Begründung für das „Elterngeld“-Konzept liefert und dafür plädiert, die Regierung müsse alles tun, um Menschen zur Familiengründung zu bewegen. Die Deutschen haben nicht nur weniger Kinder, sie wollen sie auch nicht – zu diesem Schluß kommt die BiB-Studie. Der durchschnittliche Kinderwunsch ist von 2,0 zu Beginn der neunziger Jahre auf 1,7 je Familie gefallen. Frauen zwischen 20 und 39 möchten im Schnitt nur noch 1,74 Kinder, Männer sogar nur noch 1,57. 14,6 Prozent der Frauen und 26,3 Prozent der Männer wollen sogar überhaupt keine Kinder mehr haben – noch vor 15 Jahren lagen die entsprechenden Werte bei 9,9 und 11,8 Prozent. Damit sei Deutschland zu einem „Ausnahmeland“ in Europa geworden, folgern die Autoren der Studie. Paradox an diesem Befund ist, daß den nachwachsenden Generationen von den Befragten nach wie vor ein hoher Stellenwert zugemessen wird. Die große Mehrheit wünscht sich, auch bei Hilfebedürftigkeit so lange wie möglich zu Hause leben und von Pflegediensten oder von den Kindern betreut zu werden. Die in Deutschland seit Jahrzehnten propagierte Ideologie des extremen Individualismus, die größtmögliche Selbstverwirklichung ohne Übernahme von Verantwortung zum Ideal erklärt, ohne auf die von traditionellen Werten vermittelten Vorzüge des Gemeinschaftslebens verzichten zu wollen, ist mithin an einem toten Punkt angelangt. Die Gesellschaft soll endlich Erziehungsarbeit anerkennen Daß die tatsächliche Geburtenrate von derzeit 1,3 Kindern pro Frau sogar noch unter den laut BiB-Studie 1,74 gewünschten Kindern liegt, hat daher weitreichende Folgen für die Ausrichtung der Familienpolitik. „Die häufig besprochene Spanne zwischen tatsächlicher Kinderzahl und Kinderwunsch, auf der viele familienpolitische Hoffnungen ruhten, deren geburtenförderndes Potential aber schon immer angezweifelt wurde, gibt es nicht mehr“, folgert die Studie. Und selbst wenn alle Frauen und Männer ihren Kinderwunsch vollständig verwirklichen könnten, würde die Bevölkerung noch immer schrumpfen, da dieser Wunsch von den notwendigen 2,1 Kindern pro Frau für einen Stop des Bevölkerungsrückgangs noch weit entfernt liegt. Passive materielle Anreize allein reichen also nicht mehr aus, um die Geburtenrate auf ein Niveau zu heben, das den Bestand der bisher gewohnten Lebensverhältnisse garantiert. Die Politik kann sich der Einsicht nicht länger verschließen, daß an aktiver Bevölkerungspolitik kein Weg vorbeiführt. Das Bertram-Gutachten aus dem Hause von Bundesfamilienministerin Renate Schmidt öffnet sich dieser Schlußfolgerung, auch wenn es keineswegs alle Widersprüche aufzulösen vermag. Gemessen an der seit Jahrzehnten eingeübten Praxis, Geburtenförderung mit dem unvermeidlichen Hinweis „So etwas hatten wir ja schon mal“ zu verteufeln, kommt die Aufforderung an die Politik, alles zu tun, um Menschen zur Familiengründung zu bewegen, allerdings bereits einem handfesten Tabubruch gleich. Bemerkenswert an dem Gutachten ist darüber hinaus die Einsicht in die Realität der unterschiedlichen Lebensstile von Frauen mit Kindern. Neben der bisher üblichen, schwarzweiß-malenden Einteilung in „gute“ berufstätige Mütter mit Vollzeitstelle, die ihr Kind in vom Staat bereitzustellende Betreuungseinrichtungen abzugeben haben, und nicht so gute Vollzeit-Mütter, die ganz zu Hause bleiben und sich der Erziehung widmen, erkennt das Gutachten als häufigsten Lebensstil den von der britischen Soziologin Catherine Hakim von der London School of Economics so bezeichneten „adaptiven“ Typ an: Frauen, die Beruf und Familienleben unter einen Hut bringen wollen, die oft in Teilzeit arbeiten oder arbeiten wollen, um auch noch Zeit für ihre Kinder zu haben, besonders wenn diese noch klein sind. Mit sechzig Prozent der Frauen dominiert in Deutschland, wie auch in vielen anderen westlichen Ländern, klar dieser Typ. Während laut Bertram „berufsorientierte“ Frauen (etwa 25 Prozent) von Maßnahmen angesprochen werden, die ihre beruflichen Entfaltungsmöglichkeiten unterstützen, und „familienorientierte“ Frauen (15 Prozent) vor allem durch familien- und sozialpolitische Instrumente erreicht werden, könne dieser größten Gruppe der Frauen, die einen „adaptiven“ Lebensstil bevorzugen, nur durch einen „Mix aus Zeitoptionen, Infrastrukturangeboten und Geldtransfers“ geholfen werden. Hans Bertram und Renate Schmidt schlagen als erstes Mittel zum Umsteuern einen radikalen Umbau der bisherigen Transferleistungen vor: Statt des an Einkommensgrenzen gebundenen Erziehungsgeldes soll ein „Elterngeld“ als Lohnersatzleistung geschaffen werden, das dem Elternteil, der das Kind zu Hause betreut, ein Jahr lang eine Absicherung in Höhe von zwei Dritteln des letzten Nettoeinkommens gewährleisten soll. Die Initiatoren versprechen sich davon, daß verstärkt auch Väter zu Hause bleiben und daß Frauen, die sich um ihr Kind selbst kümmern wollen, weniger in wirtschaftliche Abhängigkeit von anderen geraten – jedenfalls im ersten Jahr. Geldtransfers sind nicht die ganze Lösung – das immerhin weiß auch Bertram. Und auch der bislang immer als Allheilmittel propagierte Ausbau der Betreuungsangebote hilft nur begrenzt. Das Gutachten verweist auf Länder wie die USA, die bei ähnlich hoher Kinderlosen-Rate wie Deutschland trotzdem eine Geburtenrate von bestandserhaltenden 2,1 Prozent aufweisen, weil die drei Viertel der Frauen, die sich für Kinder entscheiden, nicht nur bequeme Einzelkinder haben, sondern mehrere. Frauen mit drei und mehr Kindern aber, meint Bertram, lassen sich weniger vom Gedanken an Job und Betreuungsplatz leiten als von der gesellschaftlichen Anerkennung ihrer Erziehungsarbeit. Legt man die BiB-Studie daneben, so kommen die Experten vom Bundesinstitut für Bevölkerungswissenschaften zu dem Schluß, daß sich für die Ein-Kind-Lösung diejenigen entscheiden, die im Kind zuerst den Kostenfaktor sehen; gänzlich kinderlos bleibt, wer als zeitgemäßer Individualist „Selbstverwirklichung, Karriere, Gleichberechtigung“ an die erste Stelle in seinem Wertekanon setzt. „Beruflicher Erfolg wirkt wie ein Verhütungsmittel“ Wer so denkt, wird freilich auch durch das wiederum vom „Kostenfaktor“ ausgehende „Elterngeld“ nicht umgestimmt werden können, das in erster Linie die Ein-Kind-Eltern ansprechen dürfte. Doch die können die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen nicht wettmachen. Unverblümt spricht das Bertram-Gutachten die „soziale Spaltung“ im Fortpflanzungsverhalten der Deutschen an: Nur zwanzig Prozent der Hauptschulabsolventinnen bleiben kinderlos, aber 36 Prozent der Akademikerinnen; bei den Hochschulabsolven­tinnen unter 35 sind gar 62 Prozent ohne jeden Nachwuchs. In den USA liegen die Probleme ähnlich; dort sind Frauen in den höchsten Einkommensgruppen zur Hälfte kinderlos. Die scheinbar „gesunde“ Geburtenrate dürfte damit – über dieses Tabu schweigt sich leider auch Bertram aus – vor allem auf die farbigen und lateinamerikanischen Bevölkerung zurückzuführen sein und die Statistik in ähnlicher Weise beeinflussen wie in Frankreich, wo davon ausgegangen werden darf, daß nicht die gute Ganztagsbetreuung die Geburtenrate anhebt, sondern die Gebärfreudigkeit der maghrebinischen Einwanderer. „Bildung und beruflicher Erfolg wirken wie ein Verhütungsmittel“, spitzt die Studie zu. Den Grund sieht Bertram zum einen im harten Konkurrenzkampf um Spitzenkarrieren und in den überlangen Ausbildungszeiten. Ökonomische Selbständigkeit beginne für vierzig Prozent eines Jahrganges erst nach dem 28. Lebensjahr – „mit der Konsequenz, daß für den Aufbau einer Partnerschaft und Familie mit eigenen Kindern höchstens noch fünf bis sieben Jahre zur Verfügung stehen, bei gleichzeitiger Notwendigkeit, sich auch beruflich und ökonomisch zu etablieren. Im Lebensverlauf junger Erwachsener ist eine rush hour entstanden, und dies paradoxerweise zu einem Zeitpunkt, in dem sich die Lebenserwartung dieser jungen Leute um fünf bis zehn Jahre verlängert hat.“ Um diese kurze Frist der Familienplanung zu entzerren, schlagen Bertram und Schmidt zweierlei vor: Zum einen sollen Studien- und Bildungssubventionen, die wie Bafög und Kindergeld an das Elterneinkommen gebunden sind und daher die finanzielle Abhängigkeit vom Elternhaus verlängern, nach skandinavischem Vorbild durch direkt an die jungen Leute gerichtete Förderungen ersetzt werden. Zum anderen sollen die Universitäten und Hochschulen kinderfreundlicher werden, um den qualifizierten Nachwuchs besser bei der familiengerechten Karriereplanung unterstützen zu können. Bertram schlägt unter anderem vor, die Aufgaben von universitären „Frauenbeauftragten“ zu denen von „Elternbeauftragten“ zu erweitern. Ferner setzt Bertram darauf, daß sein „Elterngeld“ für hochqualifizierte Frauen, die wenigstens das erste Jahr ganz für ihr Kind dasein wollen, attraktiver ist als die bisher „mit der Gießkanne“ verteilten Familiensubventionen. Es ist ein grundlegender Wertewandel erforderlich Im einzelnen bietet das Bertram-Gutachten, das zur Grundlage einer Kabinettsvorlage zum „Elterngeld“ im Wahlkampfjahr 2006 werden dürfte, also durchaus bedenkenswerte Ansätze, im grundsätzlichen verharrt es dagegen in Ratlosigkeit und in Allgemeinplätzen. Bertram hat richtig erkannt, daß eine Renaissance der Mehrkindfamilie notwendig ist, die den Eltern mehr Verantwortung abverlangt als das weitgehend konsum- und lifestylekompatible Einzelkind. Die Konzentration politischer Maßnahmen allein auf die Kinderlosigkeit und die Ermöglichung des ersten Kindes sei ein sehr begrenzter Ansatz – den seine Vorschläge allerdings auch nicht überwinden können. Letztlich gibt es kein staatliches Steuerungsinstrument, das den Menschen das Kinderkriegen wieder angewöhnen kann; dazu ist ein grundlegender Wertewandel erforderlich, der von politisch gesetzten Anreizen und Rahmenbedingungen allenfalls begleitet werden kann. Kommt also die Wiederentdeckung der Familie als Keimzelle des Gemeinwesens? Die Einblicke in die sich anbahnende demographische Katastrophe entlocken Mitgliedern des Bundeskabinetts jedenfalls seit neuestem ungewohnte wertkonservative Töne. Familienministerin Renate Schmidt preist den Nachwuchs als Quelle des Glücks – „Kinder sind Lebenssinn und die Zuversicht, daß von der eigenen Person etwas bleibt“. Und Bundesinnenminister Schily dozierte anläßlich der Vorstellung der BiB-Studie: „Eine Absage an Kinder ist eine Absage an das Leben. Wir müssen in Deutschland den Wert von Kindern, von Familien, vom menschlichen Miteinander der Generationen im öffentlichen Bewußtsein stärken. Ohne eine solche offensive Wertedebatte laufen wir Gefahr, daß sich lebensfeindliche, zukunftsverneinende und egoistische Tendenzen in unserer Gesellschaft verstärken.“ Es scheint, daß führenden linken Politikern allmählich dämmert, daß der radikalindividualistische 68er-Egoismus in eine Sackgasse geführt hat. Die Hilflosigkeit, mit der sie Wertedebatten und Bewußtseinswandel beschwören, bezeugt allerdings auch, daß es erheblich leichter ist, traditionelle Werte lächerlich zu machen und zu zerstören, als sie zu restaurieren und die Grundlagen des Gemeinwesens damit wieder zu kitten. Doch Selbsterkenntnis, weiß der Volksmund, ist der erste Schritt zur Besserung. Stichwort: Demographischer Abstieg in Deutschland Die Frauen des Geburtsjahrgangs 1940 haben im Durchschnitt 1,97 Kinder. 26 Prozent haben ein Kind, 34 Prozent zwei Kinder und 29 Prozent drei Kinder und mehr. Nur elf Prozent sind kinderlos. Der weibliche Geburtsjahrgang 1955 gebar im Durchschnitt 1,62 Kinder. Nur noch 19 Prozent diese Frauen haben drei oder mehr Kinder. Bereits 22 Prozent haben keine Kinder mehr. In diesen Jahrgängen wirkt sich erstmals der „Pillenknick“ aus, etwas später auch die Lockerung des Abtreibungs-Paragraphen 218. Frauen des Geburtsjahrgangs 1965 haben dann nur noch 1,48 Kinder im Durchschnitt. 32 Prozent von ihnen sind kinderlos. Die damit immer schwächer werdenden Geburtsjahrgänge, die heute Kinder haben könnten – etwa die Jahrgänge 1965 bis 1985 – haben sogar noch weniger Kinder. Eine Abwärtsspirale ist damit langfristig angelegt. Quelle: Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles