Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

60. Jahrestag des Kriegsendes

Deutsche Politiker und Intellektuelle, die sich für maßgeblich halten, hatten zuletzt die Frage aufgeworfen, ob es erlaubt und angemessen sei, am 8. Mai 2005 auch der deutschen Kriegsopfer zu gedenken. Eine perverse, anderswo undenkbare Fragestellung. Bundespräsident Horst Köhler hat eine Antwort darauf gegeben, die den demütigen Stolz von Bertolt Brechts später Deutschland-Lyrik atmet: „Wir trauern um alle Opfer, weil wir gerecht gegen alle Völker sein wollen, auch gegen unser eigenes.“ Mit dem Satz: „Unsere ganze Geschichte bestimmt die Identität unserer Nation. Wer einen Teil davon verdrängen will, der versündigt sich an Deutschland“ wandte Köhler sich sowohl gegen NS-Verharmloser als auch gegen diejenigen, welche die deutsche Geschichte auf die NS-Zeit verengen wollen. Die vielen Publikationen, Fernsehsendungen und Veranstaltungen in den Wochen vor dem 8. Mai zeigen, daß die Sorge, ein „Schlußstrich“ würde die Aneignung der eigenen Geschichte unterbrechen, unbegründet ist. Und das ist gut so. Denn parallel dazu greifen das Gefühl und die Erkenntnis um sich, daß der Rahmen der einseitigen Geschichtsdidaktik morsch ist. Diejenigen, die von einer ins Unendliche verlängerten „Vergangenheitsbewältigung“ neues Futter für ihren hochmütigen Nationalmasochismus erhoffen, werden womöglich ihr blaues Wunder erleben. Bundespräsident Köhler wollte mit seiner Rede vor dem Bundestag auch die aktuelle deutsche Schockstarre beheben, zu der die „Tätervolk“-Ideologen nicht wenig beigetragen haben. Wie nötig das ist, zeigte am 8. Mai das „Fest der Demokratie“ im Zentrum Berlins, das einem beliebigen Jahrmarktsfest glich. Statt stolzer Bürger, die selbstbewußt den öffentlichen Raum in Besitz nehmen und gestalten, sah man Schnäppchenjäger zwischen Würstchenbuden und Politklamauk umherirren. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth, die dieser Tage 50 wird, trug um den Hals ein rotes Band mit der Aufschrift „Kein Sex mit Nazis“. Die Gewerkschaft Ver.di schenkte Kakao aus und verkündete auf einem Schild: „Braun ist flüssig – oder überflüssig.“ Kleinigkeiten, in denen das Niveau der Anständigen sich offenbart! Die schönen Cafés auf dem Boulevard Unter den Linden warteten indessen vergeblich auf Besucher. Das Fehlen einer kultivierten Festlichkeit, einer würdigen Sprache, die Unfähigkeit zum Genuß stehen für den mentalen Zustand des Landes. Vier junge Antifaschistinnen, voll wie die Feldhaubitzen, jagten auf Fahrrädern in Richtung Brandenburger Tor und ließen brüllend die „internationale Solidarität“ hochleben – verwirrte Kinder, denen die Angst vor der Zukunft im Nacken saß. An der Schloßbrücke hatten sie sich zu einer schwarzgewandeten Masse verdichtet, die eine politisch unerwünschte, aber legale Demonstration blockierte. Eine selbstsichere Bürgergesellschaft hätte den Zug passieren lassen und ignoriert. Wenn das politisch-korrekte Kollektiverlebnis wenigstens die Furcht in Lebensfreude verwandelt hätte! Statt dessen lag etwas Bedrohliches über diesem Bündnis zwischen Politik und Mob: die geile Erwartung des Lynchbefehls. Ein Land, das sich befreit fühlt, stellt sich anders dar.

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