Ein Nachruf

Was waren das für Zeiten, wo noch Zucht und Ordnung herrschten und der unabdingbare Glaube an göttliche Autorität der Majestäten und Chefredakteure wie durch Zauberhand die Schreiberherzen beflügelte. Damals nannte man Praktikanten liebevoll Knecht, schalt sie beim geringsten Versäumnis, durfte sie zärtlich ohrfeigend züchtigen. Sie dankten es ihrerseits der gnädigen Herrschaft mit bedingungslosem Gehorsam und glückseliger Ergebenheit. Stets waren sie ihren Redakteuren zu Diensten und begnügten sich mit dem Wenigen, was man ihnen beim Mittagsmahle übrigließ. Doch dann brach die Neuzeit erbarmungslos in diese Idylle herein. Plötzlich redet man sie mit Herr Soundso an, von Züchtigung ganz zu schweigen. Unser arbeitsscheues Gesindel weiß mit der neugewonnenen Freiheit nicht umzugehen. Morgens haben sie schlechte Laune und einen Kater, mittags sind sie müde und abends wieder durstig. Dieser Umstand macht sich vor allem darin bemerkbar, daß trotz zweier redaktionseigener Kaffemaschinen wirklich nie frischer Röstbohnenaufguß zu haben ist. Wie auch, dient er schließlich ausnahmslos zur Rekonvaleszenz dieser beiden bösen Buben. Doch am Freitag sind sie endgültig weg, und alles hat wieder seine gottgewollte Ordnung. Sven Lachhein

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