Die Luft roch nach brennenden Kerzen

Was hier für ein Gesindel rumrennt“, schimpft ein junger Mann neben der Hofkirche. Mit Freunden ist er auf den Theaterplatz gekommen, um sich der Aktion „10.000 Kerzen für Dresden“ anzuschließen. Tausende sind dem Ruf zum stillen Gedenken gefolgt. Doch manche haben anderes im Sinn. Mit Bierflasche in der Hand, Royal-Air-Force-Kokarde auf der Jacke und Kapuze auf dem Kopf eilen einige Jugendliche zielstrebig Richtung Taschenbergpalais. Dort hat ein auswärtiger Reisebus die falsche Route genommen: Vollbesetzt mit jugendlichen NPD-Anhängern steht er eingepfercht in der Menschenmenge. Drei Mädchen mit roten Fahnen mit Hammer und Sichel drängen sich vor. Rasch kommen weitere Autonome hinzu. Ein kleines Mädchen will wissen: „Mama, sind da die Nazis drin?“ Die Eltern ziehen das Kind ängstlich weiter. Sprechchöre branden durch die Luft: „Nazis raus, Nazis raus“ – doch der Bus kann nicht von der Stelle. „Die haben doch psychische Probleme“, läßt sich ein junger Mann vernehmen. Wen er damit meint, bleibt unklar. Andere schütteln bloß den Kopf. Scheinwerfer markierten den Ort der Massenverbrennung Von den 2.600 Polizisten, die für das Wochenende nach Dresden beordert wurden, ist keiner zu sehen. Die Situation droht zu eskalieren. Der Busfahrer wird froh sein, daß die Pflastersteine hier fest eingelassen sind. Nach endlos scheinenden Minuten bahnen sich Polizisten im Laufschritt ihren Weg durch das Gedränge und zerstreuen die Protestierer. Das stille Gedenken will nicht so recht gelingen. Bereitschaftspolizisten aus sechs Bundesländern sichern die sächsische Landeshauptstadt. „Durch die viele Polizei wirkt die Veranstaltung verkrampft“, sagt Herr Schmied. Der Dresdner war in Ostpreußen in Kriegsgefangenschaft und versteht nicht, warum bei der Gedenkveranstaltung Sowjetfahnen geschwenkt werden. Er möchte ungestört der Toten gedenken. Warum die Stadt bombardiert wurde, weiß Schmied auch: „Die Engländer wollten uns einen Denkzettel verpassen.“ Seine Frau zeigt Verständnis für die Linksradikalen: „No tears for Krauts“ – das diesjährige Motto – hält sie für „nicht schlecht“. Sie selber hat keine Angehörigen in Dresden verloren. Auch Otto Puschmann war in russischer Kriegsgefangenschaft. Er hat nichts dagegen, daß rote Fahnen über dem Theaterplatz wehen. „Die Sowjetunion hat uns doch von den Alliierten am wenigsten getan“, ist er überzeugt. Die Losungen von Rechts und Links sind ihm unsympathisch. „Aber sollen sie doch demonstrieren, wenn sie kalte Füße haben“. In der Tat ist es empfindlich kalt auf dem Theaterplatz, nun kommt noch ein leichtes Schneetreiben hinzu. Bevor die Aktion mit den 10.000 Kerzen richtig begonnen hat, ist sie auch schon wieder vorbei. Die Menschen lassen sich vom allgemeinen Aufbruch Richtung Altmarkt treiben. „Es ist egal, wo lang, bloß vorwärts“, kommt es aus der Menge. Zwei Mittzwanziger unterhalten sich über Opfer des Bombenangriffs: „Wieso waren hier Schlesier?“ „Die sind vor den Russen geflohen.“ „Wieso hatten die Angst vor den Russen? Das waren doch Befreier?“ Am Altmarkt konkurrieren zwei Installationen um Aufmerksamkeit: Aus 4.000 brennenden Kerzen wird ein breiter Schriftzug gebildet: „Diese Stadt hat Nazis satt!“ Die Botschaft ist so groß geraten, daß sie von den Bürgern am Boden nicht mehr gelesen werden kann. Für die Journalisten hat man eine Hebebühne organisiert. Wesentlich bescheidener wirkt die Gedenkstelle für die Massenverbrennungen des Februars 1945. Wegen Seuchengefahr mußten hier schätzungsweise 7.000 Tote stapelweise verbrannt werden. Nun wird diese Stelle – ein etwa sechs mal sechs Meter großes Viereck – durch Scheinwerfer auf dem Boden markiert, aus Lautsprechern kommen knackende Brandgeräusche. Zur Einweihung der Erinnerungsstätte – einer kleinen Bodenplatte – werden Grußworte aus anderen bombardierten Städten verlesen. Ein Iraker klagt: „Engländer und Amerikaner haben Bagdad wie Dresden mit Bomben zerstört. Keiner der Verantwortlichen wurde vor ein internationales Tribunal gestellt“. Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP) gelingt es wieder, den Bogen zur NPD-Demonstration zu ziehen: „Die braunen Rattenfänger fangen mit geistiger Zündelei an – und dann brennen die Städte …“ Zwanzig Meter weiter beginnt die nächste Gedenkveranstaltung. Zum ökumenischen Gottesdienst ist die Kreuzkirche bis auf den letzten Platz gefüllt. Über 3.000 Menschen nehmen an der Feier teil, die seit Jahren zum Gedenken des 13. Februar dazugehört. Die Predigt stellt der evangelische Landesbischof Jochen Bohl unter den Bibelspruch: „Darum ist erschienen der Sohn Gottes, daß er die Werke des Teufels zerstöre.“ Immerhin geht er nicht so weit, die englischen Bomber als Gottesboten zu deuten. „Wir wissen, warum es notwendig war, Nazideutschland niederzuringen. Wir erschrecken bis heute, welchen hohen Preis diese Notwendigkeit forderte.“ Bohl hat kein Verständnis für Extremisten beider Seiten, die den 13. Februar für sich instrumentalisieren wollen. In Richtung der Linksextremen sagt er: „Den Trauernden das Recht auf Tränen nehmen zu wollen, ist eine feindselige Absage an die Gebote der Menschlichkeit.“ Nach dem Gottesdienst strömen die Menschen dem Platz vor der Frauenkirche zu. Viele haben sich weiße Seidenrosen als Symbol „gegen Rechts“ angesteckt. Dumm nur, daß die NPD-Vertreter es ihnen vormittags bei der Kranzniederlegung gleichtaten. Glockengeläut erfüllte das Elbtal zur historischen Stunde Nun drehen sich fast alle Gespräche um die Bombennacht. Trotz der Kolonnen von Polizeitransportern, überall aufgebauten Übertragungswagen des Fernsehens und patrouillierenden Polizisten kehrt langsam Ruhe ein. Um 21.45 Uhr, dem Zeitpunkt des ersten Angriffs, beginnen die Kirchenglocken zu läuten. Zuerst klingt das Geläut aus der Ferne, dann kommen Kreuz- und Hofkirche hinzu. Schließlich fällt auch die Frauenkirche in den Chor der Glocken ein. Schweigend stehen Dresdner und Touristen auf dem Neumarkt, die Luft riecht nach brennenden Kerzen. Eine Viertelstunde bleibt das Elbtal vom Glockengeläut aller Dresdner Kirchen erfüllt, bevor eine Kirche nach der anderen verstummt. Nun warten die Menschen mit brennenden Kerzen geduldig, um sie auf Tischen abzustellen. Der Flammenschein von Teelichtern, Tafelkerzen und Grablichtern liegt auf den Gesichtern der Menschen. Diesmal bleiben sie von den Provokationen der vergangenen Jahre verschont. Niemand schreit Sektflaschen schwenkend „Deutsche Täter sind keine Opfer“ oder „Heult doch!“, wie in den vergangenen Jahren geschehen. Dafür stehen alle zwei Meter Bereitschaftspolizisten, vereinzelt werden Taschenkontrollen durchgeführt. In der Münzgasse ist ein winziges Grüppchen Autonomer von Uniformierten umringt. Auf jeden Kapuzenträger kommen drei Polizisten. Die Parolen der Autonomen würden hier nicht gut ankommen: „Auch sie sind extremistisch. Es kommt auf den einzelnen Menschen an, der sein Leben verliert, nicht auf die Nationalität“, sagt Evelyn Rosenberg, eine junge Frau mit Strickmütze. Deutlichere Worte findet das Ehepaar Janßen aus dem Rheinland: „Diese Parolen sind alles Unverschämtheiten. Diese Leute leben alle vom Staat. Die müßten arbeiten und die Klappe halten!“ Stichwort: Frauenkirche Die Vollendung des Wiederaufbaus ist während der Gedenkveranstaltung zum sechzigsten Jahrestag der Bombardierung ein weiteres Stück näher gerückt. Während bereits am 1. Februar der Kuppelaufstieg wieder möglich wurde, erhielt die Frauenkirche am 14. Februar als Zeichen der Versöhnung ein Nagelkreuz der englischen Stadt Coventry. Mit Abschluß der Arbeiten im Kircheninnern soll die Frauenkirche zum Reformationsfest am 31. Oktober 2005 erneut geweiht werden. Tausende Dresdner am 13. Februar auf dem Theaterplatz: Trauernden das Recht auf Tränen geben

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