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Innere Sicherheit: Shisha, Schutzgeld, Schießereien – Brutaler Bandenkrieg beschäftigt Berlin

Innere Sicherheit: Shisha, Schutzgeld, Schießereien – Brutaler Bandenkrieg beschäftigt Berlin

Innere Sicherheit: Shisha, Schutzgeld, Schießereien – Brutaler Bandenkrieg beschäftigt Berlin

Das Bild zeigt einen Einsatz der Polizei in Berlin.
Das Bild zeigt einen Einsatz der Polizei in Berlin.
Polizeieinsatz in Berlin: Bewaffnete Banden werden immer brutaler. Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow
Innere Sicherheit
 

Shisha, Schutzgeld, Schießereien – Brutaler Bandenkrieg beschäftigt Berlin

Die Schusswaffenkriminalität in Berlin ist 2025 massiv angestiegen. Organisierte Banden – oft aus der Türkei – werden immer professioneller. Die Polizei zeigt sich zutiefst besorgt.
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Tatort Hermannstraße in Berlin-Neukölln: In der Nacht auf Gründonnerstag wird die Polizei zu einem Café gerufen, nachdem Anwohner Schüsse gehört hatten. Vor Ort stellen die Beamten zwei Einschusslöcher in der Scheibe fest. Von den sechs Personen, die sich zu dem Zeitpunkt der Schüsse in dem Café befunden hatten, wurde niemand verletzt. Der Feuerüberfall auf das Café in der von vielen türkischen Geschäften geprägten Hermannstraße ist kein Einzelfall in Berlin, in der Woche vor Ostern waren die Schüsse in Neukölln bereits der dritte derartige Fall. Wie in den meisten dieser Fälle liegen noch keine Informationen zu möglichen Tätern vor. Die Kriminalpolizei ermittelt wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung.

Doch es gibt einen Verdacht: Seit dem vergangenen Jahr tobt in Berlin ein Bandenkrieg, dessen Akteure der organisierten Kriminalität aus der Türkei zugerechnet werden. Dabei geht es vor allem um Schutzgelderpressungen und Drogenhandel. Immer wieder gaben in den vergangenen Wochen und Monaten unbekannte Täter Schüsse auf Cafés, Läden oder Fahrschulen ab. Ende Dezember vergangenen Jahres warfen Unbekannte sogar eine Handgranate in eine Bar in Kreuzberg, die zu diesem Zeitpunkt allerdings leer war.

Lebensbedrohliche Verletzungen erlitt unterdessen der Fahrer eines Mercedes, auf den im Februar in Berlin-Tegel geschossen worden war. Mit Plakaten fahndet die Polizei seitdem – bisher vergeblich – nach dem unbekannten Täter, der vom Fußweg aus am frühen Abend mehrere Schüsse auf das Fahrzeug abgegeben hatte und das 37jährige Opfer an mehreren Stellen in den Oberkörper traf.

Insbesondere im Zusammenhang mit Erpressungen feuerten Täter „vergleichsweise niedrigschwellig Schüsse auf Objekte wie Hausfassaden, Türen oder Fahrzeuge“ ab, ordnet der stellvertretende Sprecher der Berliner Polizei, Jörn Iffländer, diese Entwicklung ein. Dabei entstehe regelmäßig Sachschaden. „Gleichzeitig dienen diese Taten erkennbar dazu, eine Drohkulisse zu erzeugen, entsprechende Forderungen zu untermauern und zu demonstrieren, dass tatsächlich Zugriff auf Schusswaffen besteht und diese auch eingesetzt werden.“ Die Politik in der Hauptstadt, in der im September gewählt wird, verfolgt die gefährliche Entwicklung auf den Straßen mit Sorge.

Polizeipräsidentin vermeidet das Wort „Bandenkrieg“

Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) spricht von einer neuen Bedrohungslage. „Wir sehen inzwischen rivalisierende Banden, die auf Berlins Straßen sichtbar Gewalt einsetzen, sei es durch Handgranatenwürfe auf Lokale, sei es durch Schüsse auf Menschen, Fahrzeuge und auch Gebäude“, sagte sie dem Sender RBB. Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel will angesichts der zunehmenden Gewalt indes nicht von einem „Bandenkrieg“, der sie zu sehr an das „Chicago der 30er Jahre“ erinnere, sondern von „Bandenkriminalität“ sprechen. Berlin werde nicht dominiert von zwei oder drei Banden, die sich bekämpften. „Nicht wie bei einem Rockerkrieg, Bandidos gegen Hells Angels.“ Hinzu kämen laut Meisel alte und neue Rivalitäten im Milieu sowie „familiäre Streitigkeiten“, wie es sie in Berlin schon länger gab und gibt.

Auch die Statistik spricht eine klare Sprache: Im Vergleich zum Vorjahr haben Straftaten mit Schusswaffen 2025 um 68 Prozent zugenommen. Demnach zählte die Polizei 543 Fälle, in denen geschossen wurde. Dazu kamen 629 Fälle von Drohungen mit einer Schusswaffe. Im Jahr 2024 waren es einige hundert Fälle weniger – 363mal wurde geschossen und 303mal gedroht. Begünstigt wird die Eskalation nach Ansicht der Polizeipräsidentin von einer regelrechten Waffenschwemme. Illegale Waffen seien immer leichter zu bekommen. Ein Teil stamme aus illegalen Waffenfabriken in der Türkei, von dort würden sie nach Berlin geschmuggelt.

Vor allem türkisch-kurdische Banden werden für diese Taten verantwortlich gemacht. Dafür werden sogar gezielt Täter eingeflogen, berichtete Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel. „Sie reisen kurzfristig mit einem Touristenvisum ein und begehen dann hier Straftaten, für die sie Aufträge erhalten haben.“ Sie verschwänden nach ihren Taten schnell wieder.

Berliner Polizei und Justiz sind überlastet

Experten sprechen in diesem Zusammenhang von Straßenbanden der „neuen Generation“, die durch Erpressung, Drogen- und Waffenschmuggel erstarkt sind und in der Türkei bereits länger ein großes Problem sind. Nun greift diese Form der organisierten Kriminalität nach Deutschland und insbesondere nach Berlin über. Durch die vielen Türken, die in der Hauptstadt leben, finden die Banden ein ideales Umfeld, um Fuß zu fassen und ihren Einfluss in der Unterwelt schnell auszubauen. Zudem verfügt Berlin über einen florierenden Drogenmarkt, der Kriminellen gute Geschäfte verspricht. Zugleich gelten Polizei und Justiz als unterbesetzt und überlastet.

 

Insbesondere der Name einer Bande fällt dabei in Berlin immer wieder: die „Daltons“, benannt nach den Gangster-Brüdern in den „Lucky Luke“-Comics. „Wir sehen seit ein paar Monaten, dass die Ezgins als Ableger der sogenannten Daltons aktiver werden und die Hauptstadt als Betätigungsfeld und Absatzmarkt für sich entdeckt haben“, sagt der Sprecher der Berliner Gewerkschaft der Polizei (GdP), Benjamin Jendro, dem Tagesspiegel. Die Banden seien brutaler als früher. „Alle haben Schusswaffen, auch längst nicht mehr nur kleine Kaliber. Es wird reaktiv skrupellos vorgegangen, nicht lange gedroht, sondern auch sofort gehandelt.“  Die Berliner Polizei versucht der eskalierenden Bandenkriminalität mit einer Sondereinheit Herr zu werden.

Shisha-Bars und Imbisse stehen im Fokus

Im November richtete das Landeskriminalamt (LKA) eine Sondereinheit für die Ermittlungen ein. Der Name der sogenannten BAO (Besondere Aufbauorganisation) bezieht sich auf die Schusswaffen: „Ferrum“ (lateinisch für „Eisen“). Mehr als 60 Beamte ermitteln derzeit laut Behörde, geplant ist, die Einheit auf über 100 Polizisten aufzustocken.

Derzeit setzt die Berliner Polizei vor allem auf Razzien und Kontrollen in Shisha-Bars, Imbissen und bekannten Treffpunkten insbesondere in Kreuzberg, Schöneberg, Wedding, Charlottenburg oder Neukölln, um die organisierte Kriminalität unter Druck zu setzen. Knapp 5.260 Menschen, 3.010 Fahrzeuge und 819 Lokale wurden bis Ende März überprüft, wie die Polizei auf Anfrage der dpa mitteilte. 27 Schusswaffen und 468 Schuss scharfer Munition seien sichergestellt worden. Zudem 50 sonstige Waffen wie Messer, Baseballschläger und Elektroschocker. Die Polizei leitete 260 Ermittlungsverfahren ein, stellte 50 Verdächtige fest und ließ 12 Haftbefehle ausstellen.

Doch sowohl die Polizei als auch die verantwortlichen Politiker wissen: Der Kampf gegen die neue Form der organisierten Kriminalität in der Hauptstadt ist noch lange nicht gewonnen, er steht erst ganz am Anfang.

Aus der JF-Ausgabe 16/26.

Polizeieinsatz in Berlin: Bewaffnete Banden werden immer brutaler. Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow
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