Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) ist in die Kritik geraten Foto: picture alliance / Pacific Press | Simone Kuhlmey
Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) ist in die Kritik geraten Foto: picture alliance / Pacific Press | Simone Kuhlmey

„Alter, weißer Mann mit heteronormativen Vorstellungen“
 

Empörungswelle: Thierse verteidigt sich gegen Kritik

BERLIN. Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) hat Vorwürfe des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) zurückgewiesen, er verbreite homofeindliche Positionen. Er verwahrte sich im Gespräch mit dem Deutschlandfunk am Donnerstag dagegen, als „Reaktionär mit neurechtem Sprech“ bezeichnet zu werden, der AfD-Positionen vertrete. Zugleich beklagte er, seine Äußerungen würden als Ansichten „eines alten, weißen Mannes mit heteronormativer Orientierung“ abgetan.

Hintergrund sind Angriffe des LSVD-Bundesvorstandsmitglieds und Co-Vorsitzenden von SPDqueer Berlin, Alfonso Pantisano. Der hatte seinem Parteifreund auf Facebook vorgeworfen, in einem Artikel für die FAZ vom Wochenende, die „queere Community“ bespuckt zu haben. Seine in dem Text vorgetragenen Ansichten seien reaktionär und exkludierend.

Thierse hatte in dem Artikel vor einer drohenden Spaltung der Gesellschaft durch linke Identitätspolitik gewarnt. Als Beispiel führte er darin aus: „Wenn Hochschullehrer sich zaghaft und unsicher erkundigen müssen, wie ihre Studierenden angeredet werden möchten, ob mit ‘Frau’ oder ‘Herr’ oder ‘Mensch’, mit ‘er’ oder ‘sie’ oder ‘es’, dann ist das keine Harmlosigkeit mehr.“

Identitätspolitik von Rechts führe zu Gewalt

Für das Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft müßten auch Kompromisse eingegangen werden, erläuterte Thierse in dem Text. „Der unabdingbare Respekt vor Vielfalt und Anderssein ist nicht alles. Er muß vielmehr eingebettet sein in die Anerkennung von Regeln und Verbindlichkeiten, übrigens auch in die Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen.“

Wenn Viel­falt fried­lich gelebt werden solle, dann müsse diese Plura­li­tät mehr sein als das bloße Neben­ein­an­der von sich nicht nur unter­schei­den­der, sondern auch abgren­zen­der Minder­hei­ten und Iden­ti­tä­ten. Dann bedürfe es grund­le­gen­der Gemein­sam­kei­ten, zu denen selbst­ver­ständ­lich die gemein­sa­me Spra­che gehöre, natür­lich auch die Aner­ken­nung von Recht und Gesetz.

Doch statt dessen dominierten „Fragen ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Identität“ den Diskurs. „Debatten über Rassismus, Postkolonialismus und Gender werden heftiger und aggressiver“, beklagte der 71jährige. Aber: „Heimat und Patrio­tis­mus, Natio­nal­kul­tur und Kultur­na­ti­on, das sind Begrif­fe und Reali­tä­ten, die wir nicht den Rech­ten über­las­sen dürfen“, forderte Thierse.

Thierse warnt vor „Erbschuld des weißen Mannes“

Nationen seien keine erledigten, historischen Größen, wie sich gerade jetzt in der Corona-Pandemie zeige. „Das nicht wahrhaben zu wollen, halte ich für elitäre, arrogante Dummheit“, so Thierse.

Der Politiker nahm auch Stellung zum Thema Rassismus in einer pluralistischen Gesellschaft. So müßten Rassismusopfer unbedingt gehört werden. Weiße müßten deren Probleme wahrnehmen. „Aber die Kritik an der Ideo­lo­gie der weißen Über­le­gen­heit darf nicht zum Mythos der Erbschuld des weißen Mannes werden. Die Rede vom struk­tu­rel­len, ubiqui­tä­ren Rassis­mus in unse­rer Gesell­schaft verleiht diesem etwas Unent­rinn­ba­res, nach dem Motto: Wer weiß ist, ist schon schul­dig“, schränkte Thierse ein.

Wenn sich daraus dann Verbote wie beim „Black­fa­cing“ und von bestimmten Begriffen ableiteten, erzeuge das „falsche kulturelle Frontbildungen, Unsicherheiten und Abwehr“. Beim „Blackfacing“ beispielsweise handle es sich um eine Technik, sich andere Kulturen aneignen zu können.

Thierse kritisiert Umbenennungen von Straßen

Die in Deutschland an Fahrt aufnehmende Umbenennungspraxis von Straßen, wenn diese Namen von unliebsamen historischen Personen tragen, kritisierte Thierse ebenfalls. Dabei handele „es sich um symbo­li­sche Befrei­ungs­ak­te von lasten­der, lästi­ger, böser Geschich­te. Die subjek­ti­ve Betrof­fen­heit zählt dabei mehr als der genaue Blick auf die Bedeu­tungs­ge­schich­te eines Namens, eines Denk­mals, einer Person, wie die Beispie­le Mohren­stra­ße und Onkel Toms Hütte in Berlin zeigen. Weil mich der Name belei­digt und verletzt, muß er weg, das ist die fatale Hand­lungs­ma­xi­me“.

Gegenüber dem Deutschlandfunk betonte Thierse ausdrücklich auch die Gefahr einer Identitätspolitik von Rechts. Diese führe zu Haß und Gewalt. Entsprechende Politik von Links führe in die „Cancel Culture“, dem Verdrängen unliebsamer Ansichten aus der öffentlichen Diskussion.

Vorwurf: Thierse verbreite Lügen

Auch in den sozialen Medien hatte Thierse für seine Aussagen Kritik geerntet. So schrieb der Bundesvorsitzende der AG Migration und Vielfalt in der SPD, Aziz Bozkurt, auf Twitter: „Ach Wolfgang … traurig, wie sich einige entwickeln, einfach im letzten Jahrhundert verharren.“

Andere Nutzer bezeichneten Thierses Ansichten als Beleg für den Niedergang der SPD. Früher hätten Sozialdemokraten für die Unterdrückten gekämpft, heute kämpften dort die weißen Männer für ihre Vorherrschaft. Auch gebe es keine Universität, wo „geschlechtergerechte Sprache“ vorgeschrieben sei. Thierse verbreite die „Unwahrheit“.

Ein anderer Nutzer warf Thierse vor „die alleinige Diskurshoheit für sich allein beanspruchen. Das ist nicht mehr zeitgemäß und auch nicht zu akzeptieren“.

In der Vergangenheit hatte Thierse, der in Thüringen aufgewachsen war, die Ostdeutschen davor gewarnt, die AfD zu wählen. Er bitte seine „ostdeutschen Landsleute geradezu flehentlich, den Unterschied wahrzunehmen zwischen dem, was wir 1989 wollten, und dem, was die AfD jetzt beabsichtigt. Die ostdeutschen Wähler sollen und können wissen, was sie tun, wenn sie AfD wählen. Es ist das Gegenteil von 1989“, sagte er im November 2019. Bereits 2012 hatte er die Gründung einer Bundesstiftung gegen Rechts gefordert. (ag)

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) ist in die Kritik geraten Foto: picture alliance / Pacific Press | Simone Kuhlmey
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