Ex-Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brodkorb (SPD) Foto: picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/ZB
Klage über Niveauverfall

Früherer Kultusminister Brodkorb kritisiert Bildungspolitik

BERLIN. Der frühere Kultusminister Mecklenburg-Vorpommerns, Mathias Brodkorb (SPD), hat einen Niveauverfall des deutschen Bildungssystems beklagt. Es gebe schon seit vielen Jahren ein Geschehenlassen und Bemänteln dieser Entwicklung. Und da Politiker wiedergewählt werden wollten, könnten sie nicht zugeben, daß sie zu schwach seien, diese Situation zu ändern, sagte Brodkorb im Gespräch mit Karlheinz Weißmann im Magazin CATO.

„Es stinkt doch zum Himmel: In Hamburg machen 55 Prozent der Schüler das Abitur, in Bayern ‘nur’ 32. Hamburg schneidet bei den Schulleistungstests aber häufig miserabel ab, Bayern steht stets an der Spitze. Und die Notendurchschnitte liegen in beiden Ländern dicht beieinander. Wie geht das? Wie können die Schüler mit den schlechtesten Leistungen die klügsten sein?“

Doch anstatt den Bürgern reinen Wein über den Zustand des Bildungssystems einzuschenken, werde das Gegenteil getan und die Entwicklung als Erfolgsgeschichte verkauft. Dies liege auch daran, daß es eine große Industrie von Bildungsforschern gebe, „die ihr Renommee und ihre Existenz diesem System verdanken, die im Kern an das glauben, was sie da tun, obwohl sie oft gar keine Pädagogen sind“.

Migration hat für Schulen Konsequenzen

Darauf angesprochen, daß es vor allem in SPD-regierten Ländern die Neigung gebe, einen solchen „Abiturbetrug“ aufrechtzuerhalten, wies Brodkorb dies als „Quark“ zurück. Auch daß es häufig die SPD als Regierungspartei gewesen sei, die das Bildungssystem zerstört habe durch systematische Nivellierung und indem sie den klassischen Aufbau beseitigte, wollte er so nicht gelten lassen.

Vielmehr gebe es beispielsweise in den Stadtstaaten oder in Nordrhein-Westfalen, wo lange Jahre traditionell die SPD an der Macht gewesen sei, andere soziodemographische Voraussetzungen als in Ländern wie Bayern oder Baden-Württemberg.

„Nordrhein-Westfalen und die Stadtstaaten haben ja neben einer spezifischen sozialen Lage auch eine Konzentration von Migration in den Schulen – und das hat Konsequenzen. Wenn Sie also sagen wollen, es gehöre genuin zum Linkssein, das Bildungssystem verlottern zu lassen, würde ich dem widersprechen. Leistung und Gerechtigkeit sind kein Widerspruch, sondern bedingen einander.“

Brodkorb fordert mehr Praxis in der Lehrerausbildung

Brodkorb sprach sich dafür aus, die Lehrerausbildung praxisorientierter zu gestalten. „Wenn die nicht gut ausgebildet sind, keine Leistungsansprüche haben, keinen Rückhalt in der Gesellschaft und so weiter – ja, dann kommt auch nichts dabei heraus.“

Das Studium als Grundschullehrer sollte seiner Meinung nach beispielsweise im Idealfall fünf Jahre dauern und zu einer Hälfte aus Theorie und zur anderen aus Praxis bestehen. „Das Referendariat ist inklusive. Es wird mit Aufnahmetests gearbeitet und nicht nur mit der Abiturnote. Sie nehmen nur die besten Bewerber. Diese werden vom ersten Tag an verbeamtet und erhalten eine Besoldung. Im Prinzip könnten diese jungen Leute sofort eine Familie gründen, anfangen, sich fortzupflanzen, und den Kredit für ihr Haus aufnehmen, weil der Lebensweg gesichert ist. Warum das Ganze? Weil es nicht nur eine wunderbare Gelegenheit wäre, die besten Lehrer auszubilden, sondern auch, sie an das Land zu binden. Das schafft eine andere soziale Realität, gerade im ländlichen Raum“, schlug der frühere SPD-Politiker vor.

Schließlich gebe es ein solches Anwärtersystem auch bei der Polizei, der Justiz und der Verwaltung. (JF)

> Das gesamte Interview mit Mathias Brodkorb ist in der neuen Ausgabe von CATO (6/2020) erschienen.

Ex-Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Mathias Brodkorb (SPD) Foto: picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/ZB

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