Nach Attacken auf Polizei in Essen

„Es muß sich was zum Wohle der Polizisten ändern“

Die Situation ist chaotisch. Der jugendliche Libanese wehrt sich nach Leibeskräften gegen die Personenkontrolle. Er bringt einen Polizeibeamten zu Fall. Seine Kollegin liegt bereits am Boden. Erst mit Unterstützung eines zufällig anwesenden Mitarbeiters der Essener Tierrettung gelingt es, den Schläger niederzuringen und festzunehmen. Aber selbst dann sind die Angriffe auf die Polizisten noch nicht vorbei. Aus einer Gruppe von Schaulustigen werden sie aggressiv bepöbelt. Ein weiterer Libanese springt plötzlich vor und tritt die Polizistin in den Unterleib. Als ein zweiter Streifenwagen eintrifft, ergreift er die Flucht.

Das Video des Vorfalls vor einer Essener Shisha-Bar kursiert seitdem in den sozialen Netzwerken. Die Bilder der Respektlosigkeit und Aggressivität, mit der Polizisten konfrontiert sind, machen wütend. Zugleich sind sie kein neues Phänomen. Seit Jahren nehmen Angriffe auf Polizeibeamte im Dienst zu. Die Täter werden immer hemmungsloser und sind oft geübt in Kampfsport oder bewaffnet.

Die Polizisten seien in Situationen wie in Essen häufig überfordert, sagt Christian Hjort. Er betreibt einen Kampfsportclub in Bielefeld und bietet auch Einsatztrainings für Polizisten an. Da ihre Ausbildung realitätsfremd sei und nicht mehr geeignet, der steigenden Gewalt auf den Straßen Herr zu werden, bildeten sich viele Beamte auch bei ihm fort.

Training muß simpler sein

„Das Training vom Land kann ich nicht ernst nehmen“, resümiert Hjort im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT. Es würden immer nur Best-Case Szenarien geübt, aber nie der schlimmste Fall. Was in der Polizeiausbildung an Techniken vermittelt werde, sei außerdem viel zu komplex, um es im Ernstfall anzuwenden. „Unser Training ist simpler, stumpfer, nur so ist es auch in einer Hochstreßsituation abrufbar“, erklärt er sein Konzept.

Zudem übten Polizisten Festnahmetechniken nur drei- oder viermal im Jahr. Doch um auch im Ernstfall, wenn es zählt, das Erlernte anwenden zu können, bedürfe es regelmäßigen Trainings. Hjort zieht einen Vergleich. „Wenn ein Chirurg nur selten operiert, würden sie ihr Kind von so jemandem operieren lassen?“

Gegen Gewalttäter, die oft mehrmals in der Woche Kampfsport trainierten, seien einfache Streifenbeamte chancenlos. In solchen Auseinandersetzungen agierten sie nicht selten planlos. „Da bleibt den Polizisten nur die wilde Klopperei oder der Rückzug.“

Täter wollen Polizisten „umklatschen“

Ohne die Vermittlung realistischer Techniken durch entsprechendes Training, werden sich Situationen wie in Essen häufen, ist sich Hjort sicher. Diese Täter suchten gezielt die Konfrontation mit der Staatsmacht. „Für die ist es cool, Polizisten umzuklatschen.“

Wie groß das Bedürfnis nach zusätzlicher Übung ist, zeigt sich an den Teilnehmerzahlen seiner Einsatztrainings. Pro Jahr kommen rund 150 Polizisten in die Kurse, die er seit zehn Jahren anbietet. Daneben gibt es auch fortlaufende Trainingsgruppen, zu denen regelmäßig über zehn Beamte erschienen. Doch das hat sich nun geändert.

Rückblick: Im Januar strahlte RTL einen Bericht über Hjorts Kurs aus. Vermummte Polizisten der Polizei Bielefeld nahmen daran Teil und äußerten Kritik an der aktuellen Polizeiausbildung. Das hat nun Konsequenzen. Die Polizeiführung in der ostwestfälischen Stadt wollte wissen, wer in seiner Freizeit auf eigene Kosten an diesen Kursen teilnahm. Gegen einen von ihnen läuft derzeit ein Disziplinarverfahren wegen des Verdachts, gegen die Gehorsams- oder Verschwiegenheitspflicht verstoßen zu haben.

Polizeiführung sieht keinen Handlungsbedarf bei Ausbildung

Hjort ist darüber empört. Man hört es ihm im Gespräch an. „Man muß doch nachdenken, wie groß die Unzufriedenheit der einfachen Polizisten ist, daß sie sich öffentlich kritisch äußern und außerdem aus eigener Tasche nebenbei Kurse besuchen.“ Ihnen nun mit Disziplinarverfahren zu drohen, das könne nicht der richtige Weg sein.

Die Bielefelder Polizeipräsidentin Katharina Giere sieht jedoch keinen Handlungsbedarf, an der Polizeiausbildung etwas zu ändern. Man tue alles, um die Beamten „professionell auf die Herausforderungen des polizeilichen Alltags“ vorzubereiten. Zudem gebe es ausreichend Trainingsmöglichkeiten, durch die der geprüfte und rechtlich anerkannte Standard der Polizeiarbeit gesichert sei.

Der ehemalige Polizist und Kampfsportler Nick Hein kritisiert ebenfalls die Bielefelder Polizeiführung Foto: picture alliance/Markus Scholz/dpa

Über solche Aussagen kann Hjort nach seiner jahrelangen Trainingserfahrung mit Polizeibeamten nur den Kopf schütteln. Der Bielefelder Kampfsportler steht mit seiner Kritik an der örtlichen Polizeiführung nicht allein. Auch der ehemalige Bundespolizist und professionelle Kampfsportler Nick Hein ist verärgert wegen des Disziplinarverfahrens gegen den Beamten. Auf seiner Facebook-Seite machte er seinem Ärger Luft. Anstatt die „echten Cops“ zu unterstützen, verheize man sie für eigene politische Ambitionen. Diese Kritik unterschreibt auch Hjort. Statt den Streifenpolizisten eine zeitgemäße und effektive Ausbildung zu ermöglichen, seien die Funktionäre eher auf die Außenwirkung der Polizei bedacht.

Ex-Polizist Hein will sich von Polizeipräsidentin festnehmen lassen

Um zu zeigen, wie weltfremd die Polizeipräsidentin sei, machte Hein ihr ein Angebot: Sollten sie und ihr Pressesprecher es schaffen, ihn festzunehmen, werde er 5.000 Euro an die Bielefelder Polizei oder eine gemeinnützige Organisation spenden. Anderenfalls solle das Disziplinarverfahren gegen den Teilnehmer von Hjorts Trainingskurs eingestellt werden. „Ich will die Polizeiführung nicht vorführen, das liegt mir fern“, betont der gebürtige Kölner. „Aber ich glaube, daß sie den Kontakt zu den Beamten und der Realität verloren hat. Anders kann ich mir so eine skandalöse Reaktion nicht erklären.“ Das Polizeipräsidium Bielefeld wollte sich auf Anfrage der JF nicht dazu äußern.

Das Angebot von Hein sei zwar nicht unbedingt sein Stil, aber „es ist der Sache dienlich“, bewertet Hjort den Vorschlag. Denn nur so würde die Öffentlichkeit auf die Probleme bei der Polizei aufmerksam. Denn eins ist sicher: Die Probleme sind nicht neu. Doch geändert hat sich bislang nichts. „Es muß sich was zum Wohle der Polizisten ändern“, fordert Hjord und hofft, daß die Polizeiführung ein Einsehen hat und das Disziplinarverfahren eingestellt wird. (ag)

Polizisten trainieren die Abwehr eines Messerangriffs: Training muß realistischer werden Foto: picture alliance/imageBROKER

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